demografia

Es gibt keine Quellen, die die Zahl der in Polen lebenden Juden während des Mittelalters und der Frühen Neuzeit beziffern könnten; man kann ihre Anzahl nur schätzen. Die Juden kamen in mehreren Migrationswellen nach Polen. Anfang des 14.Jahrhunderts wohnten etwa 1000 Juden in Polen. In der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts und im 15 Jh. stieg diese Zahl deutlich an. Auf einer Steuerliste von 1507 wurden 54 Gemeinden erwähnt, aber auf dieser Steuerliste blieben 30 Ortschaften unberücksichtigt. Man kann vermuten, dass es im 16. Jh. Etwa 90 Gemeinden gab (in manchen Städten sogar zwei z.B. in Lwów [Lemberg] oder in Kazimierz) Ihre Personenstärke war nicht sehr groß, sie betrug durchschnittlich ein paar Dutzend bis 100 Personen, nur die größten Gemeinden zählten ein paar Hundert Gläubige. Historiker schätzen die Zahl der in Polen und Litauen lebenden Juden im 16. Jh. auf 10 bis 24.000. Ende des 16. Jahrhunderts stieg die Zahl der Gemeinden in Polen auf bis zu 200, ihre Personenstärke war unterschiedlich. Unterlagen von 1619 zeigen, dass in Posen über 3000 Juden wohnten. Viele Gemeinden in Ostpolen zählten einige Dutzend Mitglieder. Im 17. Jh. wohnten schätzungsweise etwa 80 bis 100.000 Juden in Polen. Trotz der hohen Sterblichkeit, der Epidemien und der Tataren-Überfälle war die Geburtenrate der Juden höher als die Geburtenrate der Polen. Hierfür gab es viele Ursachen. Der jüdische Glaube legte viel Wert auf Hygiene und lehnte die Ehelosigkeit ab. Man konnte bereits ab dem 13. Lebensjahr eine Ehe eingehen. Juden konnten keinen Wehrdienst leisten. Im 16. und 17. Jh. gab es mehr Juden in Ostpolen als in Westpolen. Immer häufiger wohnten sie auf dem Lande, wo sie Wirtshäuser und  Mühlen pachteten. Der Chmielnicki-Aufstand verursachte einen plötzlichen Bevölkerungsrückgang (20%-25%), da es zu zahlreichen Pogromen kam, was zu einer Flucht in andere Gebiete der Rzeczpospolita führte. Die Kriege, die im 17. und 18. Jh. geführt wurden, trugen zum wirtschaftlichen Zusammenbruch vieler Städte bei, was die Entwicklung der dortigen Gemeinden hemmte. Von 1764 bis 1766 zog man auf neuer Grundlage eine Kopfsteuer von allen Juden, die älter als ein Jahr waren, ein. Quellen zufolge wurden von etwa 600.000 Personen Steuern eingezogen. Man kann die Zahl der Juden, die die Steuer nicht zahlten, auf 750.000 bis 900.000 Personen schätzen. Das waren 6% aller Polen. Aufgrund der Polnischen Teilungen geriet die Mehrheit der polnischen Juden (etwa 500 .000 Personen) unter russische Herrschaft. Von Anfang an wurden die Juden in ihren Rechten beschränkt. Die Gebiete, in denen die Juden wohnen konnten, wurden genau festgelegt. Sie durften nur in der Stadt wohnen. 1827 wohnten 80,4% der Juden in Polen in Städten; 1865 stieg diese Zahl auf 90,5 %. Der Anteil der jüdischen Bevölkerung an der Gesamtbevölkerung war ebenfalls hoch. Während die Gesamtbevölkerung Kongreßpolens von 1816 bis 1913 um 381% anstieg, wuchs die jüdische Bevölkerung um 822%. Im 19. Jh. stieg die Anzahl der Juden in den elf größten Städte stark an (z.B. in Warszawa [Warschau] um das Fünffache, in Łódź [Lodz] umd das Zwanzigfache). Die meisten Juden sammelten sich in Warszawa, das gleichzeitig die größte jüdische Gemeinde der Welt bildete. Das hohe Wachstum der jüdischen Gemeinden konnte den Bevölkerungsschwund durch die Emigration nach Westeuropa und in die USA abfedern. Im preußischen Teilunggebiet gab es 65.000 polnische Juden, wobei die Mehrheit von ihnen in Wielkopolska [Großpolen] wohnte. 1816 lebten 96% der Juden aus Wielkopolska in Städten, was ähnlich wie in Russland an rechtlichen Beschränkungen lag. Die größte Gemeinde im preußischen Teilungsgebiet war in Poznań [Posen] beheimatet, darüber hinaus gab es große jüdische Zentren in Oborniki [Obornik], Szamotuly [Samter], Leszno [Rosenberg], Ostrow [Ostrowo] und Kępno [Kempen]. Für das Ende des 19. Jahrhunderts lässt sich ein Rückgang der Zahl der Juden im preußischen Teilungsgebiet feststellen, da  Juden in anderen Städte des Reiches oder in die Vereinigten Staaten migrierten. Von 1824 bis 1890 wanderten über 65.000 Juden aus dem Herzogtum Posen aus. Im österreichischen Teilungsgebiet gab es nach 1772 171.000 polnische Juden, 1795 hingegen 215.000, was 9% der Gesamtbevölkerung entsprach. Die Zahl der Juden stieg systematisch an. 1850 waren in Galizien etwa 333.000 Juden beheimatet, 1869 etwa 576.000 und 1910 gab es bereits 871.000 Juden. Die galizischen Juden stellten im 19. Jh. fast zwei Drittel der Juden, die im Habsburgerreich lebten. Ähnlich wie im russischen und preußischen Teilungsgebiet bewohnten sie vor allem die Städte, wo sie häufig die Bevölkerungsmehrheit stellten z.B. in Brody (71,2%), Buczacz [Butschatsch] (57,3%), Rawa Ruska (57,2%), und Stanisławow [Stanislau] (51,3%). Ende des 19. Jahrhunderts stieg die Anzahl der Juden nicht mehr an. Die Emigration war die Hauptursache, dass die Zahl der Juden von nun an sank. Von 1881 bis 1910 wanderten 236.500 Juden aus Galizien aus und zogen nach Amerika. Viele gingen auch nach Österreich. Dadurch wurde Wien in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zur zweitgrößten jüdischen Stadt nach Warszawa. Der Erste Weltkrieg brachte viele Veränderungen für die Lage der Juden auf polnischem Gebiet mit sich. Flucht vor Kriegshandlungen, Diskriminierungen, sowie Pogrome in Russland und der Ukraine führten dazu, dass sich die Struktur dieser Bevölkerungsgruppe massiv veränderte. Der Oberbefehlshaber der russichen Truppen, Herzog Mikołaj Mikolajewicz, befahl Juden, die auf  Kriegsgebiet lebten, sich zu entfernen, indem er sie wegen Sabotage der Armee anklagte. Die größte Ansammlung von jüdischen Flüchtlingen fand sich in Warschau, wohin etwa 80.000 Juden aus 140 Ortschaften flohen. Insgesamt wurden etwa 500 bis 600.000 Juden Opfer der Umsiedlungsaktionen, die erst duch die deutsch-österreichische Gegenoffensive gestoppt werden konnte. In Galizien flohen die Juden aus Angst vor der russischen Armee nach Ungarn, Mähren, Tschechien und Wien, wo etwa 77.000 jüdische Flüchtlinge Zuflucht fanden. In den beiden letzten Jahren des Krieges wanderten die Juden massenweise aus Polen aus. Sie flohen vor allem in deutsche Städte, wo es zu keinen Kriegshandlungen kam. Nach der Entstehung des unabhängigen polnischen Staates stieg die Zahl der Juden bis 1939 aufgrund der Heimkehr von Flüchtlingen vor allem aus Russland (etwa 600.000) wieder an. Kleinere Gruppen kamen auch aus Österreich und der Tschechoslowakei. Der Geburtenrückgang der Juden und die Emigration verurachten einen Rückgang der jüdischen Bevölkerung in Polen. Die Juden waren ungleichmäßig über Polen verteilt. Sie lebten vor allem in den Städten der östlichen und zentralen Wojewodschaften. 76,4% der Juden wohnten in der Stadt und 23,6% lebten auf dem Lande. Auf die christliche Bevölkerung traf das Gegenteil zu (22,1% der Christen lebten in der Stadt und 77,9% wohnten auf dem Lande). Jeder vierte polnische Jude wohnte in einer der fünf großen Städte: Warszawa, Łódź, Lwów, Krakau und Wilno [Wilna] ( 24,6% der jüdischen Bevölkerung in Polen). In diesen Städten stellten sie 30% der Bevölkerung. In vielen Städten waren mehr als die Hälfte der Einwohner Juden. z.B. in Jędrzejow(73,1%), Pińsk [Pinsk](63,4%), Węgrów (60,45%), Kobryń [Kobryn] (55,6%), Tomaszow Lubelski (54,0%),Słonim [Slonim](52,8%) und Brody(50,5%). In den westlichen Wojewodschaften war die Zahl der Juden sehr gering (0,3%). Im Oktober 1939 wurde der polnische Staat zwischen den Besatzungsmächten aufgeteilt. Die von den Deutschen besetzten Gebiete (Pomorze [Pommern], Mazowsze [Masowien], das Gebiet um Suwałki, Śląsk [Schlesien], Wielkopolska) wurde dem Reich mitsamt seiner jüdischen Bevölkerung (600.000 Personen) einverleibt. Die übrigen Gebiete bildeten das so genannte Generalgouvernement, in dem es etwa 1.5 Mio. Juden gab. Von Beginn an leiteten die Deutschen Maßnahmen in die Wege, die Juden isolieren sollten. Ghettos wurden errichtet, in welche die Juden deportiert wurden. Ab 1941 wurden die Juden, wie geplant, ermordet. Etwa 1,2 Mio. Juden lebten im sowjetisch besetzten Teil Polens. Ende 1939/Anfang 1940, als die Grenzen noch durchlässig waren, flohen viele Juden in die sowjetischen Gebiete. Die sowjteische Besatzungsmacht begann die kulturelle und religiöse Eigentümlichkeit  der Juden in den besetzten Gebiete zu bekämpfen. Die Verhaftungen und Deportationen betrafen vor allem politische Aktivisten und "Feinde des Volkes" (Kaufmänner, Industrielle, Angehörige der Inteligenz). Von Februar 1940 bis März 1941 wurde etwa 1 Mio. polnische Bürger (von denen 30%  Juden waren) deportiert. Einen Teil der Menschen wies man in Arbeitslager ein, andere mussten in den Städten arbeiten, sowie in Kolchosen oder Sowchosen. Im Juni 1941 begannen die Deutschen  nach dem Ausbruch des deutsch-sowjetischen Krieges die Endlösung zu realisieren. Wehrmacht und Einsatzgruppen begannen mit dem Terror und den Massenexekutionen der Juden. Im Grenzgebiet wurden 500.000 Personen ermordet, die Überlebenden wurden in Ghettos deportiert und anschließend in die Vernichtungslager abtransportiert. Während des Zweiten Weltkrieges kamen 85-89% der polnischen Juden ums Leben. Das heißt, dass den Krieg nur 10% der Juden überlebten. Nach der Befreiung begann man im Rahmen eines Hilfsprogrammes für die Juden, die den Holocaust überlebt hatten, diese zu registrieren. Die erste Institution, die sich damit beschäftigte, war das Referat zur Hilfe der Juden beim Polnischen Komitee der Nationalen Befreiung (PKWN). Im Oktober 1944 umfasste die Liste etwa 8.000 Personen. Von November 1944 bis 1948 kehrten über 200.000 Juden aus der Sowjetunion zurück. Zu dieser Zahl muss man folgende Gruppen hinzuzählen: Gefangene aus den Vernichtungslagern, Partisanen, von polnischen Familien gerettete Kinder, Personen die sich arische Papiere besorgt hatten, usw. Ihre Zahl kann man auf etwa 50.000 Personen beziffern. Viele von ihnen verließen Polen jedoch umgehend. Im Juni 1945 vermeldete das Zentralkomitee der Juden 74.000 Juden und Ende 1946 192.000. Die meisten von ihnen lebten in den Woiwodschaften górnośląskie [Oberschlesien] łódzkie und dolnośląskie [Niederschlesien]. Die westlichen Gebiete, zu Beginn Śląsk, später auch Szczecin [Stettin], bildeten einen Raum in den die sogenannten Reatrianten geschickt wurden. Die Zahl der Juden sank aufgrund von Emigration, die besonders nach dem Pogrom von Kielce (4.7.1946) einen Massencharakter annahm. Bis Anfang 1947 wanderten etwa 140.000 Juden aus. Im März 1947 waren noch lediglich 93.000 Juden in Polen registriert. Von 1949 bis 1950 gab es eine große Emigrationwelle, dieses Mal nach Israel. Es blieb nur etwa die Hälfte der Juden in Polen.In den folgenden Jahren galt ein Ausreiseverbot für alle Bürger und erst die politischen Umwälzungen von 1955/1956 trugen zu einer verstärkten Ausreise der Juden bei. Etwa 30.000 Personen wanderten damals aus. Die letzten Enklaven jüdischer Kultur lösten sich auf oder wurden aufgelöst und die jüdische Jugend passte sich an die polnische Kultur an. Die letzte große Emigrationwelle entstand in März 1968. Aufgrund dieser sank die Zahl der Juden in Polen auf einige Tausend Personen (Stand: 1998).

Hanna Węgrzynek, Gabriela Zalewska

Der Text stammt vom Portal Diapozytyw, früher Eigentum des Adam-Mickiewicz-Instituts.
Der nebenstehende Text stammt aus dem Buch „Historia i kultura Żydów polskich. Słownik“ („Die Geschichte und Kultur der Polnischen Juden. Glossar.“), dessen Autoren Alina Cała, Hanna Węgrzynek und Gabriela Zalewska sind. Das Buch wurde beim Verlag WSiP herausgegeben.

Die Übersetzung dieses Textes wurde ermöglicht dank der freundlichen Unterstützung der:

Konrad Adenauer Stiftung Polska

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