Die neue Synagoge.

Da seit der Gründung der Judengemeinde in Szczecin (Stettin) die Zahl ihrer Mitglieder sehr schnell stieg, musste eine neue Synagoge gebaut werden. Die Entscheidung über den Beginn der Bauarbeiten wurde am 22. November 1860 getroffen. Zuvor wurden Gottesdienste in gemieteten Räumen oder in einem hölzernen Haus in der Grünen-Schanze-Straße gehalten. Die Synagoge grenzte an Książnica Pomorska (Pommersche Bibliothek). Den Entwurf der Synagoge fertigte der Stadtbaurat Krühl an. Die Bauausführung erfolgte durch das Unternehmen Ende & Böckmann aus Berlin. Für den Bau der Orgel war das Unternehmen von Emil Kaltschmidt aus Szczecin-Zielony Dwór zuständig. Die Synagoge war als ein gemauertes Gebäude mit rechteckigem Grundriss geplant, das im eklektisch-mauretanischen Stil gehalten werden sollte. Im Westteil sollte sich ein kleiner Vorraum befinden, aus dem man den größten Gebetsraum betreten konnte. Dieser Raum sollte von drei Seiten mit Galerien für Frauen umgeben sein. In der Synagoge sollte es 900 Männerplätze und 750 Frauenplätze geben. Der erste Stein wurde vom damaligen Rabbiner Dr. Treuenfels am 29. Juli 1873 feierlich eingemauert. Er zitierte dabei die Worte des Propheten Haggai: „Es soll die Herrlichkeit dieses neuen Hauses größer werden, als die des ersten gewesen ist, spricht der Herr Zebaoth; und ich will Frieden geben an dieser Stätte, spricht der Herr Zebaoth.(Haggai 2,9). Die Aufschrift „und ich will Frieden geben an dieser Stätte, spricht der Herr Zebaoth“ wurde auf Hebräisch über dem Säulengang angebracht. Darüber hinaus wurde die Hauptfassade mit Tafeln mit Zehn Geboten und Fialen gekrönt. Die Synagoge wurde am 3. Mai 1875 feierlich geweiht. Dabei wurden auch die Torarollen durch die Synagoge getragen. An den Feierlichkeiten nahmen die Vertreter der Stadtverwaltung teil, z.B. der Bürgermeister Sternberg und einige evangelische Geistliche, was ein Beweis dafür war, dass die jüdische Gesellschaft schon damals mit der Bevölkerung der Stadt eng befreundet war und einen untrennbaren Teil der Stadt bildete. Hätte der Prinz und spätere Kaiser Friedrich III. keine anderen Verpflichtungen zu dieser Zeit gehabt, hätte er wahrscheinlich auch an dem Festakt teilgenommen. Bis zum Jahr 1914 wurde die Synagoge mehrmals um- und ausgebaut. Es wurden dort elektrische Beleuchtung, Zentralheizung und am 1. September 1914 neue Orgel des Untenehmens Walcker & Cie verlegt. Die Orgel war eine der wunderschönsten und modernsten in der Stadt. Der erste Rabbiner, der von der Gemeinde angestellt wurde, war Dr. Wolf Aloys Meisel[1.1], der 1853 ein israelitisches Waisenhaus und später noch ein Altenheim in der Gemeinde gründete. Bevor Meisel angestellt wurde, war in Szczecin (Stettin) in den Jahren 1833-1847 Kantor Abraham Jacob Lichtenstein tätig[1.2]. Er war wahrscheinlich der berühmteste und höchst angesehe Kantor in der Gemeinde. Sein Lebenslauf wurde ausführlich im folgenden Buch beschrieben[1.3]. Einer der letzten Rabbiner in Szczecin (Stettin) war Dr. Max Elk[1.4]. Danach waren in der Gemeinde Karl Richter[1.5] und Herbert Finkelscherer[1.6]. Die Synagoge wurde während der Reichspogromnacht von SA-Kampftruppen [1.7] in Brand gesetzt. Die Synagoge wurde durch die Flammen zum Entsetzen der jüdischen Bevölkerung und anderen Bewohner der Stadt völlig zerstört. Die Feuerwehr unternahm keinen Versuch, das Feuer zu löschen, sie schützte nur die Nachbargebäude. Die Thorarollen wurden aus dem brennenden Gebäude gerettet, obwohl man dabei das eigene Leben riskierte, und in die Dammtor-Synagoge in Hamburg transportiert. Sie wurden jedoch zerstört als die Synagoge von Engländern bombardiert wurde. In der Reichspogromnacht verbrannten auch das Begräbnishaus und Sitze der jüdischen Sportvereine – des Rudervereins „Viadrina“ und des Tennisvereins. Auch die jüdischen Geschäfte wurden geplündert und zerstört. Die Trümmer der Synagoge wurden 1940 aufgeräumt. Bis heute ist das Gelände unbebaut. Eine Skizze, die die Frontwand der Synagoge darstellt, ist im folgenden Buch zu finden[1.8]. Es sind auch Bilder der Synagoge erhalten geblieben, die von Jacob Peiser gesammelt wurden[1.9].

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Fußnoten
  • [1.1] Er war in Szczecin (Stettin) in den Jahren 1843-1859 tätig. Dann wurde er nach Budapest versetzt, wo er auch auf Deutsch predigen musste. Er war dort sehr engagiert, verbrachte jedoch in der Stadt nur acht Jahre. Nach einer Predigt bekam er einen Anfall, als Folge dessen er starb. Er war damals 51 Jahre alt.
  • [1.2] Abraham Jacob Lichtenstein (1806-1880) war in den Jahren 1833-1847 Kantor in Szczecin (Stettin). Auf Einladung eines bekannten jüdischen Komponisten Louis Lewandowski fuhr er nach Berlin, wo er einen wesentlichen Beitrag zur Entwicklung der synagogalen Musik leistete. Lichtenstein verfügte über sehr ausdrucksvolle und starke Stimme. Er sang Oratorien von Carl Löwe und spielte Geige. Er machte den berühmten Komponisten Max Bruch auf jüdische Musik aufmerksam, die dann Inspiration für seine späteren Werke wurde, unter anderem für das Stück Kol Nidre, das bis heute gespielt wird.
  • [1.3] Gerhard Salinger, op.cit., S. 282.
  • [1.4] Er war in Szczecin (Stettin) in den Jahren 1926-1935 tätig, dann wanderte er nach dem heutigem Palästina aus. In Haifa gründete er das hoch geschätzte Leo-Baeck-Institut. Er gründete auch die Gemeinde Beth Israel. Er war auch als Schriftsteller berühmt, was dadurch bestätigt wurde, dass er die Ehrenbürgerschaft von Haifa erhielt. Er starb in Palästina im Alter von 85.
  • [1.5] Er war in Szczecin (Stettin) in den Jahren 1936-1938 tätig, dann wurde er nach Mannheim berufen. Es gelang ihm aber, in die USA zu flüchten, wo er die Funktion des Rabbiners einer Gemeinde in Michigan City im Bundesstaat Indiana bis zur Versetzung in den Ruhestand ausübte. Im Jahr 1998 lebte er noch in Florida.
  • [1.6] Er war in der Gemeinde ab dem Jahr 1938 tätig. Zuvor studierte er Chemie und arbeitete als Chemiker. In den Jahren 1930-1935 studierte er am Jüdisch-Theologischen Seminar in Wrocław (Breslau). Im Februar 1940 wurde er zusammen mit anderen Gemeindemitgliedern in die Nähe von Lublin deportiert, wo er ums Leben kam.
  • [1.7] Sturmabteilung (SA) – Kampftruppen, später Kampforganisation der NSDAP.
  • [1.8] Gerhard Salinger, op.cit., S. 256, 257.
  • [1.9] Jacob Peiser, op.cit.