Rabbiner Baruch Steinberg, Leutnant Mieczysław Proner... Unter den vom NKWD ermordeten polnischen Offizieren befanden sich mindestens 438 Juden.
Die genaue Zahl polnischer Juden, die am September-Feldzug 1939 teilnahmen ist unbekannt. Schätzungen zufolge sollen in den Reihen der Polnischen Streitkräfte etwa 100 Tsd. Juden gekämpft haben, wobei ihr Anteil am Offizierskorps 6-7 % betrug.
Gedenktafel gewidmet dem Rabbiner Baruch Steinberg auf dem Polnischen Soldatenfriedhof in Katyn (Foto: Krzysztof Bielawski/Museum POLIN)
Nach der sowjetischen Aggression gegenüber Polen gelangten zwischen 232 bis 255 Tsd. Soldaten der Polnischen Streitkräfte, Beamte der Staatspolizei, des Grenzschutzkorps und anderer uniformierter Verbände in Gefangenschaft. Mehr als die Hälfte dieser Menschen wurde von den Sowjets in Gefangenenlager verbannt. Laut eines Berichts der Hauptverwaltung für Angelegenheiten der Kriegsgefangenen und Internierten des NKWD vom 5. Dezember 1943 befanden sich in den Jahren 1939-1941 130 242 polnische Kriegsgefangene in den sowjetischen Lagern – von denen 8348 Offiziere getrennt und in Lagern in Kozielsk, Ostaszków und Starobielsk untergebracht und „der Hauptverwaltung des NKWD zur Disposition übergeben [...]” wurden.
Im Frühjahr 1940 wurden auf Befehl Josef Stalins nahezu alle inhaftierten Offiziere von den Funktionären des NKWD erschossen. Verschiedenen Schätzungen zufolge wurden zwischen 15 bis 24 Tsd. Offiziere in Massengräbern in Katyn, Twer, Bykownia, Charków und anderen Ortschaften ermordet.
Exhumierung der Massengräber in Katyn (Foto: unbekannt)
Im Wald in der Nähe von Katyn wurden nicht weniger als 4421 Offiziere ermordet. Funktionäre des NKWD richteten ihre Opfer mit einem Schuss in den Hinterkopf hin, zuvor banden sie ihre Hände auf dem Rücken zusammen oder warfen ihnen ihre Kleidung über den Kopf. Die Welt erfuhr von diesem Massaker erst drei Jahre später. In April 1943 begannen die Deutschen, die die Oblast Smolensk, in der sich Katyn befand, besetzten, nach Hinweisen aus der lokalen Bevölkerung über die Existenz der Massengräber, mit den Exhumierungsarbeiten. Zu diesem Zweck wurde eine Internationale Ärztekommission zum Massaker von Katyn bestehend aus Experten aus den von ihnen besetzten Ländern sowie der Schweiz gebildet, aber auch das Polnische Rote Kreuz an Ort und Stelle berufen. Die Informationen über das sowjetische Massaker an polnischen Offizieren nutzten die Deutschen zu Propagandazwecken aus. Im September 1943, nachdem die Rote Armee die deutschen Truppen aus dem Gebiet um Smolensk verdrängte, begann das NKWD mit weiteren Exhumierungen – die die Fälschung von Beweismaterial und die Zuschreibung der Täterschaft den Deutschen zur Folge haben sollten.
Nach dem Krieg verfügten viele Polen über das Wissen über die von dem NKWD begangenen Verbrechen an den Offizieren der Polnischen Streitkräfte, allerdings war dieses Thema zu Zeiten der Volksrepublik verboten. Der kommunistische Regierungsapparat verkündete die Täterschaft der Deutschen an den Morden. Es wurde versucht diese Lüge glaubhafter zu machen, u. a. indem Touristen das Dorf Chatyń gezeigt wurde, dessen Bewohner 1943 von den Deutschen ermordet worden sind. Erst nach dem Fall des Kommunismus enthüllten die sowjetischen Behörden die wahre Version des Sachverhalts, ermöglichten den Zugang zu der Liste der Ermordeten und gaben die Schauplätze des Massakers an.
Juden von der sog. Liste von Katyn
Unter den Opfern des NKWD befanden sich auch Juden, die in den Polnischen Streitkräften und anderen uniformierten Verbänden gedient haben. Die Zusammenstellung ihrer Liste war nicht einfach – die Namen waren nicht immer ein ausreichendes Charakteristikum, es fehlte an Dokumenten aus den Archiven. In den meisten Fällen konnte man nicht auf die Kommunikation mit Angehörigen zählen, da diese von den Deutschen während des Holocaust ermordet worden sind.
Während der Exhumierung gefundene persönliche Gegenstände (Foto: Krzysztof Bielawski/Museum POLIN)
An der Bearbeitung der Liste der Ermordeten wirkte u. a. Prof. Marian Fuks vom Jüdischen Historischen Institut, der Anfang der 90er Jahre weitere Namen in der Zeitschrift „Fołks Sztyme” veröffentlichte. Im Buch von Beniamin Meirtchak Żydzi – żołnierze wojsk polskich polegli na frontach II wojny światowej (dt. Juden - Gefallene Soldaten der Polnischen Streitkräfte an der Front des Zweiten Weltkrieges) finden sich 231 Namen in Katyn ermordeter Juden, 188 in Charków und 19 Namen in Miednoje Ermordeter wieder. Unter ihnen befanden sich Offiziere im aktiven Dienst sowie zahlreiche Reservisten, die im Alltag als Ärzte, Apotheker, Anwälte oder Ingenieure arbeiteten.
In Katyn starb u. a. Baruch Steinberg, Oberrabbiner der Polnischen Streitkräfte, geboren 1897 in Przemyślany in einer Rabbiner-Familie. Als junger Mann trat Baruch Steinberg der Polnischen Militärorganisation bei und kämpfte während des ukrainisch-polnischen Krieges 1919 bei der Verteidigung Lembergs. Er studierte an der Universität Lemberg. 1928 wurde er zum Militärrabbiner der Polnischen Streitkräfte, wobei er anfänglich in Grodno und später in Warschau und Krakau diente. Im Jahre 1933 wurde ihm die Funktion des Leiters des Seelsorgeamtes des Mosaischen Glaubens, drei Jahre später die des Oberrabbiners der Polnischen Streitkräfte anvertraut.
Rabbiner Baruch Steinberg mit einer unbekannten Frau (Foto: unbekannt, Foto aus der Sammlung des Katyn-Museums, Geschenkgabe von Simon Schochet)
Baruch Steinberg war ein Befürworter von Józef Piłsudski, er nahm oft an patriotischen Feierlichkeiten teil.
1939 gelangte er nach dem Angriff der Roten Armee auf Polen in Gefangenschaft. Steinberg wurde im Lager Starobielsk, im Gefängnis Butyrki in Moskau und in den Lagern Juchnow und Kozielsk gefangen gehalten. Es ist bekannt, dass er in den Lagern gemeinsame Gebete abhielt.
„Gemeinsam gingen wir an den Freitagabenden zu einer Art Bank an einem kümmerlichen Schuppen, wo Hunderte von Juden unter der Leitung von Kapelan Dr. Steinberg innige Gebete auf Hebräisch sprachen” – erinnerte sich Bronisław Młynarski im Buch W niewoli sowieckiej (dt. In sowjetischer Gefangenschaft).
In den Tagen vom 11. und 12. April 1940 wurde Baruch Steinberg dem NKWD der Oblast Smolensk „zur Disposition übergeben”. Er wurde im Wald bei Katyn wahrscheinlich am 12. oder am 14. April 1940 getötet.
Erinnerung
Als am 13. April 1943 die Deutschen in der Presse das Auffinden von Massengräbern im Wald bei Katyn bekanntgaben, waren die meisten Angehörigen der dort erschossenen Juden bereits tot, ermordet in Ghettos und Vernichtungslagern – umso schwieriger ist es, die Erinnerung an diese Opfer zu bewahren.
Eine der Erinnerungen an die von dem NKWD getöteten jüdischen Offiziere ist die Erzählung der in Israel lebenden Prof. Janina Goldhar, der Tochter des in Charków erschossenen Pharm.D. Leutnant Mieczysław Julian Proner.
Mieczysław Julian Proner (Foto: unbekannt, Foto aus der Privatsammlung von Janina Goldhar)
„Wir verbrachten die Tage auf eine Nachricht von Vater wartend. Die erste Nachricht, dass er überlebt habe, haben wir, wenn ich mich nicht irre, im Oktober (1939 – Anmerkung der Red.) erhalten. Ein Soldat, der in seiner Einheit gedient hat und von den Sowjets gefasst wurde, besuchte uns. Die Sowjets ließen zwar alle Soldaten frei, hielten aber die Offiziere weiterhin gefangen. Vater übermittelte uns die Nachricht, dass es ihm gut gehe. Mutter war froh, dass er von den Sowjets gefangengenommen wurde, denn sie dachte, dass dies für einen Juden besser sei als die Verhaftung durch einen Deutschen.
Mieczysław Julian Proner mit Tochter und Ehefrau (Foto: unbekannt, Foto aus der Privatsammlung von Janina Goldhar)
„Eines Tages, irgendwann in Dezember, kam zu unserer großen Freude eine Postkarte aus dem Lager in Starobielsk, nach ihr kam noch eine Karte in der er schrieb, dass es ihm gut gehe und er nach unseren Bildern fragte (er schrieb auch, dass er meinen Teddybären habe). Die dritte Postkarte wurde Anfang März verfasst. Sie kam im gleichen Zeitraum wie die zurückgeschickte Sendung mit den Fotos, die Mutter geschickt hatte. Dies hatte uns beunruhigt, aber Mutter glaubte, dass er vielleicht woanders hin versetzt wurde. In diesem Augenblick kam uns nicht einmal der Gedanke, dass er zu dieser Zeit bereits schon tot war” (Quelle: Goldhar J., My story, Tel-Aviv 2012, (Computerausdruck), Übers. K. Bielawski).
Auf den Polnischen Soldatenfriedhöfen in Katyn und in Charków wurden Tausende Gedenktafeln mit den Namen der Opfer angebracht. Geht man entlang der langen Alleen, trifft man alle paar Schritte auf Namen polnischer Juden.
Autor: Krzysztof Bielawski
Zusammenarbeit: Joanna Król
