Assimilation

Eine gesellschaftliche Bewegung und eine Strömung innnerhalb der jüdischen Kultur, welche im 19. Jahrhundert unter den Befürwortern der deutschen Haskala entstand.  Sie forderte eine volle Emanzipation der Juden, die Öffnung der jüdischen Kultur auf Einflüsse von außen, die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben und an der europäischen Kultur, sowie eine Reform des Judaismus. Sie trug zur Entwicklung der Bibelkunde, des Studiums über das antike Israel und der modernen theologischen Gedanken des Judaismus bei. Dank Übersetzungen und wissenschaftlicher Abhandlungen hat sie das jahrhundertealte Werk der Juden der europäischen Kultur näher gebracht. Auf dem polnischen Gebiet hatte die Assimilation ihre Anhänger in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gefunden. 1858 erschien eine Gruppe junger Anhänger der Assimilation auf der politischen Bühne der russischen Besatzungszone. Sie protestierte gegen beleidigende Bezeichnungen, die über sie in einer  Theaterrezension von A. Lesznowski in der „Gazeta Warszawska” erschienen waren. Dieser Konflikt fand ein politisches Echo, da die zaristische Verwaltung ihn auszunutzen versuchte. Die Anhänger der Assimilation bereiteten ein modernes Unterrichtsprogramm für jüdische Kinder vor. Sie gründeten eine Elementarschule für jüdische Kinder in Warszawa (Warschau) (1817), sowie eine Rabbinerschule. Außerdem führten sie eine lebhafte Tätigkeit zugunsten der Gleichberechtigung der Juden, und gaben während des Januaraufstandes sogar die polnischsprachige Zeitung „Jutrzenka” (1861-1863) heraus.

Viele Gruppierungen haben an der Assimilationsbewegung teilgenommen. Die gemäßigten Anhänger der Assimilation, die die Tradition der Haskala fortsetzten, legten großen Wert auf Integration, auf die Öffnung für die moderne europäische Kultur, sowie auf die Reform der traditionellen jüdischen Institutionen (Selbstverwaltung, Schulwesen, Brauchtum). Sie waren gegen eine Reform der Religion, zugleich forderten sie aber Veränderungen der Werte einiger Aspekte der Religiosität. Sie propagierten die hebräische Sprache und behandelten sie als ein Werkzeug für die Verbreitung ihrer Ideen. Ihre Anhänger sammelten sich um das Wochenblatt (bzw. seit 1886 um die Tageszeitung) „Ha-cfira”, das von Ch.Z. Słonimski herausgegeben wurde. Polen des mosaischen Glaubens, die größte Gruppe der Anhänger der Assimilation im Polnischen Königreich stellten, befürworteten eine Akkulturation und nationale Assimilation. Sie sahen Assimilation als ein allmähliches Aufgeben der Sprache und der jüdischen Sitten und einer Annahme der polnischen Sprache und Kultur an. Sie forderten eine allmähliche Säkularisierung und Polonisierung des jüdischen Schulwesens. Sie strebten nach einer Reform der Selbstverwaltung, was sie in Warszawa erreichen konnten, indem sie Schlüsselposten in der Synagogenaufsicht belegten (1841). Das Aufgeben des Judaismus wurde in diesem Kreis verurteilt. Sie versuchten ein Kulturreformprogramm zu schaffen indem sie die deutsche Konzeption des Reformjudentums, mit der polnischen Sprache als Predigtsprache übernommen haben. Sie haben somit ein neues Modell der  Religiösität ausgearbeitet.

Mit dem Motto „zu Hause ein Jude sein, draußen ein Mensch”, verurteilten sie jede Art der religiösen Ostentation, sowie pietätvolle Haltungen, die insbesondere im Chassidismus sichtbar sind. Dieser Kreis war um das polnischsprachige Wochenblatt „Izraelita” (1866-1915), das von S.C. Peltyn herausgegeben wurde, versammelt. Indem Polen des mosaischen Glaubens mit den Positivisten zusammenarbeiteten, trugen sie zur Verbreitung des Liberalismus bei und spielten auch eine bedeutende politische Rolle, da sie die die Gruppe der Bekenner zum Judaismus vor der Verwaltung und vor der polnischen Gesellschaft vertraten. Das Äquivalent dieser Gruppe im österreichischen Besatzungsgebiet war rund um den Verein Agudas Achim- Das Bündnis der Brüder- zu finden. Der Verein wurde von W. Feldman, der das Wochenblatt „Ojczyzna” (1881-1892) in Lwów [Lemberg] leitete, gegründet.

Trotz der Konkurenz von Germanisierungsströmungen, entstanden in größeren Städten Galiziens (Kraków [Krakau], Lwów [Lemberg] und Rzeszów) Zentren polonisierter jüdischer Intelligenz. Die Anhänger der radikalen Assimilation, manchmal auch Amalgamation genannt, forderten ein völliges Aufgeben der jüdischen Kultur und des Brauchtums, die Verschmelzung mit der Mehrheitsgesellschaft bis hin zur Änderung des Glaubens. Sie waren gegen jegliche Reformen der jüdischen Institutionen, weil sie es für eine unnötige Verzögerung hielten deren Ziel es war polnische, kulturelle Institutionen zu nutzen und die jüdische Kultur völlig verschwinden zu lassen. Die Befürworter dieser Konzeption waren meistens Atheisten und gründeten Freidenker-Intelligenzkreise. Die Wahl einer solchen Option hielten sie für Privatsache, und deshalb gründeten sie weder eine Gruppierung, noch ein Presseorgan. Auf dem polnischen Gebiet waren Juden unter dem Einfluss dreier Kulturen: der polnischen, der deutschen und der russischen. Die Germanisierung überwog in Wielkopolska [Großpolen] und Śląsk [Schlesien]. Dazu kam seitens der Verwaltung ein Assimilierungsdruck auf die, sich aufgrund von Migration in größere Städte Preußens stetig verringernde, jüdische Bevölkerung. In Galizien gab es neben der Germanisierung auch einen starken Polonisierungsdruck, der im 20. Jahrhundert zu überwiegen begann. Trotz Russifizierung, war für die Anhänger der Assimilation, die pro-polnische Option die attraktivste. Der Prozess der Russifizierung war in den Gebieten erfolgreich, die dem Imperium einverleibt wurden, obwohl auch dort Gruppen polonisierter Juden aktiv waren (Wilno [Vilnius], Hrodna).  

Die ideologische Hauptstadt der pro-russischen Assimilation war Odessa, aber der Erfolg ihrer Anhänger wurde von der antijüdischen Politik des Zarentums zunichte gemacht. Im 20. Jahrhundert kam es gelegentlich zu einer Ruthenisierung der Juden, d.h. zur Angleichung an die ukrainische Kultur. Es gab hierbei keine feste Ideologie. Die Assimilation verlief parallel zur Formierung der Intelligenz. Viele der assimilierten Juden verstärkten die Reihen der Intelligenz, indem sie einen wesentlichem Beitrag zur Bildung und zur polnischen Kultur leisteten. Auf dieser Basis entfalteten sich die wichtigsten politischen, kulturellen und nationalen Parteien, die von den Juden an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert gegründet wurden. Die Ideen der Assimilation fanden keine Befürworter in der Provinz. Bis zum Zweiten Weltkrieg blieb sie unter dem Einfluss der jüdischen Orthodoxie und des traditionellen Lebensstils, dem erst die nationalen und linken Parteien versuchten die Stirn zu bieten. In der Zwischenkriegszeit gab es zwei assimilatorische Parteien mit einem liberalen Charakter: die Assimilatoren (Vorsitzender: S. Dickenstein) und Neoassimilatoren (gegründet 1915, Vorsitzender L.Berenson), sowie den Verein der Polen mosaischen Glaubens, der 1919 gegründet wurde. Die Akkulturation der Juden nahm zu, trotzdem hatte die Ideologie der Assimilation die Konfrontation mit der nationaljüdischen Strömung verloren.  Eine neue Erscheinung war entstanden- die jüdische Nationalkultur, die in polnischer Sprache geschaffen wurde. Der Kreis der sprachassimilierten Juden tendierte sehr oft zum Zionismus oder zur polnischen oder deutschen Linken.

Der Text stammt vom Portal Diapozytyw, früher Eigentum des Adam-Mickiewicz-Instituts.
Der nebenstehende Text stammt aus dem Buch „Historia i kultura Żydów polskich. Słownik“ („Die Geschichte und Kultur der Polnischen Juden. Glossar.“), dessen Autoren Alina Cała, Hanna Węgrzynek und Gabriela Zalewska sind. Das Buch wurde beim Verlag WSiP herausgegeben.

Die Übersetzung dieses Textes wurde ermöglicht dank der freundlichen Unterstützung der:

Konrad Adenauer Stiftung Polska

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