Die Geschichte der jüdischen Gemeinschaft in Bochnia reicht bis in das 15. Jahrhundert zurück. Es kann aber davon ausgegangen werden, dass Juden sich bereits im 13. Jahrhundert, also sofort nach der Entdeckung der Salzvorkommen im Jahre 1248, hier ansiedelten.

Im Jahre 1407 wurde in den Stadtbüchern die Anwesenheit des Juden Jan, der mit Stoffen handelte, verzeichnete. Es ist die erste Erwähnung eines Juden in Bochnia. Ein weiterer Vermerk stammt aus dem Jahre 1445 und handelt von drei Juden, die von einigen Bürgern zusammengeschlagen wurden[1.1].

Ende des 15. Jahrhunderts gab es in Bochnia bereits eine Jüdische Straße (die ul. Żydowska befand sich in der Nähe der heutigen ul. Bracka), was in den Dokumenten aus dem Jahre 1487 bestätigt wird.

Im 16. Jahrhundert vergrößerte sich stetig das von Juden bewohnte Gebiet. Sie nahmen immer mehr der angrenzenden Straßen ein: Kowalska, Szewska (heute ul. Kraszewskiego), Solna Góra und Trudna. Mit der Zeit spielten sie eine immer wichtigere Rolle in der Stadt und waren im gesellschaftlichen Leben aktiv, wovon die Dokumente der Schöffenräte und des Stadtrats zeugen[1.1.1].

Juden beschäftigten sich zur damaligen Zeit mit Wucher, Handel und Handwerk. Sie besaßen Häuser und Plätze und verwalteten das städtische Salzbergwerk[1.1.1]. Bereits 1368 ernannte Kasimir der Große den Juden Lewko zum Bergmeister, also zum Verwalter der Salzbergwerke in Bochnia und Wieliczka. Der Jude Abraham Niger war zudem der Pächter der Salzwerke in beiden Städten[1.2].

Bereits im 15. Jahrhundert entstand in Bochnia das jüdische Viertel, welches sich im Umkreis der ul. Żydowska sowie der bereits erwähnten ul. Kowalska, Szewska (heute ul. Kraszewskiego), Solna Góra und Trudna befand[1.3]. Hier spielte sich das jüdische Leben ab. Im Viertel befanden sich Gebetshäuser, eine Mikwe sowie Schlachtereien.

In Bochnia war das Viertel sehr eng bebaut und überbevölkert. Dies war dadurch bedingt, dass oftmals in einem Gebäude viele jüdische Familien wohnten. Zum Nachteil der jüdischen Gemeinschaft lag das Viertel direkt an der Straße der Leprakranken, die sich bereits außerhalb der Stadt befand. Diese Nähe sowie die katastrophalen sanitären Bedingungen im Viertel führten zu einer ständigen Bedrohung für die Gesundheit[1.4].

Ein wichtiges Ereignis für die jüdische Gemeinschaft in Bochnia war das 1555 von Sigismund II. August erlassene Privileg, welches die Juden von der städtischen Jurisdiktion freistellte. Sie unterlagen dem Woiwoden, doch das Dokument erlaubte ihnen, interne Konflikte in eigenen Gerichten zu entscheiden. Konflikte mit Bürgern der Stadt hingegen wurden in Stadtgerichten des Gemeindevorstehers sowie in Schöffengerichten entschieden. Die Aufsicht über die Juden sowie ihre Sicherheit übernahm ein eigens dafür angestellter jüdischer Richter (iudex Iudaeorum), der vom Krakauer Woiwoden ernannt wurde[1.5].

Die Beziehungen zwischen den Juden und den Christen waren zur damaligen Zeit angespannt. Grund hierfür könnte der Rückgang der Salzgewinnung gewesen sein, was auch die Entwicklung der Stadt negativ beeinflusste und infolgedessen vor allem das christliche Bürgertum verarmte. Für diese Situation wurden die Juden verantwortlich gemacht. Die christlichen Einwohner störten sich vor allen an dem Wucher und dem illegalen Ausschank von Alkoholika. Ein weiterer bedeutender Konflikt war jener zwischen den jüdischen und christlichen Schlachtern. Hierbei ging es darum, dass die jüdischen Schlachter dazu angewiesen wurden, ihre Pflichten gegenüber der Kirche, die aus der Mitgliedschaft in der Zunft resultierten, einzuhalten. Die Schlachterzunft krönte ihre Bemühungen 1583 mit einem königlichen Mandat, welches den Juden die Einhaltung ihrer Pflichten in der Zunft befahl. Im Gegenzug erhielt die jüdische Gemeinde die Erlaubnis, eine eigene Schlachterei zu errichten. Leider war dies aber nicht das Ende der Konflikte, da beide Seiten die Bestimmungen nicht einhielten[1.1.5].

Im Jahre 1605 wurden Juden der Entweihung einer Hostie falsch beschuldigt[1.6]. Die Hostie soll von zwei Bergleuten aus der Kirche gestohlen und an den Juden Jakub, der daraufhin aus der Stadt floh, verkauft worden sein. Infolge dieser vermuteten Entweihung erbaten die Bürger von Bochnia bei König Sigismund III. Wasa das Privileg de non tolerandis Iudaeis, welches am 23. November 1605 erlassen wurde. Dieses Dokument verurteilte die jüdische Gemeinde zur Verbannung. Die Juden mussten die Stadt innerhalb von 12 Monaten verlassen und durften sich in einem Umkreis von 2 Meilen Entfernung von der Stadt nicht niederlassen[1.7]. In dieser Zeit mussten sie alle Geschäfte schließen und alle Angelegenheiten bzgl. ihres Vermögens erledigen. Nach diesem Termin sollte ihr Vermögen beschlagnahmt werden. Nachdem die Juden die Stadt verlassen hatten, wurden ihre Gebets- und Wohnhäuser abgerissen, der Friedhof hingegen wurde zerstört. Bis heute haben sich keine Spuren der damaligen jüdischen Gemeinschaft in der Stadt erhalten. Die Juden aus Bochnia siedelten sich vor allem in Nowy Wiśnicz auf dem Gut von Stanisław Lubomirski sowie in Kazimierz an[1.8].

Das Siedlungsverbot für Juden in Bochnia wurde von der österreichischen Verwaltung im Jahre 1867 aufgehoben, da die jüdische Gemeinschaft im Kaiserreich gleichgestellt wurde[1.9]. Die erste große Gruppe jüdischer Siedler, die im Jahre 1863 nach Bochnia kam, waren Juden aus Nowy Wiśnicz, deren Häuser zuvor ein Brand zerstört hatte. In der neuen Gemeinschaft spielte die chassidische Dynastie Halberstam eine wichtige Rolle[1.10]. Ab dem 19. Jahrhundert war Bochnia ein sich dynamisch entwickelndes Zentrum, u. a. aufgrund des Baus einer Straße von Krakau nach Lemberg sowie einer Eisenbahnlinie zwischen Krakau, Tarnów und Dębica. Dies bewirkte, dass auch die Zahl der jüdischen Einwohner in der Stadt stieg. Zur Jahrhundertwende des 19. und 20. Jahrhunderts waren es im Jahre 1900 schon 2035 Juden, also 21,2% der Gesamtbevölkerung [1.11].

Die Verbundenheit der Juden zu Wiśnicz machte sich aber in Bochnia bemerkbar. Sie bemühten sich bspw. nicht um die Errichtung eines neuen Friedhofs in Bochnia. Erst die Stadtverwaltung zwang sie nach dem Ausbruch der Cholera-Epidemie im Jahre 1872 dazu, eine Nekropole zu errichten. Doch die Juden haben auch noch danach ihre Verstorbenen heimlich zum Friedhof in Nowy Wiśnicz gebracht[1.12].

Die Juden in Bochnia besaßen recht lange keine eigene Synagoge (bis 1874). Die Gebete fanden bis dato in Privathäusern statt. Infolge der jüdischen Migration aus Wiśnicz wurde in Bochnia die jüdische Gemeinde gegründet. Das Leben der Juden konzentrierte sich anfänglich auf das Gebiet des alten Viertels (Region der ul. Bracka). Dort befanden sich die öffentlichen Institutionen, wie das Gebetshaus oder die Cheder-Schule. Der erste Vorsitzende der Kehillah in Bochnia war Liebel Grunspan (60er und 70er Jahre des 19. Jahrhunderts), Kaufmann aus Wiśnicz. Unter seiner Leitung entstand der jüdische Friedhof, wobei im Jahre 1873 ein Bestattungshaus vor ihm erbaut wurde[1.13]. Seine Nachfolger waren Paschie Schanzer und Moses Laub. Unter der Leitung von Laub wurde die Gemeinde 1902 von den Behörden der Starostei aufgelöst, wahrscheinlich als Resultat interner Konflikte zwischen den Mitgliedern. Die Wahlen fanden erst 1908 statt, auch wenn alle Dokumente an die Stadtverwaltung von Laub unterschrieben wurden, obwohl er in dieser Zeit von der Verwaltung des Landkreises seines Amtes enthoben wurde.

Laub bemühte sich 1905 bei der Stadtverwaltung um die Erlaubnis, eine Geflügelschlachterei auf einer Parzelle der Vereinigung Talmud Thora zu errichten, die sich in der ul. Bracka befand. Die Stadtverwaltung lehnte den Antrag aber aufgrund von sanitären Gegebenheiten ab - an die Schlachterei würden eine Schule, ein Gebetshaus sowie ein Wohnhaus angrenzen. So suchten die Juden für die Schlachterei einen anderen Platz auf der gegenüberliegenden Seite der Straße.

In der Gemeinde in Bochnia gab es einige Gebetshäuser. Sie befanden sich hauptsächlich in Privathäusern, wie bspw. in den Räumlichkeiten in der ul. Trudna und in einem Haus in der ul. Sutoris[1.14]. Ende des 19. Jahrhunderts wurde ein Gebetshaus errichtet, welches dem Verein Chiduszim gehörte. Täglich konnten dort hunderte Gläubige beten[1.15]. In seiner Nähe wurde ein weiteres Gebetshaus der Vereinigung Zancer Szul (Vereinigung der Synagoge der Familie Halberstam) erbaut[1.16]. Dort beteten und studierten ausschließlich Chassiden aus Bobowa. Ein weiteres chassidisches Gebetshaus entstand im Jahre 1922 in der ul. Bracka und war ebenfalls mit der Familie Halberstam verbunden, Da es von der Rabbiner Halberstam-Vereinigung aus Bobowa in Bochnia gestiftet wurde[1.1.15]. Neben den Gebetshäuser, die sich in eigenen Gebäuden befanden, gab es auch jene in Privathäusern, wie bspw. im „roten Haus“ an der Ecke der ul. Floris und der ul. Fischera, wo es vier Beit ha-Midrasch gab. Zwei weitere befanden sich in der ul. Kącik 5 sowie an der Ecke der ul. Kącik und der Rzeźnicka.

In den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts begann die Gemeinde den Bau einer Synagoge anzustreben (ul. Trudna 13). Mit dem Bau, der einige Jahre dauert, wurde 1932 begonnen, doch die Arbeiten wurden durch den Krieg unterbrochen. Ende der 30er Jahre erhielten die Juden aber bereits die Erlaubnis, das Objekt zu nutzen. Heute befindet sich in der ehemaligen Synagoge eine Filiale der Bank PKO.

Für die jüdische Gemeinde war vor allem das rituelle Tauchbad, die Mikwe, sehr wichtig. Anfangs nutzten die Juden das öffentliche Bad, doch es erfüllte nicht ihre religiösen Anforderungen. Die erste Erwähnung der Mikwe stammt aus dem Jahre 1883. Im Jahre 1907 hingegen wurde es mit der Erlaubnis der Stadtverwaltung zu einem Wohnhaus umgebaut. Ein Jahr später wurde eine neue Mikwe der Vereinigung Talmud Thora am Bach Babica erbaut. Dank dessen hatte die Einrichtung Zugang zu Wasser[1.17].

Ab der Mitte des 19. Jahrhundert beschäftigte sich die jüdische Gemeinschaft primär mit Handel. Juden gehörten viele Geschäfte, Restaurants, Mühlen und Werkstätten. Die intellektuellen Eliten setzten sich aus Ärzten, Lehrern und Rechtsanwälten zusammen. Viele von ihnen waren Absolventen der Jagiellonen-Universität. In der Zwischenkriegszeit waren die meisten Geschäfte im Stadtzentrum in jüdischem Besitz[1.18]. Vor dem Krieg waren von 272 Kaufleuten in Bochnia 239 Juden. Sie leiteten auch Produktionsbetriebe, in denen die Einwohner der Stadt arbeiteten. Zu den größten gehörten:

  • die Ziegelei Eksterna - 100 Mitarbeiter,
  • die Manufaktur für Steinzeuggefäße von Henryk Munzer - 115 Mitarbeiter,
  • die Firma von Hochstein, Stillman und Stiglitz - 40 Mitarbeiter.

Ferner war die erste Tankstelle der Stadt (Inhaber war Mendel Wienfeld) wie auch der erste Personenkraftwagen in jüdischem Besitz (Samuel Silberring)[1.1.18].

Die Juden in Bochnia waren sehr aktive Bürger ihrer Stadt. Sie stellten bspw. ein Drittel der Helfer der Feuerwehr. Viele von ihnen saßen im Stadtrat. Im Jahre 1894 waren es drei von 44 Mitgliedern des Stadtrats. Von den Mitgliedern aus der Zwischenkriegszeit sollten Mojżesz Bribrama, der Vorsitzende der Kredit- und Genossenschaftsbank und Samuel Silberring, Inhaber und Gründer der Druckerei „Secesja“, die von 1913 bis zum Ausbruch des Krieges tätig war, erwähnt werden[1.19].

Die jüdische Gemeinschaft nahm an den nationalen Feierlichkeiten, wie bspw. am 3. Mai oder an dem Unabhängigkeitstag teil. Ferner waren sie auch bei anderen Anlässen anwesend, wie bspw. bei der Enthüllung des Denkmals von Kasimir dem Großen im Jahre 1871 oder bei den Feierlichkeiten zum 600. Jahrestag der Krönung von Kasimir dem Großen am 17. September 1933[1.20]. Es sollte auch erwähnt werden, dass Juden Organisationen, wie den Fond der Nationalen Verteidigung finanziell unterstützten.

In den 1930er Jahren verschlechterten sich die polnisch-jüdischen Beziehungen, was vor allem an der Agitation der Nationalen Partei lag, die zum Boykott jüdischer Geschäfte aufrief. Es kam auch zu Überfällen auf die Inhaber der Geschäfte. Antisemitische Plakate waren in der ganzen Stadt sichtbar. Diese Maßnahmen wurden bis 1939 fortgeführt. Jüdische Händler wurden aber von der polnischen Bevölkerung positiv beurteilt, u. a. deswegen, weil man mit ihnen verhandeln konnte und ihre Geschäfte auch nach 18:00 Uhr noch geöffnet waren. Das Stadtrecht legte diese Uhrzeit für Geschäfte fest, weswegen der Handel am Abend informell war. Die jüdischen Besitzer weckten nur den Anschein, dass sie ihre Geschäfte schließen würden (bspw. mit heruntergezogenen Rollläden), um daraufhin vor der Eingangstür auf ihre Kunden zu warten. Im Jahre 1936 waren die Geschäfte aber bereits am Nachmittag geschlossen, was Ausdruck eines Protestes gegen die antisemitische Hetze war. Der Protest brachte den Unternehmern aber große Verluste ein.

Im Jahre 1939 lebten in Bochnia ca. 3000 Juden[1.21]. Mitsamt der deutschen Besatzung begannen unterschiedliche Repressionen seitens der Deutschen. Juden war es nicht gestattet, öffentliche Schule zu besuchen. Sie mussten zudem Kennzeichen in Form von Armbinden mit dem Davidsstern tragen. Ihre Gebetshäuser wurden geschlossen.

Noch im Herbst 1939 gründeten die Deutschen den Judenrat und die jüdische Polizei. Ab 1940 wurden die Einwohner in Arbeitslager deportiert.

Im April 1941 wurde in der Stadt das Ghetto errichtet, durch das über all die Jahre, an denen es existierte, 15 000 Juden hindurchgingen. Es waren Juden aus Bochnia selbst, aber auch aus den umliegenden Dörfern und sogar aus Krakau[1.22] und Mielec[1.23]. Das Gebiet des Ghettos umfasste das alte jüdische Viertel zwischen den Straßen ul. Kowalska, Bracka, Niecała, Św. Leonarda, Solna Góra und Kraszewskiego. Anfangs umfasste es ebenfalls die ul. Trudna, doch nach einiger Zeit durften die ausgesiedelten Polen wieder in ihre Häuser in dieser Straße zurückkehren[1.24]. Dies resultierte aus der Minderung der Einwohnerzahl im jüdischen Viertel. Den Eingang zum Ghetto bewachten deutsche und ukrainische Einheiten[1.25]. Das Verlassen des Ghettos ohne Passierschein wurde mit dem Tode bestraft. So ließen über 300 Menschen auf dem jüdischen Friedhof ihr Leben[1.26].

Juden wurden in Werkstätten eingestellt, die sich außerhalb des für sie abgegrenzten Gebiets befanden, u. a. in den ehemaligen Kasernen in der ul. Kazimierza Wielkiego. Die Werkstätten waren der einzige Ort, der Kontakt zwischen Juden und den restlichen Einwohnern der Stadt erlaubte. Dort halfen oftmals die polnischen Arbeiter ihren Kollegen aus dem Ghetto. Sie teilten mit ihnen ihr Brot und erledigten andere Angelegenheiten in der Stadt für sie[1.27].

Die Einwohner des Ghettos wurden durch den Judenrat, der aus 12 bis 15 Mitgliedern bestand, beaufsichtigt[1.28]. Der Rat wusste, wie viele Menschen sich im Ghetto aufhielten und holte von ihnen die von den Deutschen geforderten Zahlungen ein (u. a. mussten die Juden im August 1942 für die Gewährleistung der Sicherheit zahlen, einen knappen Monat später wurde ein Teil von ihnen in Vernichtungslager deportiert). Juden mussten zudem für die Kugeln zahlen, mit denen ihre Mitbrüder erschossen wurden[1.29].

Das Ghetto wurde im Frühjahr 1942 von einem Holzzaun umgeben, den polnische Polizisten bewachten[1.30]. Zu Anfang haben die Deutschen nicht bemerkt, dass das Viertel nicht komplett von der restlichen Stadt abgeriegelt wurde. Einer der Hinterhöfe in der ul. Kraszewskiego (südliche Grenze des Ghettos) war nämlich mit dem Hof der „arischen Seite“ verbunden. Bis zur Abriegelung war dies der einzige Ort, wo Kontakte mit dem „arischen Teil“ möglich waren. Die Polen, die im Ghetto bleiben durften, schmuggelten Lebensmittel[1.31].

Die Liquidations-Aktionen im Ghetto wurden im August und November 1942 (Aktion I und Aktion II) sowie im September 1943 durchgeführt. Vor der ersten Aktion wurden die jüdischen Bewohner der umliegenden Ortschaften in das Ghetto gebracht, u. a. Brzeżany, Nowy Wiśnicz, Bogucice, Lipnica Murowana. Ein Teil der Einwohner versteckte sich, um vor der Deportation zu entkommen. Aufgrund dessen waren die Listen für die Deportation unvollständig, weswegen die jüdischen Polizisten ihre eigenen Familien deportieren mussten. Auch jene, die eine spezielle Erlaubnis hatten, zu arbeiten, wurden in den Tod geschickt[1.1.30]. Im Rahmen der Aktion I wurden am 25. August 1942 ca. 500 Personen im nahegelegenen Urwald bei Niepołomice auf dem Gebiet von Baczków erschossen. Es waren mehrheitlich ältere Menschen, Patienten des Krankenhauses im Ghetto und Kinder, also all jene, die nicht fähig wären, den Transport ins Belzec Lager zu überleben. Insgesamt wurden damals ca. 2000 Personen ohne Arbeitserlaubnis aus Bochnia deportiert[1.32]. An die Massenexekution wurde nach dem Krieg am Ort mit einem Denkmal gedacht. Heute kümmern sich Schüler der Grundschule in Baczków um das Denkmal. Auf dem Denkmal wurden die Namen einiger der Ermordeten eingraviert: Chaja Symcha Banach, Samson Brerman, Chaja Rachel (Nachname unleserlich), Szlomo Erlich, Ita Ebner, Jehuda Leib Feinger, Samuel Feniger, eine Frau mit dem Nachnamen Frager und ihre Tochter, Chaim Samson Garfunkel, Natan Genger, Aron und Chana Greiwer, Alster Leib Gutfreund, Regina Gutfreund, Sara Landerer, Lernerowie, Jehuda und Małka Matzner, Mendel Brauch Nabel, Eliezer Plaster, Helena Reich, Reizl Gisl Tochter des Abraham, Neftali Herz Rosner mit Ehefrau Rachel, Akiba Rotkopf, Chaim Szehnberg, Icchek und Pesil Ulman, Rebeka Weinfeld. Die Liste wurde aus dem Gedächtnis erstellt, weswegen viele der Namen falsch aufgeschrieben sein könnten[1.33]. In dieser Zeit wurden auch viele Juden vor Ort im Ghetto erschossen. Zudem wurden auch ca. 30 Personen auf dem kommunalen Friedhof ermordet. Die 5000 für die Deportation bestimmten Personen gelangten letztendlich in das Vernichtungslager Belzec[1.1.30].

Das Ghetto wurde daraufhin in die Sektoren A und B geteilt. Im ersten wurden die arbeitenden Personen, in Baracken für Männer und Frauen getrennt, untergebracht. Im Sektor B wurden hingegen ältere und kranke Personen sowie Kinder inhaftiert. Während der Aktion II im Frühjahr 1943 wurden 100 Juden in das Arbeitslager Płaszów deportiert.

Die Liquidation des Ghettos fand Anfang September 1943 statt. All jene, die nicht fähig waren, die Reise auf sich zu nehmen (maßgeblich aus dem Ghetto B), wurden auf dem kommunalen Friedhof erschossen (insgesamt 60 Personen). Es waren, wie auch bei früheren Aktionen, überwiegend alte und kranke Menschen, Kinder und die jüdischen Polizisten. Ihre Leichen wurden auf einen Haufen gelegt und verbrannt. Die restlichen Bewohner des Ghettos B wurden in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert[1.34]. Die verbliebenen 1000 Personen wurden in das Arbeitslager Szebnie transportiert, wo die meisten ihr Leben ließen.

Im Ghetto verblieben ca. 250 Personen, die von Ukrainern bewacht wurden. Sie sollten das Ghetto aufräumen und auf versteckte Wertgegenstände durchsuchen. Die gefundenen Gegenstände wurden in das Reich geschickt. Diese Personen arbeiteten bis Dezember 1943 und wurden daraufhin in die Arbeitslager Płaszów und Szebnie deportiert[1.35].

Im Ghetto in Bochnia versuchten die Aktivisten der zionistischen Organisation Akiba, die bereits vor dem Krieg aktiv war, eine Widerstandsbewegung zu organisieren[1.1.35]. Ferner agierte in Bochnia bis November 1943 eine Abteilung des Untergrunds, die mit der Jüdischen Kampforganisation in Krakau zusammenarbeitete[1.36]. Sie organisierte mitunter falsche Personalpapiere und bereitete Bunker im Wald vor, in die all jene, die überlebt haben, im Februar 1943 geflohen sind[1.37].

Es gab in Bochnia auch Polen, die Juden geholfen haben, sich zu verstecken. Ludwika Płachcińska beispielsweise rettete einen jüdischen Jungen. In ihrer Scheune befand sich zudem ein Bunker, in dem sich Juden versteckten. Auch der Pfarrer Stanisław Wójtowicz half ihnen bei der Suche nach geeigneten Verstecken[1.1.27].

Nach dem Zweiten Weltkrieg begannen diejenigen die überlebt haben nach Bochnia zurückzukehren. Sie kamen alle aus Vernichtungslagern, der UdSSR aber auch aus Ungarn, wo sie Zuflucht suchten. Kurz nach dem Krieg verzeichnete die Stadt ca. 30 jüdische Rückkehrer. Sie beschäftigten sich maßgeblich mit illegalem Handel (da über eine Erlaubnis nur zwei von ihnen verfügten) sowie dem Verkauf von Immobilien. Zudem wurden sie vom Jüdischen Komitee in den USA unterstützt. In dieser Zeit gründeten sie in der Stadt das Jüdische Komitee für den Landkreis sowie die Jüdische Religionsvereinigung[1.38].

30 Juden aus den umliegenden Ortschaften wollten in die Stadt ziehen, da sie sich dort sicherer fühlen würden, doch der Bürgermeister lehnte ihre Anträge ab. Im Juni 1945 lebten 100 Juden in Bochnia (laut den Dokumenten der Starostei), im September hingegen ging die Zahl auf 40-50, im Juli 1947 auf 12 zurück. Den Quellen zufolge waren die Juden im Juni und Juli 1949 nur auf der Durchreise in Bochnia, da sie in Krakau angemeldet waren. Viele der Juden aus Bochnia wanderten in die USA, nach Westeuropa oder Israel aus. Dort gründeten sie die bis heutige tätige Vereinigung der Juden aus Bochnia und Umgebung. Sie zählt ca. 80 Mitglieder. Die Vereinigung organisiert zum jeden Jahrestag der Ermordung ihrer Mitbrüder die Trauerakademie Hazakra. Ferner erinnern Denkmäler auf den Friedhöfen in Tel-Aviv und auf dem Berg Sinai an die Opfer des Holocaust in Bochnia und Umgebung.

Im Jahre 2006 wurde ein Denkmal zu Ehren der Opfer des Ghettos in Bochnia auf dem Platz zwischen der ul. Niecała und Solna Góra enthüllt. Zur Feierlichkeit kamen Vertreter der Vereinigung der Juden aus Bochnia in Israel.

 

 

Print
Fußnoten
  • [1.1] Zawidzka I., Żydzi Bocheńscy, Bochnia 1999, S. 3.
  • [1.1.1] [a] [b] Zawidzka I., Żydzi Bocheńscy, Bochnia 1999, S. 3.
  • [1.2] Zawidzka I., Żydzi Bocheńscy, Bochnia 1999, S. 5
  • [1.3] Grzesiak K., Dobre i trudne czasy bocheńskich Żydów, „Słowo Żydowskie” 1995, Nr. 3 (81), S. 12–13.
  • [1.4] Kiryk F., Mieszkańcy Bochni, [in:] Bochnia. Dzieje miasta i okolic, Red. F. Kiryk, Z. Ruta, Kraków 1980, S. 130.
  • [1.5] Kiryk F., Mieszkańcy Bochni, [in:] Bochnia. Dzieje miasta i okolic, Red. F. Kiryk, Z. Ruta, Kraków 1980, S. 130.
  • [1.1.5] Kiryk F., Mieszkańcy Bochni, [in:] Bochnia. Dzieje miasta i okolic, Red. F. Kiryk, Z. Ruta, Kraków 1980, S. 130.
  • [1.6] Bochnia, [w:] Encyclopedia of Jewish Life Before and During the Holocaust, Red. S. Spector, New York 2001, S. 160.
  • [1.7] Kiryk F., Mieszkańcy Bochni, [in:] Bochnia. Dzieje miasta i okolic, Red. F. Kiryk, Z. Ruta, Kraków 1980, S. 131.
  • [1.8] Grzesiak K., Żydzi w Bochni, „Wiadomości Bocheńskie” 1993, Nr. 4, S. 8–10.
  • [1.9] Bochnia, [in:] Encyclopedia of Jewish Life Before and During the Holocaust, Red. Sh. Spector, New York 2001, S. 160.
  • [1.10] Bochnia, [in:] Encyclopedia of Jewish Life Before and During the Holocaust, Red. Sh. Spector, New York 2001, S. 160.
  • [1.11] Zdrada J., W czasach autonomii galicyjskiej (18501918), [in:] Bochnia. Dzieje miasta i okolic, Red. F. Kiryk, Z. Ruta, Kraków 1980, S. 281.
  • [1.12] Zawidzka I., Żydzi w Bochni, [in:] Žili medzi nami: zborník referátov zo seminárov Dní židovskej kultúry v Kežmarku 2004, Kežmarok 2005, S. 114.
  • [1.13] Zawidzka I., Żydzi w Bochni, [in:] Žili medzi nami: zborník referátov zo seminárov Dní židovskej kultúry v Kežmarku 2004, Keżmarok 2005, S. 114.
  • [1.14] Zawidzka I., Żydowskie domy modlitwy, „Rocznik Bocheński” 2008, Bd. 6, S. 55.
  • [1.15] Zawidzka I., Żydowskie domy modlitwy, „Rocznik Bocheński” 2008, Bd. 6, S. 55.
  • [1.16] Zawidzka I., Żydowskie domy modlitwy, „Rocznik Bocheński” 2008, Bd. 6, S. 58.
  • [1.1.15] Zawidzka I., Żydowskie domy modlitwy, „Rocznik Bocheński” 2008, Bd. 6, S. 55.
  • [1.17] Zawidzka I., Żydzi w Bochni, [in:] Žili medzi nami: zborník referátov zo seminárov Dní židovskej kultúry v Kežmarku 2004, Kežmarok 2005, S. 115.
  • [1.18] Bochnia naszych dziadków i pradziadków w latach 19001945, Red. Z. Czekalska-Sitko, Bochnia 2008, S. 9.
  • [1.1.18] Bochnia naszych dziadków i pradziadków w latach 19001945, Red. Z. Czekalska-Sitko, Bochnia 2008, S. 9.
  • [1.19] Zawidzka I., Żydzi w Bochni, [in:] Žili medzi nami: zborník referátov zo seminárov Dní židovskej kultúry v Kežmarku 2004, Kežmarok 2005, S. 118.
  • [1.20] Zawidzka I., Żydzi Bocheńscy, Bochnia 1999, S. 10.
  • [1.21] Zawidzka I., W 50-tą rocznice zagłady Getta bocheńskiego, „Rocznik Bocheński” 1993, Bd. 2, S. 185.
  • [1.22] Zawidzka I., Żydzi w Bochni, [in:] Žili medzi nami: zborník referátov zo seminárov Dní židovskej kultúry v Kežmarku 2004, Kežmarok 2005, S. 120.
  • [1.23] Szymkowska M., Bocheńskie getto, „Wiadomości Bocheńskie” 2002, Nr. 3, S. 8.
  • [1.24] Zawidzka I., W 50-tą rocznice zagłady Getta bocheńskiego, „Rocznik Bocheński” 1993, Bd. 2, S. 187.
  • [1.25] Zawidzka I., 55 rocznica likwidacji getta, „Kronika Bocheńska” 1998, Nr. 10, S. 32.
  • [1.26] Phillips Sh., Dean M., Bochnia, [w:] Encyclopedia of Camps and Ghettos 19391945, Vol. II, Ghettos in German-Occupied Eastern Europe, Part A, Red. P. Megargee, M. Dean, Bloomington 2012, S. 489.
  • [1.27] Zawidzka I., W 50-tą rocznice zagłady Getta bocheńskiego, „Rocznik Bocheński” 1993, Bd. 2, S. 191.
  • [1.28] Zawidzka I., W 50-tą rocznice zagłady Getta bocheńskiego, „Rocznik Bocheński” 1993, Bd. 2, S. 189.
  • [1.29] Zawidzka I., W 50-tą rocznice zagłady Getta bocheńskiego, „Rocznik Bocheński” 1993, Bd. 2, S. 195
  • [1.30] Phillips Sh., Dean M., Bochnia, [in:] Encyclopedia of Camps and Ghettos 19391945, Vol. II, Ghettos in German-Occupied Eastern Europe, Part A, Red. P. Megargee, M. Dean, Bloomington 2012, S. 489.
  • [1.31] Zawidzka I., 55 rocznica likwidacji getta, „Kronika Bocheńska” 1998, Nr. 10, S. 32.
  • [1.1.30] [a] [b] Phillips Sh., Dean M., Bochnia, [in:] Encyclopedia of Camps and Ghettos 19391945, Vol. II, Ghettos in German-Occupied Eastern Europe, Part A, Red. P. Megargee, M. Dean, Bloomington 2012, S. 489.
  • [1.32] Zawidzka I., 55 rocznica likwidacji getta, „Kronika Bocheńska” 1998, Nr. 10, S. 33.
  • [1.33] Zawidzka I., Rana w Puszczy. Akcja I, „Kronika Bocheńska” 2005, S. 26
  • [1.34] Zawidzka I., 55 rocznica likwidacji getta, „Kronika Bocheńska” 1998, Nr. 10, S. 33; Phillips Sh., Dean M., Bochnia, [in:] Encyclopedia of Camps and Ghettos 19391945, Vol. II, Ghettos in German-Occupied Eastern Europe, Part A, Red. P. Megargee, M. Dean, Bloomington 2012, S. 490.
  • [1.35] Phillips Sh., Dean M., Bochnia, [in:] Encyclopedia of Camps and Ghettos 19391945, Vol. II, Ghettos in German-Occupied Eastern Europe, Part A, Red. P. Megargee, M. Dean, Bloomington 2012, S. 490.
  • [1.1.35] Phillips Sh., Dean M., Bochnia, [in:] Encyclopedia of Camps and Ghettos 19391945, Vol. II, Ghettos in German-Occupied Eastern Europe, Part A, Red. P. Megargee, M. Dean, Bloomington 2012, S. 490.
  • [1.36] Zawidzka I., W 50-tą rocznice zagłady Getta bocheńskiego, „Rocznik Bocheński” 1993, Bd. 2, S. 196.
  • [1.37] Phillips Sh., Dean M., Bochnia [in:] Encyclopedia of Camps and Ghettos 1939-1945, Vol. II, Ghettos in German-Occupied Eastern Europe, Part A, Red. P. Megargee, M. Dean, Bloomington 2012, S. 490.
  • [1.1.27] Zawidzka I., W 50-tą rocznice zagłady Getta bocheńskiego, „Rocznik Bocheński” 1993, Bd. 2, S. 191.
  • [1.38] Zawidzka I., Żydzi Bocheńscy, Bochnia 1999, S. 12.