Die ersten Juden kamen Mitte des 12. Jahrhunderts unter der Herrschaft des Herzogs Mieszko des Alten nach Kalisz. Sie flüchteten in die Stadt vor den Verfolgungen in Tschechien und in den deutschen Ländern. Bereits im 13. Jahrhundert existierte hier eine jüdische Gemeinde, eine der bedeutendsten in Großpolen und auf polnischem Gebiet. Die Juden leiteten die königliche Münzstätte, was die sog. Brakteaten (einseitig auf einem dünnen Plättchen geschlagen, typisch für das Mittelalter) bezeugen. Die Münzen hatten Inschriften auf Hebräisch und wurden zweifelsfrei von jüdischen Münzern geschlagen. Eines der wichtigsten Ereignisse in den Anfängen der jüdischen Besiedlung in Kalisz war der Erlass von Herzog Boleslaw den Frommen im Jahre 1264 des sog. Statuts von Kalisz, eines Privilegs, welches die wichtigsten Angelegenheiten der jüdischen Gemeinschaft betraf[1.1]. Das Statut war ein besonderes Dokument, welches den Juden, ihren Gemeinschaften und ihrem Vermögen Sicherheit garantierte. Das Schriftstück, voller Paragraphen und Klauseln, spiegelte die Sensibilität des Herrschers gegenüber einer kleinen Gruppe seiner Untertanen wider. Das Dokument bestimmte ihren rechtlichen Status als freie Bürger, die unmittelbar dem Herzog unterstellt und von ihm gerichtet wurden. Es garantierte den Schutz des Lebens und des Vermögens sowie das Recht, Synagogen und Friedhöfe zu besitzen. Es normierte die Tätigkeit im Handels- und Finanzwesen und schütze vor Willkürakten seitens der christlichen Nachbarn.

Boleslaw der Fromme untersagte, Juden zu beschuldigen, Blut von christlichen Kindern für rituelle Zwecke zu verwenden, da der Judaismus den Gebrauch von Blut verbieten würde. Weiter legte der Herzog fest, dass jeder Christ, der einen Juden falsch beschuldigen würde, die gleiche Strafe erhalten sollte, die der Jude erhalten würde, wenn er die ihm vorgeworfene Tat verschuldet hätte. Im Jahre 1364 legte der König Kasimir der Große auf die Hände des Kaliszer Juden Falken eine Bestätigung aller Rechte, die den Juden in Polen zustanden. Betonenswert ist die Tatsache, dass das Statut das bedeutendste Dokument war, welches für Juden im damaligen Polen veröffentlicht wurde und welches den Respekt gegenüber religiöser Andersartigkeit widerspiegelte. Mitsamt den eingeführten Ergänzungen wurde der gesellschaftliche und rechtliche Status dieser Gemeinschaft bis zum Ende des Königreichs beibehalten.

Nach der Verschiebung des Siedlungszentrums von Kalisz auf das gegenwärtige Gebiet und der Lokalisation der Stadt durch Herzog Boleslaw den Frommen um das Jahr 1257, ließen sich die Juden im südwestlichen Teil nieder, zwischen dem Piskorzewska-Tor und Koński Targ. Im Jahre 1285 bestätigte Przemysł II den Verkauf eines Teils des Landes in Rypinek für die Errichtung eines jüdischen Friedhofs. Im Jahre 1287 pachtete die Kehillah in Kalisz vom Ritter Rufin das Gebiet auf dem Hügel, an der Grenze der Dörfer Dobrzec und Rypinek, um die Fläche ihrer Nekropole zu vergrößern. Die Pacht für den Friedhof wurde mit Pfeffer, Safran und Gewürzen bezahlt. Über Jahrhunderte hinweg diente dieser Platz dem Judentum in der Stadt. Mitte des 14. Jahrhunderts existierte in Kalisz ein jüdisches Viertel, dessen zentraler Punkt die Synagoge war. Die Erlaubnis für den Bau gab König Kasimir der Große im Jahre 1358. Das älteste Gotteshaus war sicherlich hölzern, doch sein genauer Standpunkt ist unbekannt. Die Gemeinde erwarb erst 1659 den Platz am sog. Rozmark, wo eine gemauerte Synagoge errichtet wurde. Bei der Synagoge wurde zudem eine jüdische Schule gegründet. Die von einer Ecke des Marktplatzes abgehende Żydowska-Straße war die Hauptarterie des Viertels (heute Złota-Straße).

Im Jahre 1555 garantierte König Sigismund II. August den Kaliszer Juden das Recht auf freien Handel, 1676 hingegen bestätigte Johann III. Sobieski in Anwesenheit der Verwaltungsorgane die Gültigkeit des Statuts von Kalisz. Nach der Zeit eines wirtschaftlichen Aufschwungs unterlag die Situation der Kehillah in Kalisz einer bedeutenden Verschlechterung, was vor allem im 16. Jahrhundert sichtbar war. Damals verfielen die Juden in Schulden, da sie in Kalisz nur 6 Häuser für sich beanspruchen konnten und für jedes weitere Haus eine Geldstrafe an die Stadt entrichten mussten. Im Jahre 1565 besaßen sie 18 Häuser, 1579 zahlten 170 Juden eine Kopfsteuer in Höhe von 130 Zloty. Im 16. und 17. Jahrhundert befassten sich die Bekenner des mosaischen Glaubens mit Handel, Geldverleih sowie Handwerk, bspw. in Fleischereien, Schneidereien, Bäckereien, Webereien und Goldschmieden.

Das jüdische Viertel fiel durch seine enge Bebauung oftmals Bränden zum Opfer. Zu den tragischsten gehörte der Brand aus dem Jahre 1792, der die ganze Stadt zerstörte. Damals brannten sowohl die Synagoge als auch alle jüdischen Häuser in der Stadt nieder. Laut der Zählung aus dem Jahre 1793 lebten die Juden in 91 Häusern auf dem Gebiet zwischen der Złota-Straße und der Garbarska-Straße. Die Gemeinde hingegen verfügte über eine Mikwe, eine Synagoge, einen Friedhof, ein Armenhaus sowie koschere Fleischbänke. Im Jahre 1804 lebten in Kalisz 2113 Juden (30 % der Stadtbevölkerung), 1827 hingegen waren es 12 107 Personen.

Ab 1828 konnten Juden nur in einem abgegrenzten Gebiet der Stadt leben. Doch aufgrund spezieller Bewilligungen befanden sich 23 Häuser außerhalb des Viertels in jüdischem Besitz. Im Jahre 1836 wurde das jüdische Krankenhaus eröffnet, 1875 – eine Schule mit Russisch als Unterrichtssprache. Ein tragisches Kapitel in der Geschichte der Stadt schrieb das Jahr 1852, in dem die Cholera-Epidemie viele Menschen das Leben kostete. Im selben Jahr entfachte wieder ein Brand, der 157 jüdische Häuser in Schutt und Asche legte. Zerstört wurde ebenfalls die alte Synagoge. Das wieder aufgebaute Gotteshaus war seinem Vorgänger architektonisch aber nicht ebenbürtig.

Im Jahre 1876 beschloss die Stadtverwaltung den Stadtteil, in dem die Juden lebten, umzubauen. Ein Teil der Bewohner wurde auf die andere Seite eines Zuflusses der Prosna umgesiedelt. Hier entstanden auch kleine jüdische Fabriken, vor allem im Bereich der Spitzenklöppelei. Mitsamt der voranschreitenden Industrialisierung gab es auch immer mehr jüdische Arbeiter.

Die Möglichkeit, auf dem Gebiet der ganzen Stadt zu leben, bewirkte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts einen Anstieg der jüdischen Bevölkerung in Kalisz - im Jahre 1875 waren es 45 % der Stadtbevölkerung. Die wohlhabenden unter ihnen erwarben Grundstücke und errichteten repräsentative Häuser an unterschiedlichen Punkten der Stadt, u. a. am Marktplatz und unweit des Rathauses. Die Folgejahre brachten aber eine Migrationswelle vieler junger Menschen mit sich. Im Jahre 1908 stellten die Juden mit 14 318 Personen insgesamt 36 % der Stadtbevölkerung.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts sympathisierten die Juden aus Kalisz im Allgemeinen mit den Unabhängigkeitsbewegungen. Ein Beispiel für diese Haltung kann bspw. das feierliche Gebet für den Erzbischof Antoni Fijałkowski, den Warschauer Metropoliten, sein, der während einer Kundgebung für die Unabhängigkeit am 14. Oktober 1861 in der Synagoge eine entschiedene Position gegen die russische Herrschaft einnahm. Zur Feierlichkeit kamen zahlreiche Juden und Christen. Am nächsten Tag wurde ebenfalls eine Messe für den Bischof in einer katholischen Kirche abgehalten. Im Jahre 1863 hingegen stickten Jüdinnen eine Fahne für die Aufständischen, die auf diesem Gebiet kämpften. Auf der Fahne wurde die Inschrift „Den kämpfenden Brüdern Polens von den polnischen Israelitinnen aus Kalisz“ gestickt.

Nach der Niederlage im Januaraufstand war die gesellschaftliche und wirtschaftliche Lage schwierig. Die Machthaber intensivierten die Repressionen. Erst die Wiederherstellung des Status der Hauptstadt des Gouvernement (1866) und der Bau einer Eisenbahnlinie (1902) gaben Kalisz den Impuls, um sich weiterzuentwickeln und die Lebensbedingungen zu verbessern.

Ein schwarzer Tag für die Bekenner des Judaismus war der 26. Juni 1878. Damals entfachten während der Prozession zum Fronleichnam heftige Unruhen, die aus der Beschuldigung resultierten, die Juden hätten die Altäre für die Feierlichkeit zerstört. Jemand soll auch geschrien haben, dass aus dem Haus des Rabbiners die Juden die Leute mit Steinen bewarfen[1.2]. Die Menschenmenge begann mit Stielen und Steinen das jüdische Viertel zu verwüsten. Häuser und Geschäfte sowie die Synagoge wurden zerstört. Die Unruhen dauerten bis in den Abend hinein, wobei die russischen Behörden nicht eingeschritten sind. Spätere Ermittlungen ergaben, dass die Beschuldigung ungerechtfertigt war, die Anstifter hingegen wurden mit Gefängnisstrafen belegt[1.3].

Während des Ersten Weltkriegs kam es im August 1914 infolge von Artilleriebeschuss zur Zerstörung und Brandsetzung in der ganzen Stadt durch deutsche Einheiten. Dabei wurde die Altstadt sowie ein großer Teil der Bebauung im jüdischen Viertel zerstört. Beim Wiederaufbau der Stadt engagierte sich besonders der bekannte und geschätzte Rabbiner Jechaskiel Lipszyc, der in den USA eine beachtliche Summe für dieses Vorhaben eintreiben konnte.

Die Zeit der Zweiten Republik war die Zeit des intensiven Wiederaufbaus der Kriegszerstörungen und der Entwicklung der Stadt. In den 1920er und 1930er Jahren entwickelten sich das jüdische Handwerk und der Handel sehr dynamisch. In der Stadt war zudem eine jüdische Genossenschaft tätig, die besonders während der Wirtschaftskrise 1929-1932 an Bedeutung gewann, wenngleich ihre Blütezeit in den Jahren 1935-1939 lag. In Kalisz existierten sechs Kredit-Genossenschaften (u. a. die Handels- und Kredit-Genossenschaftsbank oder die Genossenschaftskasse des Kleinhandels), eine Kundenbank (Jüdische Genossenschaft der Verbraucher), eine Genossenschaft des Kleingewerbes und des Handwerks (Genossenschaft der Mützen- und Hutmacher), wovon aber nur die Hälfte bis 1939 erhalten geblieben ist.[1.4]

In der Zwischenkriegszeit nahm die jüdische Bevölkerung aktiv am gesellschaftlichen Leben teil. Es entstanden zahlreiche Institutionen und Vereinigungen, viele politische Parteien waren in der Stadt tätig. Von den 34 Mandaten im Stadtrat hatten Vertreter der unterschiedlichen jüdischen Parteien 11 inne. Das politische Leben der Juden in Kalisz teilte sich allgemein in drei Strömungen auf: die religiös-orthodoxe, die von der Partei Agudas Isreoel mitsamt ihrer Organisation für Frauen Bnos Agudas Israel - Töchter der Vereinigung Israels - sowie der informellen chassidischen Gruppen geschaffen wurde, die national-bürgerliche (Zionistische Organisation, Misrachi, die rechte Vereinigung der Zionisten-Revisionisten, Jugend- und Frauenorganisationen) sowie die Arbeiterbewegung, die sozialistische Gruppierungen vereinte (darunter den rechten Flügel der zionistischen Poale Zion, den linken Flügel der Poale Zion, zionistische Jugendbewegungen, wie Hashomer Hatzair und Hechaluz hamerkaz, den antizionistischen Bund mit seiner Jugendbewegung Tsukunft sowie eine kleine Gruppe der Kommunistischen Partei Polens)[1.5].

In der jüdischen Glaubensgemeinde dominierte die Partei der Orthodoxen - Aguda. Bei den Wahlen zum Stadtrat im Jahre 1920 erhielt die Aguda kein Mandat, drei Jahre später waren es bereits fünf. In den Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg erfolgte jedoch ein bedeutender Rückgang der Popularität dieser Partei[1.6]. Mit den Orthodoxen kämpften die Zionisten sehr hartnäckig. 1927 wurde das Ratsmitglied Leon Dancygier zum Vizevorsitzenden des Stadtrats und Vorsitzenden der Kommission für Finanzen und Budget gewählt. Weitaus weniger Beachtung wurde in der Stadt den Zionisten-Revisionisten geschenkt. Unter den sozialistischen Gruppierungen hob sich der Bund hervor - die älteste Arbeiterpartei in der Stadt, die in ihrer Geschichte bereits mit dem Zarentum kämpfte. Während der Revolution 1905 organisierte sie zwei Kundgebungen und sogar einen Angriff auf ein Gefängnis, um politische Gefangene zu befreien[1.7]. Die Partei gründete Gewerkschaften sowie eine Genossenschaft für Verbraucher. Im Jahre 1925 wurde zudem eine jüdische Schule mit Jiddisch als Unterrichtssprache gegründet. Im Jahre 1930 wurde der erste jüdische Kindergarten eröffnet. Die Mitglieder des Bundes arbeiteten mit der Polnischen Sozialistischen Partei zusammen. Im Jahre 1934 trat der Bund mit dieser Partei zusammen zu den Wahlen zum Stadtrat an, bei denen sie 2 Sitze erlangten. Relativ feindlich gegenüber dem Bund war der linke Flügel der Poale Zion gesinnt, die sich ebenfalls gesellschaftlich engagierte. Im Jahre 1920 eröffnete diese Gruppierung bspw. ein Kinderhaus (Kindergarten für Kinder aus den ärmsten Familien). Die Partei hatte auch starken Einfluss auf die Gewerkschaften und organisierte Streiks. Die Aktivisten konzentrierten sich bei ihrer Arbeit auf den Kampf mit der orthodoxen Aguda, indem sie sich ihrer Dominanz in der Gemeinde entgegenstellten. Im Februar 1933 besetzten die Aktivisten des linken Flügels der Poale Zion im Protest die Synagoge in Kalisz. Eine der aktiveren jugendlichen Arbeiterorganisationen in der Stadt war ihre Jugendbewegung, die den Namen Jugent trug.

Am 19. April 1933 entstand als Reaktion auf die Machterlangung Hitlers das Komitee für den Kampf gegen die Verfolgung von Juden in Deutschland, welches einen Boykott gegen deutsche Waren organisierte und die Namen all jener Kaufleute veröffentlichte, die sich diesem Boykott widersetzten. Das Komitee bestand aus 20 Personen, Vertretern der politischen Parteien sowie Journalisten.

In der Zwischenkriegszeit agierten in Kalisz zahlreiche soziale, kulturelle und karitative Organisationen. Zu den letzten gehörten die Vereine, die die Ärmsten unterstützten: Linat ha-Tzedek; die Gesellschaft für Gesundheitsschutz, welches u. a. Kinderfreizeiten organisierte; der Verein zur Förderung des Handwerks und der Landwirtschaft (eine internationale Organisation); Yesoymim Hoyz (Waisenhaus); Moshav Zkenim (Altenheim); Khesed shel Emet (Bestattungsgesellschaft) oder Beys Lechem.

Auch Sportclubs waren in Kalisz aktiv: ŻRKS „Gwiazda”, RKS „Jutrznia” vom Bund, Ha-Poel vom rechten Flügel der Poale Zion sowie der Jüdische Gymnastik- und Sportverein - einer der ältesten jüdischen Sportverbände in Polen, der Gymnastik-Veranstaltungen organisierte, eine aktive Frauenabteilung hatte und über ein eigenes Orchester verfügte. Im Jahre 1932 wurde dieser Verband in den Club Makabi Kalisz umgewandelt.

Zu den soziokulturellen Gesellschaften gehörten: die Vereinigung Jüdischer Mittelschulen, die ein koedukatives Gymnasium leitete und ab 1934 auch eine allgemeinbildende Schule mit 7 Klassen, die Gesellschaft für Unterstützung Jüdischer Akademiker, die Gesellschaft der Freunde des YIVO (Jüdisches Wissenschaftsinstitut in Vilnius), die Gesellschaft Talmud Thora, die eine religiöse Schule leitete, die Scholem Alejchem-Bibliothek, die Jüdische Kulturgesellschaft, die Jüdische Gesellschaft für Heimatkunde und andere[1.8]. Ferner gab es in der Stadt jüdische Amateur-Theater (u. a. das Miniaturen-Theater „Komety“), Blasorchester, Mandolinen- und Symphonieorchester sowie einen Chor. In Kalisz schufen auch jüdische Schriftsteller: Szymon Horończyk - ein Arbeiter, der Erzählungen und Skizzen in Jiddisch schrieb, in denen er das Alttagsleben der niederen Gesellschaftsklassen thematisierte, Herszel Solnik - Redakteur der Zeitung „Kalisher Lebn“, Verfasser von Gedichten und Feuilletons sowie die aus der wohlhabenden Bourgeoisie stammende Roza Jakubowicz, die 1943 in Treblinka ermordet wurde.

Die jüdische Presse in Kalisz entwickelte sich dahingegen recht langsam. Bis 1927 besaß die Gemeinschaft kein eigenes Presseorgan. In diesem Jahr begann man aber die parteilose Wochenzeitschrift in Jiddisch „Kalisher Lebn“ herauszugeben. Ab 1930 entstand unter der Redaktion von Jakub Jarecki eine neue Zeitschrift, die „Kalisher Wokh“, die in Konkurrenz zu der ersten stand und sich kritisch gegenüber der orthodoxen Mehrheit in der Gemeinde äußerte. Beide Zeitungen unterhielten einige Auslandskorrespondenten. Daneben erschienen einige kleinere Pressetitel, denen es aber nicht gelang, sich länger auf dem Markt zu halten.

Unterschiedliche Organisationen kümmerten sich um die Bildung in der Stadt. In der Stadt funktionierte eine jüdische Handwerksschule, eine Mädchenschule sowie der Kindergarten „Beis Yakov“ und zwei Jeschiwa-Schulen (von der Aguda geleitet). Ferner gab es eine private koedukative allgemeinbildende Schule, die von der Partei Mizrachi geleitet wurde, die Ber Borochow-Schule, einen Kindergarten des linken Flügels der Poale Zion, die I. L. Perec-Schule und den Kindergarten des Bundes sowie einige private, kommerzielle und religiöse Schulen und andere Bildungseinrichtungen.

Der Wiederaufbau nach dem Krieg, die Vergrößerung der Stadtfläche sowie der dynamische Anstieg der Bevölkerung bewirkten, dass es notwendig war, neue Friedhöfe anzulegen. Auch der seit dem 13. Jahrhundert existierende jüdische Friedhof füllte sich und konnte keine neuen Bestattungen mehr aufnehmen. Im Jahre 1920 erwarb der Vorstand der jüdischen Glaubensgemeinde das Gebiet zwischen der heutigen Widok-Straße und der Podmiejska-Straße. Auf diesem Friedhof wurde laut dem letzten Willen des Rabbiner Jechaskiel Lipszyc, herausragender Anführer der jüdischen Gemeinschaft in Kalisz in den Jahren 1906-1932, Gelehrter und sozialer Aktivist, bestattet. Sein Ohel hat sich bis heute erhalten. Bis 1939 wurden auf der Nekropole ca. 3000 Personen bestattet.

Die jüdische Gemeinschaft in der Stadt war vielfältig und dynamisch. Die Mehrheit stellten Vertreter der orthodoxen Gruppierungen und des traditionellen Judaismus dar, wenngleich sich auch die Gruppe der assimilierten Juden, die aus den intellektuellen sowie den Kreisen der reichen Händler und Industriellen stammte, ständig vergrößerte. Pakentreger schrieb dazu: „In Kalisz existierte eine Gruppe überwiegend reicher und assimilierter Juden, die sich für eine Zusammenarbeit mit dem polnischen Bürgertum auf wirtschaftlicher, kultureller, gesellschaftlicher und sportlicher Ebene einsetzten. Ein Teil von ihnen sah sich selber als polnische Bekenner des jüdischen Glaubens und vereinte sich in den 30er Jahren um ihren eigenen Ruderclub KW-30, wobei sie sich vom Adjektiv „jüdisch“ distanzierten. Erst 1935 trat der Club dem landesweiten Verband Makabi bei[1.9]. Die Reformer bauten hingegen Anfang des 20. Jahrhunderts eine reformierte Synagoge (sog. deutsche Synagoge) in der Krótka-Straße. Trotz der Unterschiede handelten die Juden in Kalisz stets für die gemeinsame Tradition, wobei sie karitative Institutionen, Krankenhäuser und Altenheime unterhielten. Im Jahre 1939 lebten in Kalisz 81 052 Einwohner, davon ca. 27 000 Juden[1.10].

Nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs brach ein Teil der jüdischen Bevölkerung zu Fuß in die nahegelegenen Ortschaften Błaszek, Warta und Sieradz auf[1.11]. Die Wohlhabenden unter ihnen gelangten nach Lodz und Warschau. In den ersten Tagen des Kriegs verließen mindestens 20% der jüdischen Einwohner die Stadt. In der zweiten Septemberhälfte kehrten die meisten der Flüchtlinge aber wieder nach Hause zurück. All jene, die nach Lodz oder Warschau geflüchtet sind, kehrten aber nicht heim. Einem Teil der jüdischen Jugendlichen gelang es, in die Sowjetunion zu flüchten. Dabei nutzten sie die noch bestehenden Transportmöglichkeiten sowie die Hilfe ihrer polnischen Freunde, die ihnen Bahntickets kauften.

Die Repressionen der Deutschen gegenüber den Juden in Kalisz begannen mit dem Augenblick des Einmarsches der ersten Einheiten der Wehrmacht in die Stadt. Ungestraftes Verprügeln, Schändung von Orten des religiösen Kultes, Plünderungen, Schikanen und Demütigungen standen auf der Tagesordnung der jüdischen Bevölkerung in den Septembertagen von 1939. Die Deutschen begannen Razzien durchzuführen, die Gefangenen hingegen wurden zu schwerer Zwangsarbeit verurteilt, während der sie physisch und psychisch misshandelt wurden. Für ihre Belustigung begannen die deutschen Soldaten ihre „Spielchen”, in dem sie die Juden zwangen, auf der Straße zu beten, zu tanzen und zu singen. Die Lieblingsbeschäftigung der Soldaten der Wehrmacht war die des Abschneidens, Anzündens oder Abreißens der Bärte und der Peies von orthodoxen Juden. Zudem zwangen sie sie auch, sich im Fluss Prosna rituell zu waschen. Auch Frauen wurden festgenommen und zur Säuberung der Böden (oftmals mit ihrer eigenen Kleidung) oder zum Kartoffelschälen gezwungen. Dies war aber nur der Anfang dessen, was schon bald auf diese Menschen zukommen sollte – Deportation und der Holocaust.

Bereits in den ersten Wochen der Besatzung wurden erste Verordnungen erlassen, die die Juden diskriminierten. Jegliche jüdische Institutionen und Organisationen erhielten das Verbot, etwaige Handlungen durchzuführen. Ferner wurde Juden untersagt, ihre Religion zu pflegen, weswegen alle Synagogen und Gebetshäuser geschlossen wurden. Die kostbaren Gegenstände aus den Gotteshäusern wurden beschlagnahmt, die Thorarollen geschändet. Die Stadt war zunehmend immer mehr deutsch. Alle polnischen Schriftzüge wurden durch deutsche ersetzt, die Straßen erhielten deutsche Namen, in den Schaufenstern tauchten die Abbilder Hitlers auf.

Anfang Oktober wurde eine Reihe weiterer Verordnungen erlassen, die die Rechte der Juden einschränkten. Die erste dieser Verordnungen war das Verbot der rituellen Schlachtung, am 9. Oktober 1939 hingegen legte der deutsche Bürgermeister Walther Grabowski das Verbot fest, geschlossene und geöffnete Handelsunternehmen zu kaufen oder zu verkaufen. Einen Tag später orderte der Landrat Herman Marggraf den Kantor Gerszon Hahn der reformierten Synagoge in der Krótka-Straße zu sich und befahl ihm, einen Judenrat aus 25 Personen zu bilden. Mitglieder des Judenrates waren: Gerszon Hahn, der Rechtsanwalt Józef Perkal, der Ingenieur Stefan Cukier — Fabrikant, Mosze Zajdel — Kaufmann, Abe Lewkowicz — Vorsitzender der jüdischen Handelsbank, der Rechtsanwalt Moryc Kacynel, Dr. med. Juda Płocki, Dr. Mosze Szlumper — Mitglied der Stadtverwaltung und Aktivist des Bundes, Leon Siemiatycki — Kaufmann, Vorstandsvorsitzender der jüdischen Handelsbank , Boruch Rzepkowicz — Kaufmann, Mitglied des Ratsvorstands der Bank, Dr. med. Beatus, Izydor Wiśniewski — Fabrikant, Ben-Cijon Arkusz — Sekretär der jüdischen Handwerksgewerkschaft, Dr. med. Rafał Lubelski, Dr. med. Dawid Seid, Dawid Herman — Beamter, Lajzer Mic — Kaufmann, Ajzyk Fiszer — Ingenieur, Aleksander Poznański — Kaufmann, Stefan Frenkel — Fabrikant, Michał Ajzenberg — Fabrikant, Leon Rynek — Kaufmann sowie Szyja Kott — Fabrikant. Der Sekretär des Rates war Dawid Herman, nach seiner Ausreise aus Kalisz - Ben-Cijon Arkusz. Obwohl Hahn von den Deutschen zum Vorsitzenden ausgewählt wurde, war der Rechtsanwalt Perkal der eigentliche Leiter des Rates.

Die Büros des Judenrates befanden sich am Sitz der jüdischen Gemeinde in der Kanonicka-Straße. Eine der ersten Anordnungen der deutschen Besatzer war die Zählung der in der Stadt verbliebenen Juden. Die Zählung beinhaltete neben der Namen auch präzise Daten zum Alter, Zahl der Kinder, ihrer Immobilien, Geschäfte und Lager, Möbel, Kleidung, Unterwäsche, Devisen und Geldsummen über 2000 Zloty. Schätzungen zufolge lebten in der Stadt damals 18 000 Juden. Die Deutschen merkten sehr schnell, dass die Juden zu einer hervorragenden Einkommensquelle werden konnten. So begann die deutsche Verwaltung immer größere Geldsummen und immer mehr Wertgegenstände vom Rat zu verlangen. In dieser Situation, angesichts der fehlenden Mittel, belegte der Rat die wohlhabenden Vertreter der jüdischen Gemeinde mit einer neuen Steuer. Darüber hinaus war der Rat verpflichtet, täglich Arbeiter für die deutschen Streitkräfte und die Gestapo zu entsenden. Der Rat war somit verantwortlich für eine pünktliche Lieferung der „bestellten“ Arbeiter. Zur Arbeit wurden täglich 150-200 Arbeiter geschickt, in besonderen Fällen gar 400 Personen (z.B. Anfang November 1939 mussten Juden auf dem jüdischen Friedhof in der Podmiejska-Straße die Leichen einiger Dutzend erschossener Polen vergraben). Die wohlhabenden Juden, die nicht bei den Deutschen arbeiten wollten (da sie Angst vor Schlägen und Schikanen hatten), mussten für jeden Arbeitstag eine Gebühr von 3 Zloty entrichten. Für die auf diese Weise gesammelten Gelder wurde die Hälfte der Leiharbeiter bezahlt, denen man 2 Zloty pro Tag zahlte. Die jüdischen Kolonnen mussten unterschiedliche physische Arbeiten verrichten (oftmals die dreckigsten). Ferner arbeiteten Juden in den Kasernen in der Piskorzewska-Straße, im Krankenhaus der hl. Dreifaltigkeit, am Sitz des Landrats, der Hilfspolizei sowie der Gestapo in der Jasna-Straße. Die Deutschen zahlten jüdischen Arbeitern keinen Lohn. Ab und an erhielten sie zwar Brot oder ein bisschen Suppe, doch war dies stets mit Schlägen und menschenunwürdiger Behandlung verbunden.

Die folgenden Tage bedeuten wieder weitere Verbote. Am 12. Oktober 1939 wurde jüdischen Besitzern von Mühlen der Ankauf von Getreide verboten und die Produktion eingeschränkt. Weiter wurde die Zahl der jüdischen Bäcker auf drei verringert. Am 23. Oktober erließen die Besatzer die Verordnung über den obligatorischen Verkauf der eigenen Devisen an deutsche Kreditinstitutionen. Am gleichen Tag wurde eine Bekanntmachung veröffentlicht, die Polen und Juden dazu verpflichtete, der Polizei alle Radioempfänger abzugeben.

Der November 1939 brachte eine Verschärfung der antijüdischen Repressionen in der Stadt mit sich. Am 2. November verhängte der Bürgermeister das Verbot, öffentliche Lokale zu betreten, was auch getaufte Juden betraf. Am 8. November wurde eine Ausgangssperre für die polnische und jüdische Bevölkerung von Kalisz und des Landkreises nach 17:00 Uhr verhängt. Auch religiöse Schikanen wurden immer öfter angewandt - aus den kleinen Synagogen in der Ciasna-Straße nahmen die Deutschen die Thorarollen und verbrannten sie auf dem anliegenden Hof, wobei sie dabei jüdische Mädchen dazu zwangen, um das Feuer zu tanzen. Die deutschen Soldaten demolierten die große Synagoge in der Złota-Straße und schmissen in den Kanal der Prosna die Thorarollen sowie andere rituelle Gegenstände. Mitte November wurde die Pflicht der allgemeinen äußerlichen Kennzeichnung der jüdischen Bevölkerung eingeführt. Juden mussten, ungeachtet des Alters und des Geschlechts, eine 10 cm breite gelbe Armbinde auf dem rechten Arm tragen. Darüber hinaus sah dieses Gesetz vor, dass Juden zwischen 17:00 und 8:00 Uhr morgens ihre Häuser nicht verlassen durften. Für die Missachtung dieser Bestimmungen drohte die Todesstrafe. Am 18. November wurde das Recht der Polen und Juden auf Bewegungsfreiheit aufgehoben.

Der November war ebenfalls der Monat, in dem sich das endgültige Schicksal der jüdischen Bevölkerung in der Stadt entscheiden sollte. Am 7. November 1939 informierten die Deutschen den Ältestenrat, dass in Kalisz ein Ghetto entstehen würde. Dies war einzig ein taktischer Zug, um die jüdische Bevölkerung zu täuschen, denn tatsächlich war die Absicht jene, dass man davon ausging, dass die Juden, die sich außerhalb der „Grenzen“ des bislang nicht existierenden Ghettos befanden, freiwillig ihre Wohnungen verlassen würden und zu ihren Familien westlich der Babina-Straße ziehen würden (das spätere Gebiet des Ghettos).

Der Plan Hitlers die an das Reich angeschlossenen Gebiete zu „säubern“ sah die Aussiedlung aller Juden in das Generalgouvernement im Zeitraum zwischen November 1939 und Februar 1940 vor. Ab dem 10. November kam es zu Massenvertreibungen von Juden aus den wohlhabenden Vierteln - ihre Wohnungen wurden von ankommenden Baltendeutschen übernommen. Für das Packen gab man den Juden 10 Minuten, wobei nur die wichtigsten Gegenstände mitgenommen werden durften und das Gepäck ein Gesamtgewicht von 15 kg nicht überschreiten durfte. Die Juden wurden zeitweilig im Bernhardinerkloster untergebracht, wo es einigen gelang, zu flüchten.

Am 20. November 1939 begannen die Deutschen ihre Aussiedlungsaktion zu intensivieren. Die aus ihren Häusern und Wohnungen rausgeworfenen Juden wurden in der Markthalle der Brüder Szrajer untergebracht, wo fürchterliche Enge und ebenso schlechte sanitäre Bedingungen herrschten. Lebensmittel wurden erst nach ein paar Tage geliefert. Polen, die anfangs versuchten den Juden Essen zu bringen, wurde jegliche Hilfe untersagt. Vor dem Eingang der Halle wurden alle Juden einer Leibesvisitation unterzogen, während der ihnen alle Wertgegenstände und Geld weggenommen wurden. Am 20. November wurden auch alle verbliebenen Mitglieder des Ältestenrates verhaftet und in die Markthalle gebracht.

Die Aussiedlungsaktion der in der Markthalle eingesperrten Juden dauerte bis zum 14. Dezember an. Sie wurden mit Zügen in das Generalgouvernement gebracht, hauptsächlich in das Lubliner Land und nach Podlachien. Ein Teil der Verbliebenen wurde in das Arbeitslager Kozminek deportiert. Die Fahrt der Ausgesiedelten fand in nicht erwärmten Viehwaggons bei klirrender Kälte von über -20°C statt. Ohne Essen, Wasser und sanitäre Einrichtungen. Infolgedessen starben viele wegen der Kälte und in Folge von Entkräftung. Die Juden aus Kalisz wurden in unterschiedlichen Ghettos inhaftiert, wo sie das Schicksal der hiesigen Juden teilten - sie ließen ihr Leben in den Vernichtungslagern Belzec und Sobibor.

Ungefähr 6830 Juden aus Kalisz wurden nach Warschau gebracht. Die Mehrheit von ihnen wurde in den Gaskammern von Treblinka und Birkenau ermordet.

In Kalisz selbst wurden im Frühjahr 1940 die verbliebenen Juden in die Fabrik Lustig und andere Fabrikgebäude in der Złota-Straße verfrachtet. Schätzungen zufolge waren es zu der Zeit 612 Juden in Kalisz, ein Jahr später hingegen nur noch 430. Die Bevölkerung aus dem Ghetto arbeitete in Handwerkstätten, städtischen Betrieben und bei der Straßensäuberung.

Im November 1940 wurden viele Kranke aus dem jüdischen Krankenhaus in versiegelte schwarze Lastkraftwagen gebracht, wo die Deutschen insgesamt 270 Alte und Kranke vergasten. Im November 1941 tauchten die schwarzen Lastkraftwagen wieder auf. Damals wurden wieder 290 Menschen ermordet, ihre Leichen hingegen vergruben die Besatzer in den Wäldern bei Kalisz.

Anfang Mai 1942 war das Ghetto von nur 150 Personen bewohnt. Seine Liquidation fand vom 4. bis zum 8. Juli 1942 statt. Die restlichen Juden wurden in das Ghetto in Lodz gebracht.

Im Sommer 1945 wurde in Kalisz das Jüdische Komitee gegründet. Bis 1946 registrierten sich dort 2225 Personen. In den Jahren 1946-1947 kamen im Rahmen der Repatriierung aus der UdSSR weitere 150 Überlebende in die Stadt zurück. Doch die meisten der Überlebenden kamen nur nach Kalisz zurück, um zu prüfen, wer von der Familie und dem Freundeskreis den Holocaust überlebt hat und amtliche Angelegenheiten bzgl. des Vermögens zu klären. Darauf hin wanderten die meisten aus und suchten sich in Polen oder im Ausland ein neues Zuhause.

Im November 1945 wurde auf Initiative des Jüdischen Komitees mit der Exhumierung der durch die Deutschen in den Lastkraftwagen ermordeten 1500 Juden begonnen. Die Ermordeten wurden infolgedessen aus den Massengräbern in den Wäldern bei Kalisz ausgegraben. Es waren sowohl Männer als auch Frauen und sogar Säuglinge (es wurden Flaschen mit Schnullern gefunden). Die exhumierten Toten wurden auf dem jüdischen Friedhof bestattet.

Nach fast 40 Jahren wurden in Kalisz die Karteikarten des Jüdischen Komitees entdeckt. Sie enthalten Informationen über 2132 Personen (die Karten enden bei der Nummer 2270, es fehlen 138 Karten), die sich nach dem Krieg im hiesigen Komitee angemeldet haben. Sie wurden von einer Bewohnerin von Kalisz aufbewahrt, die in der Wohnung von Michael Kohn, dem letzten Beamten des Komitees in Kalisz lebte. Die Originale der Dokumente befinden sich im Bezirksmuseum des Kaliszer Landes. Die elektronischen Kopien werden im Haus des Gedenkens der Kaliszer Juden, welches sich auf dem jüdischen Friedhof in der Stadt befindet, sowie im Jüdischen Historischen Institut in Warschau zu Verfügung stehen. Die gefundenen Dokumente sind die einzigen Aufzeichnungen ihrer Art, die es erlauben, die Nachkriegsgeschichte der Juden aus Kalisz wiederzugeben. Wir finden dort genaue Informationen über das Schicksal dieser Menschen, oftmals auch ihrer Familien, denen es gelang, den Krieg zu überleben. Diese Dokumente haben einen enorm hohen historischen und genealogischen Wert. Die Karteikarten wurden oftmals auf eigens angelegten Drucken angefertigt. Andere hingegen wurden auf quadratischer Pappe erstellt, wobei man auch hier auf die Systematik großen Wert legte. Neben dem Vor- und Nachnamen, der Signatur der Karte enthalten sie auch das Geburtsdatum und den Ort, die Namen der Eltern (darunter auch den Mädchennamen der Mutter), den ausgeübten Beruf, den Familienstand, die Adresse vor dem 1. September 1939, die gegenwärtige Adresse sowie den Aufenthaltsort vor der Befreiung. Viele der Karten enthalten zudem Informationen über den weiteren Weg, den die registrierten Personen auf sich nahmen.

Das Jüdische Komitee in Kalisz begann seine Arbeit kurz nach dem Einmarsch der Roten Armee. Sein Sitz befand sich in einem Mietshaus am Platz 11 Listopada 15 (heute Rynek Główny 15). Die ersten Personen wurden im März 1945 im Komitee registriert. In den Karteikarten befindet sich unter der Nummer eins Estera Łaja Pregerowa, die vor dem Krieg als Krankenschwester und Hebamme in Kalisz arbeitete und den Krieg in Warschau überstand. Im August 1945 wurden insgesamt 344 Überlebende registriert, bis zum 11 November 1945 stieg die Zahl auf 479 Personen. Im Folgejahr waren es 1818 Personen, die sich registrierten (darunter viele Repatriierte aus der Sowjetunion und demobilisierte Soldaten).

In der Anfangszeit des Komitees kamen vor allem Häftlinge aus den folgenden Konzentrationslagern: Auschwitz-Birkenau - 47 Personen, Buchenwald - 8 Personen, Częstochowa - 40 Personen, Teresin - 14 Personen, Buchenwald - 8 Personen, Stutthof - 7 Personen, Mauthausen - 6 Personen, Bergen-Belsen - 5 Personen, Lublin (Majdanek) - 5 Personen, Ravensbrück - 5 Personen, Dachau - 4 Personen, Gross-Rosen - 3 Personen, Sachsenhausen - 2 Personen, Blechhammer - 1 Person und aus anderen Konzentrationslagern - 188 Personen. Insgesamt waren es 337 ehemalige Häftlinge von Konzentrationslagern. Aus der polnischen Armee meldeten sich 66 Juden, von den Partisanen - 19 Personen. Im Generalgouvernement überlebten 68 Personen aus Kalisz. In späterer Zeit kamen hauptsächlich Repatriierte aus der Sowjetunion, die in den Jahren 1945-1950 registriert wurden (auf den erhaltenen Karteikarten insgesamt 1278 Personen).

Insgesamt wurden im Komitee 2270 Personen registriert (in den erhaltenen Karteikarten befinden sich 996 Frauen und 1136 Männer). Es waren mehrheitlich erwachsene Personen, obwohl auch eine Gruppe von Kindern registriert wurde, sowohl derer, die vor dem Krieg, als auch jener, die nach dem Krieg geboren wurden. Laut den Informationen aus dem Archiv wurden 116 Kinder von Juden aus Kalisz in der Sowjetunion, weitere 19 an anderen Orten zur Welt gebracht. Nach dem Krieg kamen 117 Kinder zur Welt: 59 in der Sowjetunion, 24 in Kalisz und 34 in anderen Städten Polens.

Ein Teil der Registrierten befand sich in Kalisz während des Krieges nur auf der Durchreise. Die meisten von ihnen (1277) gaben jedoch als Wohnort vor dem Krieg Kalisz sowie die umliegenden Ortschaften an, in denen vor dem Krieg eigenständige jüdische Gemeinden oder starke jüdische Zentren existierten. Unter den Rückkehrern waren die Handwerker die am zahlreichsten vertretene Gruppe: Schneider, Schuster sowie Elektriker, Mechaniker und Kaufleute. Es kehrten aber nur wenige Vertreter der intellektuellen Eliten zurück (Ärzte, Rechtsanwälte, Lehrer). Nach Kalisz kamen dafür zwei Schauspieler und ein Regisseur.

Das Gebiet, in dem das Komitee agierte, umfasste neben Kalisz auch Błaszki, Koźminek, Opatówek, Ostrów Wielkopolski, Szczytniki und andere umliegende Ortschaften. In Kalisz wurden auch die einstigen Einwohner von Sieradz, Zduńska Wola, Turek, Konin und Lodz registriert. Viele der Überlebenden blieben hier nur zeitweilig. Andere hingegen entschieden, in Kalisz zu bleiben. Es kam aber vor, dass sie weiterzogen, um ein besseres Leben zu suchen, als sie für sich keine Bleibe in der Stadt finden konnten. Weit verbreitet war es, dass Menschen sich bei unterschiedlichen Komitees registrierten, da die diese global versuchten, die ganze jüdische Bevölkerung in Polen zu umfassen. Die Komitees wurden oftmals als Arbeits- und Wohnungsagenturen behandelt. Hier suchten Überlebende aber auch nach Verwandten oder Freunden. Es ist nicht ausgeschlossen, dass ein Teil der Juden aus Kalisz sich in anderen Komitees registriert bzw. gar nicht registriert und sofort Polen verlassen hat.

Im Mai 1945 fand eine Generalversammlung der jüdischen Bevölkerung statt, bei der der Vorstand des Jüdischen Komitees gewählt wurde: Aleksander Nagórski – Vorsitzender, Józef (Icchak) Sieradzki – stellv. Vorsitzender, Moszek (Mojse) Błaszkowski – Sekretär; Abram Jakub Friedman, Bolesław Hamburger, Estera Łaja Pragerowa-Bolkowska – Vorstandsmitglieder. Darüber hinaus arbeiteten im Komitee: Franciszka Zaksowa – Referat für Bildung und Kultur, Arje Heber – Beamter, Hanna Skowrońska – Leitung der Küche, Bronisław Paryzenberg – Lagerverwalter, Feliks Lesman – Hausmeister, Jetta Grynwald Frankiel – Küchenhilfe, Filip Białek – Küchenhilfe. Im Jahre 1946 war Lejb Diament der Vorsitzende des Komitees.

Zu Anfang seiner Tätigkeit konzentrierte sich das Komitee in Kalisz auf die Sicherstellung einer Übernachtungsmöglichkeit sowie die Lebensmittelversorgung aller Neuankömmlinge. Die ersten Mahlzeiten wurden bereits im April 1945 herausgegeben. Die Lebensmittel stammten vom Komitee der Woiwodschaft in Lodz sowie aus städtischen Vorräten. Das Komitee versuchte auch den Personen zu helfen, die mit Zügen in die Heimat transportiert wurden, weswegen am Bahnhof in Kalisz ein Stand errichtet wurde, wo Lebensmittel und Arzneimittel ausgegeben wurden. Eine der wichtigsten Aufgaben war jedoch die Registrierung der Überlebenden, aber nicht nur in Form von Karteikarten. Auf einer weißen Wand im Gebäude des Komitees schrieben diese Personen ihre Personalien sowie die Adressen der Orte, an die sie sich begaben, auf. Es wurden dort auch Zettel aufgehängt, die wie folgt aussahen: „Chaim Markowicz, Sohn von Lajzer, geb. 1913 in Kalisz, Ciasna-Straße No. 6. Gegenwärtige Adresse – Saut curson Los Angeles California USA“.

Die nach Kalisz zurückkehrenden Juden erhielten vom Komitee finanzielle und sachliche Unterstützung. Die Häftlinge der Konzentrationslager erhielten eine einmalige Beihilfe von bis zu 20 000 Zloty, Repatriierte zwischen 2 und 10 000 Zloty. Zudem wurden auch Sachspenden in Form von Kleidung und Lebensmitteln verteilt. Päckchen mit Waren wurden von Juden aus Kalisz geschickt, die in Palästina lebten und bereits das Kaliszer Hilfskomitee gegründet haben. Ferner verschickte auch die UNRRA Spenden (pro Person ein halbes Päckchen).

Ein überaus wichtiges Anliegen war die Schaffung von Möglichkeiten für die jüdische Bevölkerung, ihre Religion zu praktizieren. Im Mai 1945 fand ein Treffen statt, bei dem der Vorsitz der Religiösen Vereinigung in Kalisz gewählt wurde. Zum Vorsitzenden wurde Frydman, zum Mohel Hersz Traube und zum Kantor Chil Froman, der auch vor dem Krieg dieses Amt in Lemberg inne hatte, gewählt. Die jüdischen religiösen Vereinigungen wurden vom Ministerium für öffentliche Verwaltung am 6. Februar 1945 legalisiert. Das an diesem Tag herausgegebene Rundschreiben besagte, dass „allen Bürgern jüdischen Glaubens eine freie Religionsausübung nach Art. 111 der Verfassung ermöglicht werden sollte”. Ein Jahr später wurden die jüdische Vereinigungen in die jüdischen Glaubenskongregationen umbenannt. Da in der Stadt keine der Synagogen erhalten geblieben ist, wurde ein Gebetssaal in einer privaten Wohnung am Platz 11 Listopada 15 eingerichtet. Die Kongregation beaufsichtigte auch den jüdischen Friedhof in der Podmiejska-Straße und hatte zudem eine ausgebaute Wohltätigkeitsabteilung, die sich um die Kranken und Alten kümmerte. Die Zahl der Mitglieder ist unbekannt, da jeder Jude, der am Gebet teilnahm, Mitglied der Kongregation wurde. Infolgedessen wurden sie auch nicht registriert.

Die Lage der jüdischen Gemeinschaft in der Stadt spiegelt ein Fragment eines Briefes vom November 1945 am besten wider. Der Brief wurde vom Komitee in Kalisz an die Juden in Palästina gerichtet:

Nach der Rückkehr nach Kalisz wird der einzelne Mensch niemanden mehr von seiner Familie oder seinen Freunden antreffen. Er hat das Gefühl, er lebe auf einem Friedhof, den Friedhof aber besuchte man einmal im Jahr. Diese Menschen brauchen Wärme, ein Herz, ihr Umfeld. Die beiden Synagogen wurden zerstört, der alte Friedhof existiert nicht mehr – er wurde dem Erdboden gleich gemacht. Die Mazewot wurden als Stützen am Ufer der Prosna angebracht. Der zweite Friedhof existiert nur teilweise. Das Krankenhaus und die Mikwe gibt es nicht mehr. Der Friedhof hat keinen Zaun mehr. Jeder Jude, der nach Kalisz kommt, erhält ein Zimmer und einmalig 300 Zloty. Wir verfügen über eine Kantine. Mittagessen mit zwei Gängen. Die Kranken werden mit besonderer Fürsorge behandelt. Die Religiöse Vereinigung funktioniert am Jüdischen Komitee (…). Am Komitee gibt es noch ein Gästehaus.

Wie in anderen Städten, wurde auch in Kalisz der Verein zur Förderung des Handwerks und der Landwirtschaft unter den Juden sowie die Gesellschaft für Gesundheitsschutz gegründet. Im Rahmen der letzteren wurde am Platz 11 Listopada 15 eine Arztpraxis eröffnet, die bis 1950 geöffnet war. In dem gleichen Gebäude wurde auch am 1. Mai 1946 ein jüdischer Kindergarten eröffnet, in den 13 Kinder gingen. Die jüdischen Kinder, die während der Besatzung ihre Familien verloren, wurden in einen Waisenhaus untergebracht. Im Jahre 1946 befanden sich dort 26 jüdische Waisen. Im Rahmen der vom Verein zur Förderung des Handwerks und der Landwirtschaft unter den Juden organisierten Kurse erlangten Juden die Berechtigung zur Arbeit als Schuster, Schneider, Glaser, Automechaniker und in anderen Berufen. Der Verein existierte bis 1950.

Juden, die entschieden, in der Stadt zu bleiben, nahmen am häufigsten ihre Arbeit in jüdischen Genossenschaften auf. Im Jahre 1947 funktionierten in Kalisz vier solcher Unternehmen („Przełom” und „Arnold” – Kleiderindustrie, „Jedność” – Schuh- und Lederindustrie, „Skup” – An- und Verkauf von Daunen), die insgesamt 86 Personen anstellten. Laut dem Bericht des Jüdischen Komitees in Kalisz vom Mai 1946 arbeiteten in staatlichen Fabriken neun Personen, in privaten Kleinunternehmen und Werkstätten fünf, in der Heimarbeit hingegen drei Personen. In den Ämtern waren es 15 Personen, darunter drei im Komitee. Unter den arbeitenden Jugendlichen waren es drei Personen.

Ein Teil der Juden aus Kalisz engagierte sich im politischen Leben der Stadt. Hier agierten beinahe alle jüdischen Parteien, die nach dem Krieg gegründet worden sind: Vereinigung der Demokratischen Zionisten in Polen „Ichud“, Poale Zion, Die Sozialistische Arbeiterpartei Hitachdut und der Bund. Die Zahl der jüdischen Parteien bzw. ihrer Mitglieder zeugten aber nicht von ihrer tatsächlichen Rolle und dem Einfluss dieser Parteien auf die lokale Politik.

Die nur durch ein Wunder geretteten Juden wollten mehrheitlich nicht mehr im Land leben, da es der Ort war, an dem ihre Familien ermordet wurden und ihr ganzes Volk vernichtet werden sollte. Darüber hinaus herrschte in Polen, trotz der tragischen Erlebnisse, ein gegenüber Juden unfreundliches Klima. Antijüdische Haltungen waren immer stärker und mündeten in den Pogromen in Kielce und Krakau. Gerüchte über ähnliche Vorfälle erreichten Kalisz auch aus der näheren Umgebung: Warta, Wieluń und Wieruszów. Dies weckte natürlich berechtigte Ängste. Es ist nicht ausgeschlossen, dass in Kalisz selber versucht wurde, solche Unruhen zu provozieren. Zu diesem Thema gibt es mindestens zwei glaubwürdige Berichte: einer von einem Zeitzeugen und einer von einer Person, die zu der Zeit in der Stadt waren. In beiden werden ähnliche Umstände beschrieben. Zu dem Vorfall soll es im Sommer (wahrscheinlich im August) 1946 gekommen sein, als im Gebäude am Platz 11 Listopada 15 noch viele obdachlose Juden lebten. Mitten am Tag rüttelte eine Menschengruppe an der Eingangstür, die wegen Sicherheitsvorkehrungen mit einem Stahlblech beschlagen war, und gab sich als Funktionäre der Miliz aus. Als sie ins Innere gelangten begannen sie, mit Geschrei und Schlägen die Juden an der Wand aufzustellen. Die Situation rettete eine Frau im Nachbarzimmer, die von den Eindringlingen nicht bemerkt wurde. Sie begann durch das Fenster (oder den Balkon) nach Hilfe zu rufen. Die russischen Soldaten, die sich in der Nähe befanden, reagierten zu Anfang nicht auf ihre Hilferufe. Zum Einschreiten wurden sie aber vom Offizier Zajf, Militärarzt und Juden aus Błaszki aufgerufen. Dank ihm wurden die Eindringlinge gefasst, wenngleich sie einige Juden zusammengeschlagen und einen verletzt haben. War es nur ein Überfall oder doch ein Versuch, ein Pogrom herbeizuführen? Auf diese Frage gibt es keine eindeutige Antwort.

 

Inhaltverzeichnis:

  • Pakentreger A., Żydzi w Kaliszu w latach 1918–1939, Warszawa 1988.

 

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Fußnoten
  • [1.1] Statut Kaliski, [in:] Polski słownik judaistyczny. Dzieje, kultura, religia, ludzie, red. Z. Borzymińska, R. Żebrowski, Bd. 2, Warszawa 2003, S. 572.
  • [1.2] Tabaka A., Błachowicz M., Żydzi–Polacy, jak było naprawdę? [online] http://www.fzp.net.pl/historia/zydzi-polacy-jak-bylo-naprawde [Zugriff: 28.05.2014].
  • [1.3] Tabaka A., Błachowicz M., Żydzi–Polacy, jak było naprawdę? [online] http://www.fzp.net.pl/historia/zydzi-polacy-jak-bylo-naprawde [Zugriff: 28.05.2014
  • [1.4] Pakentreger A., Żydzi w Kaliszu w latach 1918–1939, Warszawa 1988, S. 66–69.
  • [1.5] Pakentreger A., Żydzi w Kaliszu w latach 1918–1939, Warszawa 1988, S. 95–96.
  • [1.6] Pakentreger A., Żydzi w Kaliszu w latach 1918–1939, Warszawa 1988, S. 97–100.
  • [1.7] Pakentreger A., Żydzi w Kaliszu w latach 1918–1939, Warszawa 1988, S. 127.
  • [1.8] Pakentreger A., Żydzi w Kaliszu w latach 1918–1939, Warszawa 1988, S. 253–261.
  • [1.9] Pakentreger A., Żydzi w Kaliszu w latach 1918–1939, Warszawa 1988, S. 97.
  • [1.10] Marcinkowska H., Historia kaliskiej społeczności żydowskiej https://www.kalisz.pl/pl/q/o-miescie/historia-kaliskiej-spolecznosci-zydowskiej [Zugriff: 28.05.2014]
  • [1.11] Der weitere Verlauf des Artikels stellt den Artikel von H. H. Marcinkowska u. d. T., Wojenne losy kaliskich Żydów dar – Anm. Red.