Als Dobre Miasto (Guttstadt) zu Polen gehörte, waren Jüdische Kaufleute dort vor 1772 hauptsächlich auf Jahrmärkten zu treffen. Zu seinen festen Einwohnern wurden die Juden jedoch erst Anfang des 19. Jahrhunderts.
Am 22. April 1814 trafen in Dobre Miasto (Guttstadt) die Angehörigen der ersten drei jüdischen Familien aus Barczewo (Wartenburg) und Orneta (Wormditt) ein: Katz, Lewald und Stahl[1]. Bereits einen Monat später kaufte ein Mitglied der letzten Familie, Lippmann Abraham Stahl, ein Grundstück außerhalb der Stadt für die Errichtung eines jüdischen Friedhofs[2]. Im Juli 1814 trafen weitere jüdische Familien ein: Friedländer, Sass und Schwarz. Sie kamen unter anderem aus Kamień Pomorski (Cammin in Pommern) und Złotów (Flatow). 1816 zählte die Diaspora 10 Familien[3]. Erster Kultusbeamter, Kantor und Religionslehrer wurde Abraham Fabisch Neumann, der dreimal in der Woche gemeinschaftliche Gebete leitete. Sie fanden im Haus von L. A. Stahl statt[4].
Das erste Kind kam bereits am 28. Juni 1814 in der Familie Lewald zur Welt. Die erste Hochzeit fand am 18. März 1816 statt: Rahela Hirsch heiratete den 26-jährigen Hirsch Pinchas Lewinsohn, der aus Kamień (Cammin) stammte. Am 4. Juni 1816 starb Rahela Friedländer und wurde als erste auf dem jüdischen Friedhof in Dobre Miasto (Guttstadt) beigesetzt[5].
Da die Anzahl der Diasporamitglieder schnell wuchs, erwarben die Kaufleute Stahl und Meirowski in den 20-er Jahren des 19. Jahrhunderts ein Gebäude für ein Bethaus. Im Obergeschoss des Hauses, das auf dem Grundstück Nr. 68 stand, wurde ein geräumiger Betsaal eingerichtet. Das Erdgeschoss, zum Teil zu Wohnungen für den Prediger und den Lehrer umgestaltet[6], wurde für gemeindliche Zwecke genutzt. Die Blütezeit der Diaspora kam, als Elias Schwarz Vorsteher der Gemeinde war. Sie dauerte von den 30-er bis in die 60-er Jahre des 19. Jahrhunderts. Auf die Initiative von Elias Schwarz wurden unter anderem eine Chewra Kadischa und eine jüdische Krankenkasse gegründet. Auch eine Synagoge und eine Mikwe wurden auf seine Anregung hin errichtet[7]. Die Synagoge wurde 1855 fertig gestellt. Am 2. September 1855 fand die feierliche Eröffnung statt, während der die Torarollen aus dem alten Gotteshaus in die neue Synagoge gebracht wurden. Anwesend waren Vertreter des Regierungsbezirks Königsberg, der Bürgermeister, die Stadtratsmitglieder sowie die Einwohner von Dobre Miasto (Guttstadt). Ende der 60-er Jahre des 19. Jahrhunderts wurde in der Stadt eine öffentliche jüdische Schule für rund 80 Kinder gegründet[8].
Die Juden in Dobre Miasto (Guttstadt) lebten vor allem vom Handel. Selmar Josephson hatte ein Textilgeschäft im Mietshaus Nr. 1 in der Rynek-Str. In der Przedmieście-Orneckie-Str. wohnten und arbeiteten: Georg Heimann, ein Viehhändler (Hausnummer 52), Bruno Sass, ein Viehhändler, zwischen 1920 und 1924 mit G. Heimann als Gesellschaft (Hausnummer 57), Samuel Lesser, ein Viehhändler (Hausnummer 59), David Rosenthal, zuerst ein Kaufmann, dann ein Rentier, mit seiner Frau Clara (Hausnummer 60). Moritz Kischkover handelte mit Lebensmitteln und hausierte mit Butter und Eiern. Er wohnte in der Przedmieście-Głotowskie-Str. 30. In derselben Straße wohnte der Händler Leo Levy zusammen mit seinen Schwestern (Hausnummer 43). Im Haus Nr. 44 wohnten der Kaufmann Gerhard Sass und der Getreidehändler Saul Sass, im Haus Nr. 60 lebte der Kaufmann Moses Jakob Sass. Bis 1938 handelte Moritz Borowski mit Rohstoffen in der Przedmieście-Jeziorańskie-Str. 66. In der A.-Fischer-Str. 76 handelten Adolf und Erich Hirsch mit Getreide. Weitere Mühlbesitzer waren in der Przedmieście-Jeziorańskie-Str. Jakob Schwarz und später, bis gegen 1932, Nathan Rawsaway. Frieda Orbach hatte einen Schuhladen. Julius Imber führte eine Zahnarztpraxis in der Hindenburg-Str. 15/16. In derselben Straße verkaufte Bertold Wittenberg Eisenwaren[9].
Die meisten Juden in Dobre Miasto (Guttstadt) gehörten zur Mittelschicht, aber Kiewe Katz, Elias Schwarz, Philipp Bütow und Hermann Friedländer fielen 1869 zum Beispiel in die höchste Steuerklasse und wurden somit Stadtratsmitglieder[10].
Die Verbindungen der Juden in Dobre Miasto (Guttstadt) zu ihrem preußischen und später auch deutschen Vaterland wurden immer fester. In den 60-er Jahren des 19. Jahrhunderts las Rabbiner Doktor Goldstein zum ersten Mal das Gebet auf Deutsch[11]. Philipp Bütow wurde im Deutsch-Französischen Krieg 1870-1871 mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet[12]. Sieben von den 26 Juden aus Dobre Miasto (Guttstadt), die an den Fronten des Ersten Weltkriegs kämpften, kamen nicht mehr nach Hause zurück[13]. Nach 1918 wohnten in Dobre Miasto (Guttstadt) unter anderen folgende Veteranen des Ersten Weltkrieges: Unteroffizier Georg Heimann, Unteroffizier Erich Hirsch (mit dem Eisernen Kreuz 2. Klasse ausgezeichnet), Unteroffizier Selmar Josephson, Leo Levy (für das Herausholen des Kompaniechefs aus dem Beschuss mit dem Eisernen Kreuz 2. Klasse ausgezeichnet), Offizier (Freiwilliger) Alfred Sass (mit dem Eisernen Kreuz 2. Klasse ausgezeichnet), Gerhard Sass (mit dem Eisernen Kreuz 2. Klasse ausgezeichnet), Sergeant Berthold Wittenberg (mit dem Eisernen Kreuz 2. Klasse ausgezeichnet)[14]. Nach seiner Rückkehr von der Front wurde Alfred Sass Mitglied des Soldaten- und Arbeiterrates in Dobre Miasto (Guttstadt)[15].
Die Niederlage Deutschlands im Ersten Weltkrieg sowie die allgemeine Krise waren ungünstig für die Entwicklung der kleinen ostpreußischen Städte. Indirekt waren auch die Minderheitsgemeinschaften betroffen. Die Einwohner fingen an, in Großstädte und ins Ausland auszuwandern. Wirtschaftliche Spannungen nahmen zu. Die Juden in Dobre Miasto (Guttstadt) waren jedoch aktiv am Leben ihrer Stadt beteiligt. Julius Cohn wurde zum Ehrenbürger ernannt. Adolf Hirsch war seit 1909 Stadtratsmitglied (seit 1924 Magistratsmitglied)[16]. Lidia Heimann genoss großes Ansehen als begabte Schauspielerin[17]. Selmar Josephson und Felix Halpern waren Mitglieder im Sängerverband[18].
Neue Mitglieder der jüdischen Gemeinschaft wurden die so genannten Optanten aus Westpreußen, das der Zweiten Polnischen Republik angeschlossen worden war: Julius Imber aus Toruń (Thorn) und Moritz Kischkover aus Skoki (Schokken) bei Wągrowiec (Wongrowitz). Aus Galizien kam der spätere Mühlbesitzer Nathan Rawsaway[19]. Emma (Emmy) Schlabowski, geborene Rosenstein, die 1869 in Dobre Miato (Guttstadt) zur Welt gekommen war, besaß die polnische Staatsangehörigkeit (im Oktober 1938 wurde sie nach Polen deportiert).
Eins der hervorragendsten Mitglieder der Diaspora war der Rabbiner und Prediger (seit 1924) Felix Halpern, der 1927 ein Buch zur Geschichte der jüdischen Gemeinde in Dobre Miasto (Guttstadt) herausgab. Er verfasste auch einen Roman über die jüdischen Aufstände zu römischer Zeit. Darüber hinas war er jahrelang Vorsitzender des Sängerverbands[20].
Die 30-er Jahre setzten der Diaspora in Dobre Miasto (Guttstadt) ein Ende. Bereits am 25. Februar 1932 äußerte Doktor Freund aus Berlin, der eine Vorlesung in der Stadt hielt, seinen Protest gegen die Diskriminierung von Juden, die sich als Deutsche empfanden[21]. Als die Nazis 1933 an die Macht kamen, nahmen die Schikanen gegen die jüdischen Einwohner zu. 1937 nahm nur ein Arier an der Beerdigung von Felix Halpern teil: der Architekt Quednow, ein vielfaches Magistrats- und Stadtratsmitglied, der keine Angst hatte, der Hetzkampagne gegen die Juden Widerstand zu leisten[22]. In der Reichspogromnacht wurde die Synagoge in Brand gesteckt. Die jüdischen Läden wurden ausgeplündert und alle Männer wurden verhaftet. Betrunkene Faschisten und Gestapomänner schlugen den Vorsteher der Gemeinde Gerhard Sass sowie Georg Heimann und erzwungen von ihnen ein Geständnis, sie hätten das Gotteshaus selbst in Brand gesteckt. Danach wurde Heimann gezwungen, die Synagoge auf die NSDAP notariell umschreiben zu lassen. Alle Männer wurden ausgepeitscht und am Morgen freigelassen. Von einigen wurde eine Verpflichtung erzwungen, Deutschland innerhalb von 3 Monaten zu verlassen[23].
Alle wohlhabenden Juden verließen Dobre Miasto (Guttstadt) 1938. Es gab jedoch Diasporamitglieder, die hier noch während des Kriegs lebten. Sie wurden unter anderem als Zwangsarbeiter ausgenutzt. Clara Sass, geborene Friedensohn, wohnte in der Stadt bis 1942. Bis zur Jahreswende 1943/1944 lebte in Dobre Miasto (Guttstadt) Leo Levy, der Veteran des Ersten Weltkrieges. Er wurde enteignet. Ein Landwirt gab ihm einmal ein paar Gänse, was bei den Behörden angezeigt wurde. Der Jude wurde verhaftet und verhört, aber er verriet den Namen seines Wohltäters nicht. Es wurde beschlossen, Levy in ein Konzentrationslager zu deportieren. Bei der Deportation warf er sich jedoch unter einen Zug auf dem Bahnhof in Dobre Miasto (Guttstadt). Sein Tod rief allgemein Empörung in der Stadt hervor[24].
Die Juden aus Dobre Miasto (Guttstadt) versuchten auch, sich in Belgien, Frankreich (unter anderen Paul und Max Hirsch, Max Stolzenberg) oder Holland (Paula Sommerfeld, geborene Stolzenberg, Leo Stolzenberg, Lothar und Berthold Halpern) zu verstecken. Vergeblich, wie es sich später herausstellte. Juden, deren Familien aus Dobre Miasto (Guttstadt) kamen, wurden in Ghettos in Theresienstadt, Riga, Minsk, Warszawa (Warschau) und ins Konzentrationslager Ravensbrück deportiert. Gelang es ihnen zu überleben, starben sie später in Vernichtungslagern und anderen Vernichtungsorten: in Auschwitz, Sobibor, Raasik (bei Tallin), Treblinka, Majdanek und Sachsenhausen. Nach dem Krieg ließen sich die Juden aus Dobre Miasto (Guttstadt) im Ausland nieder. In Israel: die Familien Hirsch (Elsa, geborene Schwarz, Stefan, Herta), Imber (Julius, Paula, geborene Reif, Manfred, Ellen Ruth, Max Martin), Kischkover (Manfred Viktor, Heinz), Wittenberg (Walter, Herta); in den USA: die Familien Heimann (Selma, geborene Kiewe), Hirsch (Erich), Josephsohn (Hans, Leo, Walter), Kischkover (Alfred), Sass (Rena, Alfred, Gerhard); in England: die Familien Hirsch (Robert Harben), Lesser (Ilse), Sass (Anna); in Uruguay: Borowski (Moritz); in Südafrika: Borowski (Erna, Kurt, Erika); in Kenia: Heimann (Georg), Lesser (Harry, Rudolf, Marianna, geborene Löwenthal); in Japan oder China: Herrmann (Eva)[25]. Die Vernichtung überlebten auch Angehörige und Verwandte der Familien: Berner, Bratt, Levi, Levin, Lewinsohn, Rosenstein, Schlabowski, Widel.
Übersetzung: Maciej Zgondek
[1] Halpern, F., Geschichte der jüdischen Gemeinde zu Guttstadt, Guttstadt, 1927, S. 19.
[2] Knercer, W., Cmentarze żydowskie na terenie województwa olsztyńskiego. Historia, stan obecny, [in:] Woronczak, J., Cmentarze żydowskie, Studia z dziejów kultury żydowskiej w Polsce, Bd. 2, Wrocław, 1995, S. 139.
[3] Halpern, F., Geschichte der jüdischen Gemeinde, Guttstadt, 1927, S. 19f. Los naszych żydowskich współmieszkańców, [in:] Rocznik Dobromiejski, Bd. 1, 2007, S. 157, 160.
[4] Halpern, F., Geschichte der jüdischen Gemeinde, Guttstadt, 1927, S. 20.
[5] Halpern, F., Geschichte der jüdischen Gemeinde, Guttstadt, 1927, S. 19ff.
[6] Halpern, F., Geschichte der jüdischen Gemeinde, Guttstadt, 1927, S. 23. Los naszych żydowskich współmieszkańców, S. 160.
[7] Halpern, F., Geschichte der jüdischen Gemeinde, Guttstadt, 1927, S. 26f.
[8] Halpern, F., Geschichte der jüdischen Gemeinde, Guttstadt, 1927, S. 29f.
[9] Los naszych żydowskich współmieszkańców, [in:] Rocznik Dobromiejski, Bd. 1, 2007, S. 152-155.
[10] Halpern, F., Geschichte der jüdischen Gemeinde, Guttstadt, 1927, S. 32.
[11] Halpern, F., Geschichte der jüdischen Gemeinde, Guttstadt, 1927, S. 34.
[12] Halpern, F., Geschichte der jüdischen Gemeinde, Guttstadt, 1927, S. 33.
[13] Halpern, F., Geschichte der jüdischen Gemeinde, Guttstadt, 1927, S. 42f. Löwenstein, L., Die jüdischen Gefallenen des Deutschen Heeres, der Deutschen Marine und der Deutschen Schutztruppen 1914-1918. Ein Gedenkbuch, Berlin 1932, [http://www.denkmalprojekt.org/Verlustlisten/rjf_wk1.htm], Stand: 27. April 2010.
[14] Los naszych żydowskich współmieszkańców, [in:] Rocznik Dobromiejski, Bd. 1, 2007, S. 152-158.
[15] Los naszych żydowskich współmieszkańców, [in:] Rocznik Dobromiejski, Bd. 1, 2007, S. 153.
[16] Los naszych żydowskich współmieszkańców, [in:] Rocznik Dobromiejski, Bd. 1, 2007, S. 153.
[17] Los naszych żydowskich współmieszkańców, [in:] Rocznik Dobromiejski, Bd. 1, 2007, S. 152.
[18] Los naszych żydowskich współmieszkańców, [in:] Rocznik Dobromiejski, Bd. 1, 2007, S. 153.
[19] Los naszych żydowskich współmieszkańców, [in:] Rocznik Dobromiejski, Bd. 1, 2007, S. 153.
[20] Halpern, F., Geschichte der jüdischen Gemeinde. Guttstadt, 1927, Vgl. Los naszych żydowskich współmieszkańców, [in:] Rocznik Dobromiejski, Bd. 1, 2007, S. 150f.
[21] Los naszych żydowskich współmieszkańców, [in:] Rocznik Dobromiejski, Bd. 1, 2007, S. 149.
[22] Los naszych żydowskich współmieszkańców,[ in:] Rocznik Dobromiejski, Bd. 1, 2007, S. 150.
[23] Los naszych żydowskich współmieszkańców, [in:] Rocznik Dobromiejski, Bd. 1, 2007, S. 161f.
[24] Los naszych żydowskich współmieszkańców, [in:] Rocznik Dobromiejski, Bd. 1, 2007, S. 151, 154f.
[25] Sommerfeld, A.,Juden im Ermland – Ihr Schicksal nach 1933, [in:]Zeitschrift für die Geschichte und Altertumskunde Ermlands, Heft 10, Münster 1991.Los naszych żydowskich współmieszkańców, S. 152.
