Liebe Leserinnen und Leser,

wir übergeben Ihnen die neue Version des Virtuellen Schtetls. Es wahrlich ein außerordentlicher Augenblick, da solch eine Transformation in der Geschichte eines so großen Portals höchstens nur einmal in zehn Jahren in Angriff genommen wird. Das Virtuelle Schtetl entstand im Jahre 2009 auf Initiative der Vereinigung Jüdisches Historisches Institut. Im Jahre 2012 übernahm das Museum der Geschichte der polnischen Juden POLIN das Portal. Über die letzten acht Jahre vergrößerte das Virtuelle Schtetl sichtlich seine Bestände. Betonenswert ist vor allem, dass seine Bestände mittlerweile über 200 Tausend verschiedene Objekte (Texte, Aktualitäten, Fotos, genealogische Einträge, Interviews etc.) umfassen. Die Zahl der registrierten Nutzer hingegen beträgt 28 Tausend, von denen viele mit der Zeit auch zu Autoren des Schtetls wurden. Insgesamt wurden wir seit 2009 von rund 10 Millionen Menschen besucht und verzeichneten über 35 Millionen Aufrufe.

Die Modernisierung und Migration des Systems dauerte knapp zwei Jahre. Neben technischen und logistischen Problemen wagten wir es auch, neue Inhalte hinzuzufügen: Genealogie und Oral-History. Die Weiterarbeit an redaktionellen und übersetzerischen Tätigkeiten wird sicherlich noch den ganzen Winter 2017/2018 andauern. Wir hoffen, dass das Endergebnis Ihnen gefallen wird.

Doch das Virtuelle Schtetl existiert nicht, um zu wachsen, die Statistiken zu verbessern oder einen würdigen Platz unter den polnischen Geschichts-Portalen einzunehmen. Das wichtigste Hauptziel des Portals ist die Realisierung der Mission des Museums der Geschichte der polnischen Juden POLIN: „Das Gedenken an die Geschichte der polnischen Juden wieder aufleben zu lassen und zu schützen, womit ein Beitrag zur Verständigung und zu Respekt zwischen Polen und Juden sowie den Gemeinschaften Europas und der Welt geleistet wird”. Das Virtuelle Schtetl dokumentiert auch all jenes, was in der heutigen jüdischen Welt in Polen passiert, aber auch das polnische, öffentliche Gedenken an die Juden. 

Auf dem Foto ist Jurek abgebildet. Jurek wurde 1933 geboren. Den Sommer verbrachte er für gewöhnlich in Nowa Wieś bei Lemberg. Sicherlich liebte er diese Sommerferien, die den hellsten Punkt in seinem kurzen Leben darstellten. Das Datum und der Ort seines Todes werden lediglich von einem Fragezeichen überschattet. Das Foto, welches wir veröffentlicht haben, wurde bislang nie vervielfältigt. Das tragische Schicksal von Jurek wurde bislang auch nicht in den detaillierten Beständen von Yad Vashem niedergeschrieben.

Heute sind die Mörder von Jurek in der Hölle, ihre rassischen und imperialen Ideen hingegen im Mülleimer der Geschichte. Aber Jurek selbst, so wie Millionen seiner Landsmänner, auch der anonymen, die keine wichtige Rolle in der Geschichte spielten, sei es jung oder alt – verbleibt für immer in unseren Herzen. Wir finden uns nicht ab mit Vergessenheit. Wir lehnen ein Szenario, in dem Juden unwiederbringlich aus unserer Geschichte und Identität verschwinden, ab. Im Virtuellen Schtetl wurde Platz für alle polnischen Juden aus dem letzten Jahrtausend geschaffen, für alle Juden aus den weiten Gebieten der Rzeczpospolita.

Im Augenblick des Neustarts des Portals, genau im Moment, wenn das neue jüdische Jahr 5578 beginnt, wird dieser Text zuerst auf Jiddisch und erst dann auf dem Virtuellen Schtetl in Polnisch, Englisch, Deutsch und Hebräisch veröffentlicht. Dies ist auch eine Form der Vergangenheit. Wir haben keine Möglichkeit, Inhalte auch im Alltag auf dem Portal in Jiddisch zu veröffentlichen. Es fehlen Herausgeber, Mittel, Autoren. Und auch wenn das Schtetl in Muranów entsteht, im Herzen des historischen jüdischen Viertels, in dem noch vor 80 Jahren Jiddisch gang und gäbe war, ist es heutzutage jedoch schwer, jemanden in Warschau zu finden, der diese Sprache spricht, vor allem da sie heute am häufigsten nur einen akademischen Charakter hat. Deswegen wollten wir wenigstens auf diese Weise unserer mame loshen die Ehre erweisen. Wir werden uns auch um das Erbe von Jiddisch kümmern und es benutzen, obwohl der alltägliche Gebrauch von Jiddisch in Mittel- und Osteuropa heute nur noch der Vergangenheit angehört.

Im Gedenken an Jurek und alle anderen Juden, die polnische Gebiete bewohnten.

Wir laden Sie ein, das neue Virtuelle Schtetl zu besuchen!

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