Bałaban Majer

Majer Bałaban - persönliche Daten
Geburtsdatum: 20th Februar 1877
Geburtsort: Lwów
Sterbedatum: 1942
Ort des Todes: Warszawa
Beruf: historyk
Related towns: Lemberg (Lwiw), Lublin

Er war Historiker und hervorragender Geschichtsforscher der polnischen Juden. Er beugte sich nicht der Familientraditionen indem er sich mit Typografie beschäftigte, sondern widmete sich der wissenschaftlichen Arbeit. Er studierte unter der Aufsicht von Ludwik Finkel und Szymon Aszkenazy an der Lemberger Universität, wo er 1904 die Doktorwürde erlangte. Während des ersten Weltkrieges übte er in Lublin den Dienst des Militärrabbiners aus. Danach arbeitete er einige Jahre im Oberschulwesen.

In den Jahren 1920 bis 1930 war er Rektor der Rabbinerakademie ,,Tachkemoni”, das auf Anregung der Misrachi-Partei 1920 in Warschau gegründet wurde. Die Schule war dualistisch geprägt – so wie andere Misrachi-Stellen – und verband Grundsätze der religiösen Erziehung mit zionistischen Anschauungen. Sie sollte sowohl die Aufgabe der Jeschiwa als auch die der modernen Akademie erfüllen. Bałaban setzte sich für eine umfassende Ausbildung seiner Absolventen ein (die Schule realisierte das Programm des humanistischen Laiengymnasiums) und bereitete sie gleichzeitig für ihre zukünftige führende Rolle in den orthodoxen Gemeinden vor. Für den Talmudunterricht war Rabbi Mojżesz Sołowiejczyk (er arbeitete in den Jahren 1920 bis 1929) verantwortlich. Die Schulabgänger erwarben den Rabbinertitel, sie konnten ihr Studium auch an der Hebräischen Universität in Jerusalem fortsetzen. (Bałaban war Mitgründer und Verwaltungsmitglied der Gesellschaft der Freunde der Hebräischen Universität in Jerusalem) Doch der Konflikt zwischen Bałaban und Sołowiejczyk spitzte sich zu: Bałaban genoss unter den Studenten großes Ansehen, Sołowiejczyk war ihm jedoch vor, einen destruktiven Einfluss auf die Jugend zu haben, der Sekularisierung zur Folge haben würde. Die Folge ihres Streits war, dass beide aus der Schule ausgeschlossen wurden. Sołowiejczyk hielt  Vorlesungen über den Talmud an der Yeshiwa University in New York, Bałaban hingegen zog sich vom Lehrberuf zurück. Er rechtfertigte diesen Entschluss damit, dass er steigende akademische Pflichen hat, denen er sich widmen muss.  Der Konflikt sowie die Tatsache, dass die beiden herausragenden Lehrer anschließend die Schule verlassen hatten, führten zur stetigen Verschlechterung der Akademie.

Bałaban habilitierte 1928 an der Warschauer Universität. Er wurde zum Professor der Universität Warschau und Dozent an der Freien Polnischen Universität. Er war Mitbegründer und ab 1928 Professor des Instituts für Judaistische Wissenschaften in Warschau. Wiederum genoss er unter den Studenten großes Ansehen. Er gilt als einer der größten Geschichtsforscher der polnischen Juden, Spezialist für die Geschichte des 16. bis 18. Jahrhunderts, mit denen er sich ausführlich, unter Berücksichtigung von verschiedenen Gesichtspunkten (politischen, staatliche, kulturellen und sozialen Aspekten) beschäftigte. Seine Arbeiten basieren auf groß angelegten Forschungen in Archiven, die sowohl polnische Quellen als auch Sammlungen von Judengemeinden umfassten.

Er veröffentlichte folgende Werke: ,,Die Lemberger Juden um die Wende des XVI zum XVII Jahrhundert” (1906), ,,Die Geschichte der Juden in Galizien und in der Krakauer Republik 1772 – 1868” (1916), ,,Die Geschichte der Juden in Kraków (Krakau) und in Kazimierz 1304 – 1655'' (1931, Ausg. II 1936). Zudem verfasste er eine hervorragende Studie im Bezug auf  Kultur und Soziologie ,,Aus der Geschichte der Juden in Polen” (1920), in dem er die ganze Bandbreite verschiedenster Typen von Juden des alten Polens gründlich analysierte. Außerdem veröffentlichte er eine interessante Arbeit über die Bedeutung von Lublin als Zentrum der jüdischen Kultur namens ,,Die Judenstadt von Lublin” (1919). Bałaban interessierte sich auch für das Erbe der materiellen Kultur. Es zeugen folgende Arbeiten davon: ,,Die historischen Denkmäler der Juden in Polen” (1929), ,,Die Wehrsynagogen an den östlichen Grenzgebieten der Republik Polen” (1927). Diese Werke sind gegenwärtig unter Berücksichtigung der geschichtlichen Katastrophen des 20. Jahrhunderts eine ungeahnt wertvolle Informationsquelle über das jüdische Bauwesen. Zudem verfasste er einen synthetischen Überblick über,,Die jüdische Geschichte und Literatur mit besonderer Berücksichtigung der Geschichte der Juden in Polen”. (B.1 – 3, 1920 – 25). Er sammelte seine Bibliographie mit größter Sorgfalt an. Unter den Arbeiten, die er nie fertiggestellt hat, befindet sich auch: ,,Bücherverzeichnis der Geschichte der Juden in Polen und in den Nachbarländern aus den Jahren 1900 – 1930” (Teil 1, 1939, 1978 neu aufgelegt). Er veröffentlichte in jüdischen Zeitschriften wie z.B. ,,Wschód” (,,Der Osten"),  die er auch mitherausgab. Zudem schrieb er auch für polnisch-jüdische Magazine und gründete die Zeitschrift ,,Nowe Życie” (,,Neues Leben”) im Jahr 1924.

Nachdem die Deutschen Warschau erobert hatten, wurde er ins Warschauer Ghetto gesperrt, wo er die Archivabteilung des Judenrates leitete. Im Auftrage der Nazis beschlagnahmte er jüdische Bücher im Frühjahr 1940. Er setzte ununterbrochen seine wissenschaftlichen Forschungen fort. Sein vermutlicher Selbstmord wurde nicht bewiesen. Es ist nur bekannt, dass er Ende 1942 bzw. Anfang 1943 starb, das genaue Datum ist nicht bekannt.

 

Anna Maria Szczepan Wojnarska

Der Text stammt vom Portal Diapozytyw, früher Eigentum des Adam-Mickiewicz-Instituts.

Die Übersetzung dieses Textes wurde ermöglicht dank der freundlichen Unterstützung der:

Konrad Adenauer Stiftung Polska

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