Es gibt keine Daten, die eine genaue Beschreibung der Beschäftigungsstruktur der Juden im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit ermöglichen würden. Etwas mehr ist über die damalige traditionelle soziale Hierarchie unter den Anhängern des Judentums bekannt, die sich von der feudalen christlichen Gesellschaft, in der mit dem Reichtum und hohe Geburt maßgeblich mit dem sozialen Prestige zusammenhingen, unterschied. Die Juden zollten den gelernten Talmudisten am meisten Respekt. Ansehen genossen intellektuelle und auf die Religion bezogene Berufe wie der des Rabbiners, Dayanims, Schoichets, Lehrer in einer Jeschiwa, und andere. Weiter oben auf der sozialen Leiter waren Kaufleute, aber soziales Prestige hatten vor allem Personen mit religiöser Ausbildung und Reiche. Aus ihren Reihen wurden am häufigsten die Gemeindeältesten gewählt. Die am wenigsten geschätzten Berufe waren diejenigen, die mit körperlicher Arbeit verbunden waren, deswegen befanden sich die Handwerker in der sozialen Hierarchie auf der untersten Stufe, besonders, da sie meist aus ärmeren Schichten stammten, und nur selten die Gelegenheit hatten, eine grundlegende religiöse Erziehung zu bekommen. Erst die Erscheinung einer säkularen jüdischen Kultur und die Entstehung der jüdischen politischen Bewegungen am Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts führten zu einer Neubewertung der körperlichen Arbeit und des Handwerks. Die Berufsstruktur der jüdischen Bevölkerung im achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert war typisch für die bürgerliche Mittelschicht. Das Verbot des Landbesitzes, wenn auch nicht immer konsequent durchgesetzt, bedeutete, dass Juden nur selten in landwirtschaftlichen Berufen arbeiteten. Meistens waren sie im Handel (auch Geldverleih und die Vermittlung von Krediten gehörten dazu) und Handwerk engagiert oder führten Gastwirtschaften. Ein großer Teil der Juden war als Diener und Dienstmädchen in Haushalten, Gewerbebetrieben oder auch in Fabriken beschäftigt. Die Zahl der Beamten (Angestellte in den Büros des Marschalls und in privaten Unternehmen) war relativ gering, während der Anteil der Lehrer im Verhältnis zu christlichen Lehrern höher war. Berufe mit langer Tradition waren unter den Juden die medizinischen Berufe (Ärzte, Arzthelfer, Friseure). Im Jahre 1794 gab es allein in Warszawa [Warschau] mehr als ein Dutzend jüdischer Ärzte. Eine wichtige, obwohl kleine Gruppe, waren Rabbiner und Synagogen-Bedienstete, die es in allen Ballungszentren des jüdischen Glaubens gab. Die unterste Bevölkerungsschicht (Bettler, Zuhälter, Diebe, Hehler) war weniger zahlreich als unter den Christen. Die Teilungen Polens spalteten die jüdische Gemeinde. Wegen rechtlicher und wirtschaftlicher Unterschiede entwickelte sich die Berufsstruktur der Juden in jedem Teilungsgebiet ein wenig anders. In Großpolen waren im Jahre 1849 rund 10% der Juden wohlhabende Bankiers, Kaufleute, Hoteliers und Freiberufler ; 52% waren im Kleinhandel und Handwerk beschäftigt; 28% arbeiteten als Gesellen und Diener. Etwa 10% der jüdischen Gemeinde in Großpolen stellten Arbeitslose. Als Folge der Entfernung der Juden vom ländlichen Handel im russischen Teilungsgebiet sank zunächst der Anteil des Handels gegenüber anderen Berufen. Später, als sich die jüdische Bevölkerung aus vielen Berufen zurückziehen musste und sich im Ansiedlungsrayon sammelte, begann dieser Anteil wieder zu steigen. Nach 1882 blieben die meisten Juden im Kleinhandel und Handwerk oder als Krämer und Hausierer beschäftigt. Von großer Bedeutung wurden Transport und Spedition: vier Fünftel der Verkehrs-, Speditions- und Außenhandelsunternehmen wurden von Juden betrieben. Jüdische Chauffeure und Fuhrleute (balagula) wurden zu einem integralen Bestandteil der meisten Bahnhöfe und Messehallen. Auch im Dienstleistungssektor entfiel ein erheblicher Beschäftigungsanteil auf die Juden, besonders bei den Besitzern von Suppenküchen, Schinken, Bierhallen und Hotels war ihr Anteil hoch. In der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts gehörten immer mehr Juden der Intelligenz an: Beamte, Angestellte vor allem in privaten Büros, Lehrer, sowie Freiberufler. Anders sah die berufliche Struktur der galizischen Juden aus. Handel und Handwerk spielten dort keine so wichtige Rolle wie im russischen Teilungsgebiet. 1880 waren 27,4% der Juden in Galizien im Handel und 26,2% in der Industrie beschäftigt; Mit dem Handwerk und dem Verkauf alkoholischer Getränke befassten sich etwa 21,8%. Deutlich höher als in den anderen Teilungsgebieten war auch der Anteil der Bauern, er lag bei 13,4%, und Rentner, hier lag er bei 10,2%, die von ihren erwirtschafteten Kapitalverzinsungen lebten. Es gibt keine Daten über den Anteil der Vertreter der freien Berufe oder über die unterste Bevölkerungsschicht in Galizien. In der Zwischenkriegszeit war die Unterhaltsquelle der meisten polnischen Juden die Produktion von Gütern, im Jahr 1931 lag deren Anteil bei 42,4%, vor allem lebten sie vom Handwerk. Die Handwerker arbeiten meist in kleineren Produktions- und Dienstleistungsbetrieben, die von Familie geführt wurden, oder in denen man nur wenige Mitarbeiter einstellen musste. In der Industrie waren die meisten Menschen auf die Bekleidungsindustrie (17%), Nahrungsmittelindustrie (7,1%), Metallindustrie (3,0%), Holzindustrie (3,4%) und Textilindustrie (3,0%) konzentriert. Der Wirtschaftsektor, in dem mit 36,6% der Juden eine große Gruppe beschäftigt war, war der Handel (zusammen mit dem Versicherungs- und Finanzsektor). Aber auch hier hatte die Mehrheit der Juden mit veralteten und primitiven Formen des Handels (Einzelhandel, Hausieren u. Haustürgeschäft) zu tun. Viel geringer war der Anteil der Juden an Versicherungs- und Finanzgeschäften, sowie am Groß- und Genossenschaftshandel. An dritter Stelle der größten jüdischen Berufsruppen (4,5%) befanden sich diejenigen Juden, die eine Beschäftigung in den Bereichen Verkehr und Kommunikation fanden. In den Abteilungen von Bereichen, die dem Staat oder der lokalen Selbstverwaltung unterstanden (Post, Telefon, Eisenbahnen, Straßenbahnen und Busse), war die jüdische Beteiligung minimal. Eingesetzt wurden sie häufig bei Privatspeditionen und den traditionellen Verkehrsformen, wie der Kutscherei, dem Pferdtransport und als Gepäckträger. In geringem Maße verfügten sie über moderne Verkehrsmittel wie Taxis und Lastwägen. Der Anteil der landwirtschaftlichen Berufe (einschließlich des Gartenbau, der Forstwirtschaft und der Fischerei) stieg auf 4,3% an, es gab sogar eine sehr kleine Gruppe von jüdischen Großgrundbesitzern. In den auf Gesundheit und Heilung bezogenen Berufen waren 2,1% der Juden beschäftigt. Unter ihnen befanden sich Ärzte, Apotheker, Arzthelfer, Krankenschwestern, Hebammen, Barbiere und Kosmetiker. Einen ähnlichen Anteil hatten auch Berufe in den Bereichen Bildung (2,3%), darunter Lehrer von privaten und öffentlichen Schulen, Hauslehrer, Melamdim (Cheder), Kindergärtnerinnen, Mitarbeiter von Forschungseinrichtungen, und Hochschuldozenten. Im öffentlichen Dienst (1,8%) bildeten Juristen und Anwälte, die eine private Praxis hatten, Mitarbeiter von religiösen Vereinen und sozialen Einrichtungen sowie Schriftsteller, Maler, Bildhauer, Theaterleute, etc., und seltener, Beamte, den höchsten Anteil. Am seltensten vertreten waren Hausangestellte (0,7%). Sehr groß (4,7%) war die Gruppe von Menschen, die "ein Leben ohne Erwerbsarbeit führte." Zu dieser Gruppe gehörten Menschen von unterschiedlichem sozialen Status: Rentner, Arbeitsunfähige, Kriegsveteranen und deren Familien, Pensionäre, Bettler, sowie Menschen, die von öffentlichen Wohltätigkeitsorganisationen und in Krankenhäusern oder Gefängnissen lebten. Ein charakteristisches Merkmal der meisten Berufe, in denen Juden stark vertreten waren, war ein niedriges Einkommen. Nach dem Zweiten Weltkrieg versuchte man, eine neue berufliche Struktur der jüdischen Bevölkerung aufzubauen, indem die Juden auf neue Sektoren der Wirtschaft verteilt wurden. Im Jahre 1947 arbeiteten 32,6% der Juden in der Schwerindustrie und der Landwirtschaft (ORT), 15% im Handwerk, sowohl in privaten Werkstätten als auch in den Genossenschaften ("Solidarität"). Im neuen System waren nur wenige Juden Eigentümer von Geschäften. Die meisten Juden, die im Handel tätig waren, handelten illegal auf Märkten oder als Hausierer. Eine neue Erscheinung war die Teilnahme von Juden an der Staatlichen und kommunalen Verwaltung (etwa 25% aller berufstätigen Juden). 1949-1950, nach der Auflösung der autonomen jüdischen Institutionen und Säuberungen in den Verwaltungsbehörden, sank dieser Anteil. Statistiken über die Beschäftigung der jüdischen Bevölkerung wurden später nicht mehr geführt.
Der nebenstehende Text stammt aus dem Buch „Historia i kultura Żydów polskich. Słownik“ („Die Geschichte und Kultur der Polnischen Juden. Glossar.“), dessen Autoren Alina Cała, Hanna Węgrzynek und Gabriela Zalewska sind. Das Buch wurde beim Verlag WSiP herausgegeben.

