Die Anfänge der jüdischen Ansiedlung in Borek Wielkopolski (Borken) reichen bis ins späte14. und frühe 15. Jh. zurück. Die Juden zogen als Folge der Pogrome in Deutschland, Tschechien und in Schlesien in die Wojewodschaft Großpolen. Damals erhielten sie das Recht, sich in Städten wie Kościan (Kosten), Wschowa (Fraustadt) und Borek Wielkopolski niederzulassen. [[Quelle:| Czwojdrak, D.:Z dziejów ludności żydowskiej w południowo-zachodniej Wielkopolsce, Grabonóg, 2004, S. 13.]]. Borek verfügte im Gegensatz zu anderen Städten, die im südwestlichen Teil der Wojewodschaft Großpolen liegen, wie Krobia (Kröben), Poniec (Punitz), Gostyń (Gostyn), Krzywiń (Kriewen), Miejska Górka (Görchen), Kościan, Rawicz (Rawitsch) nicht über das Sonderrecht „De non tolerandis Judaeis”, was das Wachstum der jüdischen Gemeinde positiv beeinflusste. Über genaue Zahlen, die die jüdische Bevölkerung aus dieser Periode betreffen, verfügen wir aber nicht.

In den Jahren 1655- 1660 (während des Zweiten Nordischen Kriegs) wurde die jüdische Bevölkerung infolge der Kriegshandlungen und der Pogrome, die von den Truppen von Czarnecki (1656) verübt wurden, stark dezimiert. In der gesamten Wojewodschaft Großpolen ermordete man, wie man heute schätzt, einige tausend Juden. Die ersten Zahlenangaben über die Zahl der jüdischen Einwohner der Stadt Borek stammen aus dieser Periode. Im Jahre 1674 verzeichnete man in der Stadt 210 christliche und 21 jüdische Steuerzahler (9,1 %). Diese Zahl sank zwei Jahre später auf 14 Steuerzahler.  [[Quelle:| Czwojdrak, D.: Z dziejów ludności żydowskiej w południowo-zachodniej Wielkopolsce, Grabonóg, 2004, S. 13.]]. In Borek existierte, ähnlich wie in den anderen Städten, ein jüdischer Stadtteil, dessen Größe über die Jahre hinweg nahezu gleichbleibend war. Solche Stadtteile waren meist um die Synagogen herum gelegen, die das Zentrum des religiösen und gesellschaftlichen Lebens bildeten. [[Quelle:| Czwojdrak, D.: Z dziejów ludności żydowskiej w południowo-zachodniej Wielkopolsce, Grabonóg, 2004, S. 40.]]. Die jüdische Bevölkerung befasste sich vor allem mit dem Handel und Handwerk. Zu den populärsten Berufen zählten die Schneiderei, das Schusterhandwerk, die Fleischerei, die Seiferei, die Kürschnerei und das Bäckerhandwerk. Preußischen Angaben Ende 1793 zufolge wohnten damals in Borek 448 Juden, die 34,4 % der Stadtbevölkerung bildeten. [[Quelle:| Czwojdrak, D.: Z dziejów ludności żydowskiej w południowo-zachodniej Wielkopolsce, Grabonóg, 2004, S. 44.]]. Man sollte erwähnen, dass Borek neben Leszno (Lissa) und Rawicz die drittgrößte jüdische Siedlung im südwestlichen Teil der Wojewodschaft Großpolen war. In Leszno, dem Zentrum dieser Region, wohnten 2991 Juden, die 43,8 % der Stadtbevölkerung ausmachten. In Rawicz wohnten hingegen 1087 Juden, aber ihr Anteil an der allgemeinen Einwohnerzahl war viel niedriger als in Borek und betrug lediglich 14,9 %.

Die preußische Verwaltung brachte eine Veränderungen in Bezug auf die rechtliche Stellung der jüdischen Bevölkerung mit sich. Der Prozess der Emanzipation dieser sozialen Gruppe dauerte in der Wojewodschaft Großpolen länger als in den westpreußischen Provinzen. Das 1812 eingeführte sog. Emanzipationsedikt wurde im Großherzogtum Posen (1815-1848) nicht durchgesetzt. Die Ausgabe eines Sondergesetzes im Jahr 1833, die so genannte „Vorläufige Verordnung wegen des Judenwesens im Großherzogthum Posen”, die eine Aufteilung in Eingebürgerte und Tolerierte einführte, war der Wendepunkt für die Juden der Wojewodschaft Großpolen, weil sich dadurch eine Chance zur rechtlichen Gleichstellung für die jüdische Finanzelite ergab.

Zu Beginn des 19. Jhs. bekamen die Juden außerdem die Möglichkeit, sich in Städten anzusiedeln, in denen sie sich bisher nicht niederlassen durften, unter anderem in Krzywiń, Gostyń und  Kościan. [[Quelle:| Czwojdrak, D.: Z dziejów ludności żydowskiej w południowo-zachodniej Wielkopolsce, Grabonóg, 2004, S. 40.]]. Dies hatte großen Einfluss auf die Anzahl der Juden, die in dieser Region wohnten, aber in Borek blieb die Zahl der Juden auf einem gleichbleibenden Niveau. 1840 wohnten hier 591 Juden, die 32,6 % der Stadtbevölkerung ausmachten, wodurch Borek die viertgrößte jüdische Siedlung nach Leszno (3466; 39,2%), Rawytcz (1780; 20,3%) und Wolsztyn (Wollstein) (858; 32,7%) in Großpolen war. [[Quelle:| Czwojdrak, D.: Z dziejów ludności żydowskiej w południowo-zachodniej Wielkopolsce, Grabonóg, 2004, S. 50.]]. Im 19. Jh. bildeten die Juden ein wichtiges demographisches, wirtschaftliches und kulturelles Element der Stadt Borek. Unter den berühmtesten Personen, die mit der Stadt verbunden waren, sollte man den Rhabbiner Elijahu Guttmahera (geb. 1795 in Borek, gest. 21.10.1875 in Grodzisk Wielkopolski (Grätz)) anführen, einen Gelehrten und berühmten Talmudisten und gleichzeitig einer der wenigen Zaddiken, die auf dem Gebiet der Wojewodschaft Großpolen tätig waren.

Im 19. Jh. verfügte die Gemeinde in Borek über einen eigenen Friedhof (der sich heute in der Lisia-Straße befindet), eine Synagoge, eine Badehaus und ein Bethaus. Bis Ende des 18. Jhs. waren in der Stadt einige Melameden tätig. Eine jüdische Schule (in der Nähe der Synagoge in der Żydowska-Straße gelegen) wurde im 19. Jh. gegründet. [[Quelle:| Czwojdrak, D.: Z dziejów ludności żydowskiej w południowo-zachodniej Wielkopolsce, Grabonóg, 2004, S. 81.]].

In der zweiten Hälfte des 19. Jhs. sank die Zahl der Juden in Großpolen. Viele von ihnen verließen ihre Heimatstädte und begaben sich nach Deutschland, da dort der gesellschaftliche Aufstieg schneller möglich war und die Lebensbedingungen besser waren.Die Reise nach Deutschland wure am 8. Mai 1848 möglich, denn damals wurde die Aufteilung in Eingebürgerte und Tolerierte aufgehoben. Dies war auch das Ergebnis der im 19. Jh. einsetzenden Assimilation der prodeutschen jüdischen Bevölkerung und der Veränderung des wirtschaftlichen Gefüges des Großherzogtums Posen zugunsten der Landwirtschaft, was die ökonomische Situation insbesondere der Juden verschlechterte, die selten von der Landwirtschaft lebten. All diese Prozesse fanden auch in Borek statt. 1871 wohnten hier 379 Juden, die lediglich 18,8% der Gesamtbevölkerung ausmachten. [[Quelle:| Czwojdrak, D.: Z dziejów ludności żydowskiej w południowo-zachodniej Wielkopolsce, Grabonóg, 2004, S. 40.]]. In den nächsten Jahren konnte ein weiterer Rückgang der jüdischen Bevölkerung von Borek festgestellt werden. 1895 notierte man 157 Juden, die 7,6 % der Gesamtbevölkerung (nach anderen Angaben waren es 150 Juden) ausmachten [7,2%]) [[Quelle:| Czwojdrak, D.: Z dziejów ludności żydowskiej w południowo-zachodniej Wielkopolsce, Grabonóg, 2004, S. 56.]]. Als Folge der Abwanderung der jüdischen Bevölkerung und der fortschreitenden Assimilation, schloss man im Jahr 1910 die jüdische Schule in Borek und deren Schüler gingen fortan auf eine evangelische Schule. [[Quelle:| Czwojdrak, D.: Z dziejów ludności żydowskiej w południowo-zachodniej Wielkopolsce, Grabonóg, 2004, S. 81.]].

Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges hemmte für kurze Zeit die Emigration, die nach der Niederlage Deutschlands und dem Anschluss der Wojewodschaft Großpolen an Polen wieder massenhaft erfolgte. Die genaue Bezifferung der Zahl der jüdischen Einwohner der Stadt Borek nach dem Ersten Weltkrieg ist nicht möglich, da die Angaben, die vom Ministerium der ehem. preußischen Verwaltung und von der Abteilung für Religionsfragen im Wojewodschaftsamt in Poznań (Posen) zusammengetragen wurden, während der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg vernichtet wurden. Eine erste Emigrationswelle der Juden fand im Jahr 1918 statt, und eine weitere erfolgte in den Jahren 1920- 1923. Nach 1925 existierten jüdische Gemeinden nur noch in wenigen Städten im südwestlichen Teil der Wojewodschaft Großpolen, unter anderem aber auch in Borek. [[Quelle:| Czwojdrak, D. : Z dziejów ludności żydowskiej w południowo-zachodniej Wielkopolsce, Grabonóg, 2004, S. 105]]. 1931 bewohnten die Juden neun Städte in dieser Region. Man schätzt, dass in Borek damals nicht mehr als zehn Juden wohnten.

In den Jahren 1919- 1939 zeichnete sich ein Geburtenrückgang ab. Zwanzig Jahre lang kam in Borek kein einziges jüdisches Kind auf die Welt. Dafür verzeichnete man elf Todesfälle. [[Quelle:| Czwojdrak, D. : Z dziejów ludności żydowskiej w południowo-zachodniej Wielkopolsce, Grabonóg, 2004, S. 113]].

Der Rückgang der jüdischen Bevölkerung verursachte die Auflösung von zehn der siebzehn jüdischen Gemeinden in Großpolen [[Quelle:| In acht Fällen erfolgte eine Selbstlösung, zwei Gemeinden wurden kraft eines Erlasses des Posener Woiwoden aufgelöst, aber die formelle Auflösung der jüdischen Gemeinde erfolgte erst im Jahre 1932, als man aufgrund einer Verordnung des Ministeriums für Religionsfragen und Öffentliche Aufklärung die jüdischen Gemeinde neu geschaffenen Bezirken zuteilte. Damals verlegte man den Hauptsitz der jüdischen Verwaltung nach Leszno, dem damals auch Borek unterstand. [[Quelle:| Czwojdrak, D. : Z dziejów ludności żydowskiej w południowo-zachodniej Wielkopolsce, Grabonóg, 2004, S. 131]]. Das Vermögen der jüdischen Gemeinde in Borek ging in das Eigentum der Gemeinde in Leszno über. Der Rückgang der jüdischen Bevölkerung und die einsetzende Wirtschaftskrise erforderten den Verkauf einiger Gemeindeimmobilien, die sich die jüdische Gemeinde nicht mehr leisten konnte. Die Synagoge in Borek wurde im Jahr 1937 verkauft. [[Quelle:| Czwojdrak, D. : Z dziejów ludności żydowskiej w południowo-zachodniej Wielkopolsce, Grabonóg, 2004, S. 132]]. Die immer ältere (in Borek betrug die Geburtenrate -11 Personen pro Jahr) und oft arme jüdische Gemeinde litt an der Folge des Sparzwanges, den die Verwaltung in Leszno ihren Gemeinden auferlegte (keine koscheren Fleischlieferungen mehr, Vernachlässigung des religiösen Lebens). In dieser misslichen Lage wandten sich kleinere Gemeinden oft an den Woiwoden.

In den 30-er Jahren waren die großpolnischen Juden vermehrt den Angriffen (hauptsächlich verbalen, aber auch brutalen körperlichen Übergriffen) seitens der extremen Rechte ausgesetzt. In der regionalen Presse erschienen chauvinistische Artikel, die die jüdisch- deutsche Zusammenarbeit während der polnischen Teilungen unterstrichen und alle Zufälle betonten, in denen man Juden als ein Element, das feindlich für Polen sei, darstellen konnte. Unter den Titeln, die die Juden angriffen, fanden sich unter anderem folgende: „Der Nationalgedanke“, „Die Leszczynskazeitung“, “Osa“ und der mit der Lokalverwaltung zusammenarbeitende „Landkreisfürsprecher“. Man muss allerdings betonen, dass die meisten der einheimischen intellektuellen Eliten und der gewöhnlichen Bürger die Initiativen der Gruppierungen der extremen Rechte reserviert gegenüber stand.

Der spektakulärste Erfolg auf dem Gebiet der Bekämpfung der jüdischen wirtschaftlichen Konkurrenz war der Kauf aller Marktstände auf dem Markt in Borek im Februar 1937 durch Polen, was ein großer Kraftakt war, wenn man die Zahl der jüdischen Konkurrenten (in der Stadt wohnten damals ungefähr 10 Personen) berücksichtigt.

Ein anderes Anzeichen „ des ökonomischen Kampfes” war das Auftauchen von Aufschriften auf Zäunen und Wönden im Dezember 1936: „Kauf nicht bei Juden” und „Wer beim Juden kauft, nimmt den Polen das Brot weg“. Trotz dieser Schikanen seitens der polnischen Gesellschaft waren die Juden gegenüber dem Staat sehr loyal, unter anderem hielt man1936 feierliche Gottesdienste in allen Synagogen zum Gedenken an den Marschall Josef Piłsudski ab [[Quelle:| Czwojdrak, D.: Z dziejów ludności żydowskiej w południowo-zachodniej Wielkopolsce, Grabonóg, 2004, S. 131]].

Die nationalsozialistische Besatzung der Stadt Borek begann am 8. September 1939. Zwischen dem 4. und 8. Dezember 1939 deportierten die Nazis die Juden aus Borek in das Generalgouvernement. Die Transporte wurden nach Baranowo und Tarnobrzeg geschickt. [[Quelle:| Czwojdrak, D. : Z dziejów ludności żydowskiej w południowo-zachodniej Wielkopolsce, Grabonóg, 2004, S. 175]]. Das weitere Schicksal der Juden aus Borek ist nicht bekannt.

Es ist allerdings bekannt, dass während des Zweiten Weltkriegs  in der Stadt ein deutsches Arbeitslager für Juden in Betrieb war, in dem Menschen gefangen halten wurden, die aus verschiedenen Regionen des besetzten Landes stammten. Es lag in der Nähe der alten Schule, in einem Lagerhaus hinter der Rynek-Straße 25b. Man hielt dort ungefähr 30-40 Personen fest. Man nutzte die Gefangenen zum Straßenbau auf dem Gebiet der heutigen Poliklinik und auch zu Arbeiten an anderen Orten u. a. in der Nähe des Ortes Strumian. Es ist nicht gelungen, genau zu bestimmen, wie lange das Arbeitslager in Borek in Betrieb war. Wahrscheinlich brachte man die Gefangenen nach dessen Auflösung in größere Konzentrationslager.

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