Sozialismus und die Juden

Die Beteiligung der assimilierten jüdischen Intelligenz an der sozialistischen Bewegung war oft ein Mittel zur sozialen Eingliederung. Diese Ideologie, die stärker die Klassenunterschiede als die nationalen Unterschiede betonte, half die Probleme mit der Identifikation zu vermeiden, die die Assimilation und die Diskriminierung auslösten. Die Juden waren Mitglieder aller sozialistischen Organisationen und Parteien, sowie deren Fraktionen und Splittergruppen in den drei polnischen Teilungsgebieten und in ganz Europa. Jüdische Sozialisten machten 4% der politische Gefangenen aus, die zwischen 1878 und1880 nach Sibirien deportiert wurden. Im Kreis der Aktivisten von Vilnius [Wilna], die sich um B. Pilsudski scharten, waren u.a.  Zundelewicz A., I. Kaminer, A.S. Liebermann, A. Finkelstein, L. Jogiches, Ch. Rappoport, J. Martow-Cederbaum, J. Mill, A. Kremer und I. Dembo, der an Plänen beteiligt war, den Zar und den deutschen Kaiser zu ermorden. In Vilnius wirkten Z. Sandberg, die beiden Schwestern R., F. Puzyreński, E. Gordon, und die beiden Schwestern Esther und Elizabeth Gordon, die spätere Aktivistinnen des I. Proletariates wurden. Szymon Dickstein (Pseudonym: Jan Młot, 1858-1884), der jüngere Bruder von Samuel Dickstein, war ein Ideologe des Proletariats, der das „Kapital“ von Marx (1881) und die Werke von F. Lassalle übersetzte. Im II. Proletariat begann die Revolutionärin Rosa Luxemburg (1870-1919) ihre Karriere, die eine Mitbegründerin und Ideologin der Sozialdemokratie des Königreichs Polen und Litauen (SDKPiL) und spätere Aktivistin der deutschen Sozialdemokratie war und schließlich die Gründerin der Deutschen Kommunistischen Partei und des Spartakusbundes wurde. Einen großen Einfluss auf ihre Ansichten hatte Jogiches, bekannt unter dem Pseudonym Jan Tyszka (1867-1919). Unter den Gründern der Polnischen Sozialistischen Partei (PPS) waren S. Mendelson und der Chefideologe der Partei, F. Perl (1871-1927). In Galizien war H. Lieberman (1870-1941) einer der Mitbegründer der Polnischen Sozialdemokratischen Partei. Trotz großer Beteiligung von vielen assimilierten Intellektuellen an den ersten sozialistischen Organisationen, war ihre Akzeptanz beim jüdischen Proletariat gering. R. Felsenhardt (1864 - 1887) war eine der ersten Sozialistinnen, die eine Kampagne unter den jüdischen Handwerkern von Warszawa [Warschau] führte. Sie war eine Aktivistin des I. Proletariats. Sie bezahlte ihre Tätigkeit mit ihrer Verhaftung und dem Tod auf dem Weg ins Exil. In der Rabbinerschule in Vilnius gab es einen sozialistischen Kreis, dem A. S. Liebermann angehörte. Im Jahre 1876 gründete er den Bund der Jüdischen Sozialisten in London [jidd. Agudat Ha-socjalistim Ha-iwrim be-London], der bald zerfiel. Seit 1887 war ein revolutionärer Kreis in Vilnius tätig, der sich als "jüdische Sozialdemokraten" definierte. Hier arbeitete unter anderem Kremer. Die Schaffung einer eigenständigen jüdischen sozialistischen Organisation war nicht mit einem klaren Nationalbewusstsein verbunden, sondern ergab sich aus der Notwendigkeit der Agitation in der Muttersprache. So war der Charakter der jüdischen Organisation der Polnischen Sozialistischen Partei, die in Warszawa im Jahre 1893 gegründet wurde, und des im Jahre 1895 von Milla gebildeten Jüdischen Arbeiterbundes in Warszawa [Jiddisch. Jidiszer Arbajter Farband in Warsze]. Ähnliche Motive hatten Kremer und Mill, als sie zusammen mit dreizehn Begleitern im Jahr 1897 in Vilnius die Partei „Algemajner Yidisher Arbayter Bund in Lite, Rusland un Pojln“ gründeten [jidd. Allgemeiner Jüdischer Arbeiterbund in Litauen, Russland und Polen] - den „Bund“. Seine Mitglieder waren weiterhin an der polnischen und russischen revolutionären Bewegung beteiligt. Sie gehörten zu den Organisatoren der russischen Sozialdemokratie, die im Jahre 1898 gegründet wurde. Obwohl der Sozialistenkongress in Paris im Jahre 1892 gleiche Rechte für alle Nationalitäten forderte, scheuten sowohl die PPS, als auch die SDKPiL davor zurück, dass diese Regel auch für Juden gelten sollte. Die Änderung der Haltung der polnischen revolutionären Parteien zum Bund war durch den Erfolg dieser Partei beim jüdischen Proletariat genötigt, der besonders während der Revolution von 1905 sichtbar wurde. 1920 trat der Bund der „Galizischen Jüdischen Sozialdemokratie“  bei. Im Jahre 1924 verließ eine Gruppe von prokommunistischen Aktivisten, bekannt als „Kom-Bund“, die Partei. Seitdem arbeitete die Partei mit der PPS zusammen. Wenig später löste sich mit der zionistischen Bewegung eine linke Partei vom Bund ab. Im Jahre 1906 entstand die illegale „Jüdische Sozialdemokratische Arbeiterpartei Poale Zion“, die von von D. B. Borochow gegründet wurde. Linke Parteien erhielten durch ihre Tätigkeit in der Gewerkschaftsbewegung große Unterstützung. Im Jahre 1931 gehörte jeder fünfte Arbeiter einer jüdischen Gewerkschaft an (in polnischen Kreisen war es einer von zwölf). Dies ergab sich aus der Überschneidung von sozialen (Ausbeutung, Arbeitslosigkeit, etc.) und ethnischen (Diskriminierung und Übertragung vom wirtschaftlichen Wettbewerb auf die ethnische Ebene, vor allem während der Großen Depression) Problemen. Während des Zweiten Weltkrieges gingen die meisten Parteien, einschließlich der Linken, in den Untergrund. Sie organisierten den zivilen Widerstand und nahmen an der Vorbereitung eines bewaffneten Aufstandes teil. Sie nahmen Kontakt mit der Heimatarmee und den im Untergang wirkenden polnischen Sozialisten auf. Nach dem Krieg (von 1945-1950) waren folgende Linksparteien legal aktiv: „Poale Zion“, linke und rechte Fraktion (im Jahre 1947 erfolgte die Fusion), „Hitachdut“, „Schomer Ha-tsair“, „He-chalutz“, der „Bund“, zusammen mit den Jugendorganisationen: „Dror“, „Gordonia“ und „Cukunft“. Trotz der Proteste von Parteimitgliedern löste sich der „Bund“ im Jahre 1949 auf. Alle zionistischen Parteien wurden durch einen Erlass des Ministeriums für Öffentliche Verwaltung in den Jahren 1949-1950 aufgelöst.

Alina Cała

Der Text stammt vom Portal Diapozytyw, früher Eigentum des Adam-Mickiewicz-Instituts.
Der nebenstehende Text stammt aus dem Buch „Historia i kultura Żydów polskich. Słownik“ („Die Geschichte und Kultur der Polnischen Juden. Glossar.“), dessen Autoren Alina Cała, Hanna Węgrzynek und Gabriela Zalewska sind. Das Buch wurde beim Verlag WSiP herausgegeben.

Die Übersetzung dieses Textes wurde ermöglicht dank der freundlichen Unterstützung der:

Konrad Adenauer Stiftung Polska

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