Bis in die 30er Jahre des 19. Jahrhunderts, war es Juden verboten sich in Kielce, was zur Jurisdiktion der Krakauer Bischöfe gehörte und 1535 durch König Sigismund den Alten das Privileg de non tolerandis judaeis verliehen bekam, niederzulassen. Im 16. und 17. Jahrhundert wurde dieses Verbot wiederholt verletzt, sodass im Jahr 1761, kraft eines Dekrets der Bischöfe, allen hier lebenden Juden befohlen wurde, die Stadt zu verlassen.  Jüdische Gemeinden entwickelten sich jedoch in vielen nahe gelegenen Städten, wie z.B. in Chęciny, Pińczów oder Chmielnik.

Nach einer Intervention der Kaufleute aus Chęciny und auf Grundlage einer Genehmigung des Stadtamtes begannen Juden sich 1833 wieder in Kielce niederzulassen. Obwohl die Einwohner von Kielce aus Angst vor wirtschaftlicher Konkurrenz die Aussetzung dieser Entscheidung herbeiführten, lebte eine große Gruppe von Juden illegal in der Stadt, die teilweise in der nahe gelegenen Gemeinde Pakosz gemeldet waren. Im Jahr 1843 zwangen die Bürger von Kielce den Verwaltungsrat zum Fällen einer Entscheidung und damit einhergehend zur Verbannung der Juden am 1. Juli 1844. Doch schon in den Jahren 1858-1862 kehrten Juden zurück nach Kielce. Es siedelten sich zu dieser Zeit auch des Amtes enthobene russische Militärs jüdischer Herkunft zusammen mit ihren Familien an, die dem Siedlungsverbot nicht unterlagen. 1852 lebten in Kielce etwa 100 Juden, die zur Gemeinde in Chęciny gehörten und einen kleinen Prozentsatz der Stadtbevölkerung ausmachten. Erst nach den Reformen von Aleksander Wielopolski im Jahre 1862, kündigten die zaristischen Behörden ein Dekret an, welches den Juden die Niederlassung in Kielce erlauben sollte. Nur 6 Jahre später, im Jahre 1868, entstand hier die erste eigenständige jüdische Gemeinde. Es wurde auch ein konfessioneller Friedhof errichtet. Der erste Rabbiner von Kielce war Tuwia Gutman ha-Kohen. Nach ihm wurde diese Funktion von einem Experten für rabbinische Literatur, Mosze Nachum Jeruzalimski, ausgeübt. In der Stadt war auch eine Gemeinschaft von Chassidim tätig.

Am Ende des 19. Jahrhunderts und Anfang des 20. Jahrhunderts sowie in der Zwischenkriegszeit entwickelte sich die jüdische Gemeinschaft in Kielce sowohl demografisch als auch wirtschaftlich sehr schnell. 1873 lebten in Kielce 974 Juden und 1909 waren es sogar 11.206 Personen jüdischer Herkunft. Je nach Vermögensstand lebten Juden in der Innenstadt, aber auch in den ärmeren Vororten, wie Szydłówek, Psiarnia, Piaski und Barwinek. Vor dem Ersten Weltkrieg gab es in Kielce bereits eine große Synagoge, die 1902 erbaut wurde, 9 Gebetshäuser, über 30 Chadarim, die von insgesamt ca. 900 Jungen besucht wurden, aber auch einige private säkulare Schulen sowie Grund- und Mittelschulen für Jungen und Mädchen. Zahlreiche Industriebetriebe waren in jüdischem Besitz, darunter u. a. die großen Kalkwerke „Wietrznia” aber auch Steinbrüche, Gerbereien und Holzbetriebe sowie fast die Hälfte der in der Stadt befindlichen Geschäfte, zahlreiche Bäckereien und Möbelhäuser. In der Stadt gab es auch viele kleinere Handwerksbetriebe die Schuhe und Metallprodukte herstellten, aber auch Manufakturen zur Herstellung von Kerzen und Wachs. Zu den reichsten Juden der Stadt gehörten zur damaligen Zeit die Familien Rozenholc, Goldfarb, Lifszyc, Chelmner, Gołębiowski, Machtynger, Ajzenberg, Bugajer, Orbajtel, Kaminer, Waksberg, Tenenbaum sowie Josef Orbajtel und Lemel Kahan, Herszel und Eliezer Rajzman, Joel und Icchok Klajnman.

Am 11. November 1918 fand in Kielce eine von der jüdischen Gemeinschaft organisierte Kundgebung statt, bei der die Stadtbewohner politische und kulturelle Autonomie für die polnischen Juden forderten. Als Reaktion auf diese Kundgebung zerstörten polnische Aktivisten aus der rechten Szene viele jüdische Geschäfte und Häuser.

Während der Kriegszeit waren Juden aus Kielce Eigentümer einiger in der Stadt operierender Banken, u. a. Spółdzielczy Bank Handlowy (dt. Genossenschaftsbank), geführt von Aaron Jozef Moszkowicz und Jakob Fridman, Bank Dyskontowy (dt. Diskontobank), geleitet von Chaim Wajnryb und Herszel Sercarz, Bank Kredytowy (dt. Kreditbank), geführt von Melech Engelrad, Mejer Złoto und Mosze Kohen, sowie Bank Pożyczkowy (dt. Darlehensbank), geleitet von Mordechaj Fiszel und Judel Kaminer. In Kielce gab es auch jüdische Fabriken und Industriebetriebe sowie Geschäfte (u. a. Textil-, Leder-, Bekleidungs- und Kurzwarengeschäfte sowie Lebensmittel- und Kolonialgeschäfte). Eine starke Position in der Stadt hatten auch jüdische Handwerker inne, darunter Schneider, Hutmacher, Klempner, Schuhmacher, Tischler, Maler und Glaser sowie Uhrmacher und Juweliere. Es gab hier auch zahlreiche jüdische Bäckereien und Schlachthäuser, die sowohl von jüdischen als auch von christlichen Bewohnern der Stadt aufgesucht wurden. Neben der polnischen Presse, erschien in Kielce die Wochenzeitschrift „Kielcer Zeitung” in jiddischer Sprache und es gab auch jüdische Druckereien. Viele Juden waren zudem Vertreter freier Berufe, u. a. Ärzte, Zahnärzte und Anwälte.

Am Vorabend des Zweiten Weltkriegs zählte die jüdische Gemeinschaft 25.000 Personen und machte damit in etwa 35% der Stadtbevölkerung aus. Zur jüdischen Gemeinde gehörten zwei Synagogen, ein Lehrhaus (bet midrasch), eine Mikwe, ein Friedhof mit Begräbnishalle, ein koscherer Geflügelschlachthof, ein Waisenhaus sowie ein Altenheim. Es gab auch drei allgemeinbildende jüdische Schulen, zwei Gymnasien (Jungen und Mädchenschulen) sowie eine talmudische Universität und die Bibliothek „Tarbut”, in deren Sammlung sich ca. 10.000 Werke befanden.  Außerdem gab es zahlreiche karitative Verbände und Vereine sowie jüdische Sportvereine, wie z.B. „Makkabi” und „Stern”. Unter den politischen Parteien konnten die zionistische Bewegung, deren erste Zelle im Jahre 1900 gegründet wurde, sowie die konservative Partei Aguda die meisten Anhänger gewinnen. In den Jahren 1932-1939 wanderten unter dem Einfluss der zionistischen Ideologie ca. 5.000 Juden nach Palästina aus. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts, aber auch in den 20er und 30er Jahren emigrierten viele Juden aus Kielce aufgrund der Weltwirtschaftskrise auch in die Vereinigten Staaten, insbesondere nach New York.

Mit dem Ausbruch des Krieges begann die Verfolgung der Juden aus Kielce. Die lokale jüdische Bevölkerung wurde in das am 31. März errichtete Ghetto gesperrt. Das Ghetto wurde von einem Holzzaun mit Stacheldraht umschlossen und gliederte sich in zwei Teile: Das sog. große Ghetto, welches zwischen den Straßen Orla, Piotrkowska, Nowowarszawska, Pocieszki und Radomska lag sowie das kleine Ghetto, welches sich über das Gebiet zwischen dem Platz św. Wojciecha und den Straßen Bodzentyńska und Radomska erstreckte. Auf dem Gebiet des Ghettos befanden sich ca. 1.500 Gebäude, die vor dem Krieg von in etwa 15.000 Personen bewohnt worden waren. In der Zeit von März 1941 bis August 1942 lebten hier ca. 27.000 Personen. An der Spitze des Judenrates stand zunächst Moses (Mosze) Pelc, der sich jedoch weigerte mit der SS zusammenzuarbeiten und daraufhin ermordet wurde. Sein Nachfolger wurde Hermann Levy (Herman Lewi), der wahrscheinlich im November 1942 in Auschwitz starb. Im Ghetto Kielce wurde auch der Versuch unternommen eine Widerstandbewegung zu organisieren, jedoch schafften es die Rebellen aufgrund fehlender Unterstützung von außen nicht bewaffnete Aktionen durchzuführen.

Das Ghetto wurde am 5. April 1941, am Vorabend des Paschafestes, geschlossen und konnte von da an nicht mehr verlassen werden. Trotz der Überbevölkerung wurden in den folgenden Monaten Juden aus der gesamten Region Kielce hierher umgesiedelt. Es fand auch ein Transport von ca. 1.000 Juden aus Wien statt, aber auch von Juden aus der Umgebung von Posen und Lodz. Aufgrund von Hunger, schwierigen Lebensbedingungen und auch wegen der sich ausbreitenden Typhusepidemie starben ca. 4.000 Personen noch während des Bestehens des Ghettos.

Die Liquidierung des Ghettos begann am 20. August 1942. Am ersten Tag wurde in der ul. Okrzei eine Selektion durchgeführt, in deren Folge alle alten, kranken und behinderten Menschen auf der Stelle erschossen und 6-7.000 weitere Personen, hauptsächlich Frauen und Kinder, in das Vernichtungslager Treblinka deportiert wurden. Am 22. August wurden ca. 500 weitere Personen erschossen und die SS befahl am nächsten Tag den jüdischen Ärzten alle Patienten des Ghetto-Krankenhauses zu töten. Innerhalb von vier Tagen wurden auf dem Gebiet des Ghettos ca. 1.200 Menschen ermordet und insgesamt ca. 20-21.000 Juden in das Vernichtungslager Treblinka deportiert. Am 24. August 1942 gab es im Ghetto Kielce nur noch eine ca. 2.000 Personen zählende Gruppe von qualifizierten jüdischen Arbeitern, die im bis zum Frühjahr 1943 operierenden Lager in der ul. Stolarska und Jasna gefangen gehalten wurden. Sie wurden dazu eingesetzt das gestohlene jüdische Eigentum zu sortieren und das Gebiet des ehemaligen Ghettos zu säubern. Es wurde zu dieser Zeit versucht eine Widerstandsbewegung unter der Führung von Dawid Bachwiener (Barwiner) und Gerszon Lewkowicz ins Leben zu rufen, die sich mit der Produktion von Waffen und Munition für den geplanten Aufstand beschäftigten. Allerdings die Bewegung wurde jedoch bald vom Kommandanten der jüdischen Polizei, Wahan Spiegel, aufgedeckt, der die Verschwörer an die Gestapo auslieferte. Im Mai 1943 wurde ein Teil der jüdischen Häftlinge aus Kielce in die Arbeitslager nach Starachowice, Skarżysko-Kamienne, Pionki und Bliżyna deportiert. Auf dem jüdischen Friedhof wurde zudem eine Gruppe von 45 jüdischen Kindern im Alter von 15 Monaten bis 15 Jahren erschossen, die aus Familien von Ärzten, Mitgliedern des Judenrates und der jüdischen Polizei, welche das Ghetto und das Lager in der ul. Jasna und ul. Stolarska bisher überlebt hatten, stammten.

Bis zum Sommer 1944 gab es in der Stadt Zwangsarbeitslager, u. a. die Hasag Granat Werke, wo ca. 400-500 Juden bei der Herstellung von Munition und in Handwerksbetrieben tätig waren, die Holzverarbeitungsfabrik „Henryków” sowie die Gießerei „Ludwigshütte”, in der ca. 200-300 Personen arbeiteten. Im August 1944 wurden diese Arbeitslager liquidiert und die in ihnen angestellten Juden in das Arbeitslager Tschenstochau, das Konzentrationslager Buchenwald sowie nach Auschwitz deportiert. Während der Evakuierung der Arbeitslager gelang 28 Juden aus den Hasag Granat Werken die Flucht. Sie schlossen sich den in den umliegenden Wäldern agierenden Partisaneneinheiten an oder versteckten sich in den an Kielce angrenzenden Dörfern.

Nach der Befreiung im Januar 1945 kamen ca. 150-200 Juden nach Kielce zurück. Hauptsächlich handelte es sich dabei um ehemalige Häftlinge aus Konzentrationslagern, aber auch um Menschen, die die Jahre der Besatzung in den Gebieten der Sowjetunion überstanden hatten. Die meisten von ihnen ließen sich im Mietshaus in der ul. Planty 7 nieder, in dem sich auch ein Waisenhaus für jüdische Kinder und ein Kibbuz der Zionistischen Union befanden. Am 4. Juli 1946 kam es zu einem gegen Juden gerichteten Pogrom, an dem einige tausend Menschen teilnahmen, darunter Offiziere des Sicherheitsamtes, Milizbeamte sowie Soldaten der Polnischen Volksarmee und Stadtbewohner. 42 Juden starben und über 40 wurden verletzt. Der Grund für die Unruhen war ein Gerücht über einen von Juden verübten Ritualmord. Alle überlebenden Juden wanderten in der Folge aus Kielce aus.

 

Literaturverzeichnis:

  • Cała, A.; Węgrzynek, H.; Zalewska, G.Historia i kultura Żydów polskich. Słownik, S. 155–156.
  • Sefer Toldot Kehilat Kielce mi-jom hiwsada we-ad churbana, Red. P. Cytron, Tel Awiw 1957.
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