Juden lebten in Sandomierz spätestens seit Mitte des 14. Jahrhunderts, obwohl Vermutungen zufolge die jüdische Besiedlung der Stadt bereits im 13. Jahrhundert begonnen hat[1.1]. Die erste schriftliche Erwähnung stammt aus dem Jahre 1367, als die Juden aus Sandomierz zusammen mit denen aus Krakau und Lemberg vor den König Kasimir III. den Großen mit der Bitte herantraten, die Generalprivilegien, die 1264 in Kalisz von Boleslav dem Frommen erlassen wurden, zu bestätigen[1.2]. Aus dem Jahre 1418 stammt die erste Eintragung über eine Synagoge in Sandomierz[1.3]. Aufgrund der Drohung, sie zu schließen, mussten die Juden dem Kollegial-Kapitel Abgaben in Form von Pfeffer, Zucker und anderen Artikeln zahlen. Aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts hingegen stammen die ersten Quellen, die über einen Friedhof berichten. Auf Grundlage der Königlichen Steuer, die 1507 von den Juden aus Sandomierz eingezahlt wurde, lässt sich feststellen, dass sich hier eine der größten und reichsten jüdischen Gemeinden im damaligen Polen befand[1.4]. Es war tatsächlich so, dass die hiesige Gemeinde im Königreich Polen der Krakauer und Lemberger Gemeinde ebenbürtig war[1.5].
Im Jahre 1571 kam es in Sandomierz zu antijüdischen Ausschreitungen[1.6]. 1589 reduzierte König Sigismund III. Wasa, auf Bitte der Stadtherren, die Zahl der jüdischen Häuser auf 11 (sie konnten nur in einer Straße leben). Dieses Gesetz wurde aber nicht beachtet.
Wiederum 1605 wurden die Juden aus Sandomierz beschuldigt, den 10-jährigen Marcin Kuczka ermordet zu haben. Als der Junge verschwand, wurden die Kinder aus den bedeutendsten jüdischen Familien festgenommen. Die Leiche von Kuczka wurde aber nie entdeckt[1.7].
Im Jahre 1628 fand hingegen ein weiterer Prozess im Falle eines angeblichen Ritualmordes statt, bei dem den Juden vorgeworfen wurde, das Kind des Apothekers entführt und ihm Blut abgezapft zu haben. Die Beschuldigten sollen zudem die Leiche des Jungen zerstückelt und dem Hund zum Fraß geworfen haben. Das Gericht erklärte die Juden aber für nicht schuldig.
Die der Hexerei bezichtigte Krystyna Matysówna sagte hingegen im Jahre 1639 aus, sie hätte den Juden eine Hostie verkauft. Ihre Aussagen führten in der Stadt zu weiteren antijüdischen Unruhen und Plünderungen jüdischer Häuser. An den Ausschreitungen waren u. a. die Studenten des Jesuiten-Kollegiums sowie die Kirchendiener beteiligt. Das Gericht erklärte die Juden erneut für nicht schuldig. Die Verursacher der Tumulte wurde hingegen festgenommen und verurteilt[1.8].
Im Jahre 1656 ermordeten die Truppen von Stefan Czarnecki eine zahlreiche Gruppe von Juden aus Sandomierz unter dem Verdacht, sie würden mit den Schweden kollaborieren. Laut unterschiedlichen Quellen kamen während der schwedischen Invasion zwischen 23 und 600 Juden um. Ferner beschloss König Johann II. Kasimir Wasa alle jüdischen Gebäude den Stadtherren von Sandomierz zu überlassen, wenngleich er 1658 den Juden erneut erlaubte, ihr Viertel in der Stadt wiederaufzubauen[1.9].
1675 kam es wieder zu einem Prozess, bei dem, dem Juden Icek aus Brzeźnica der Vorwurf gestellt wurde, einen Ritualmord beabsichtigt zu haben. Wiederum 1696 wurde eine Frau, die für den Diebstahl einer Hostie und ihren Verkauf an einen Juden für schuldig erklärt wurde, verbrannt.
Zwei Jahre später war es Aleksander Berek, der einen weiteren Mord an dem Mädchen Małgorzatka begannen haben soll. Die Tat soll sich im gleichen Haus ereignet haben, wo angeblich bereits 1628 der Junge von Juden ermordet wurde. Sowohl die Mutter des Mädchens, Katarzyna Mroczkowicowa, als auch der Jude wurden zum Tode verurteilt. Nach der Enthauptung soll der Kopf von Berek an einen Pfahl genagelt, seine Leiche zerstückelt und auf den Straßen außerhalb der Stadt aufgehängt worden sein.
Eine weitere Anklage wegen eines angeblichen Ritualmords an einem Jungen fand 1710 statt. Die drei Angeklagten wurden in diesem Fall zum Tode verurteilt. Der Ankläger der Juden aus Sandomierz war im Fall der Prozesse im Jahre 1698 als auch in den Jahren 1710-1713 der Archidiakon, Offizial und Pfarrer in Sandomierz Stefan Żuchowski[1.10]. An den Prozess aus dem Jahre 1710 knüpfen wahrscheinlich die Gemälde in der Kathedrale von Sandomierz an, die von Karol de Prevot als Teil seines Werks Martyrologium Romanum in den Jahren 1708-1737 angefertigt wurden. Eines der Gemälde, Das Blutbad der Unschuldsengel, stellt Juden dar, die christliche Kinder misshandeln[1.11]. Nach 1989 waren dieses Gemälde und sein Platz in der Kathedrale über Jahre hinweg eine Ursache zahlreicher Konflikte und Kontroversen. Die Bischöfe waren mit der Entfernung bzw. mit der Anbringung einer Tafel mit der Erklärung der fälschlichen Anschuldigungen nicht einverstanden. Im Jahre 2006 wurde das Gemälde mit einem Vorhang verhüllt. Im Januar 2014 wurde während des Tages des Judaismus unter dem Gemälde eine Tafel mit einer Erklärung angebracht. Sie lautet: „Dieses Gemälde stellt einen angeblichen Ritualmord dar, der von Juden aus Sandomierz mit dem Ziel begannen wurde, das Blut der christlichen Kinder der Matze für das Pascha-Fest zuzugeben. Dieses Ereignis hat historisch nicht stattgefunden. Ferner konnte es auch nie stattfinden, da die Gesetze des Judaismus den Verzehr von Blut untersagen. Juden konnten keine begehen und begangen auch keine Ritualmorde. Aufgrund ähnlicher Anschuldigungen wurden Juden oftmals verfolgt und ermordet, so wie es auch in Sandomierz der Fall war. Ab dem 13. Jahrhundert verboten die Päpste die Verbreitung dieser falschen Beschuldigungen und nahmen die Juden vor den Anschuldigungen in Schutz“[1.12].
Im Jahre 1712 befahl König August II. die Juden aus der Stadt zu vertreiben und ihre Synagoge in eine römisch-katholische Kappelle umzuwandeln. Dieser Schritt resultierte aus weiteren Beschuldigungen und Anklagen. Diese Beschlüsse wurden aber nicht realisiert, wenngleich an sie 1757 bei einem weiteren Prozess, bei dem wieder ein Jude unter dem Verdacht stand, einen Ritualmorde begangen zu haben, erinnert wurde. Die Juden verpflichteten sich darauf hin weitere Leistungen für die Kirche zu erbringen, sodass das Dekret des Königs nie realisiert wurde.
Wiederum 1774 wurde beschlossen, dass Juden nur 16 Häuser in der Stadt besitzen durften. In jedem der Häuser durften nur die Familien des Hausherren und des Mieters leben. Darüber hinaus durften sie nicht an den Stadtmauern sowie in der Vorstadt wohnen. Zudem wurde ihnen untersagt, Getränke jeglicher Art zu produzieren oder mit ihnen zu handeln. Jüdische Reisende konnten mit Ausnahme von Jahrmärkten in der Stadt nicht länger als 3 Tage lang verweilen. Weitere Verschärfungen verhängte die Kommission der guten Ordnung im Jahre 1784[1.13]. Zeitgleich erhielten die Juden das Recht, nach vorangegangener Übereinkunft zwischen dem Magistrat und der jüdischen Gemeinde, die ferner vom König Stanislaus II. August Poniatowski im Jahre 1788 bestätigt wurde, 46 Häuser in Sandomierz zu besitzen. Neben dieser Zahl jüdischer Häuser befanden sich in der Stadt noch die Synagoge, der Friedhof sowie ein Krankenhaus und ein jüdisches Tauchbad.
Im 15. und 16. Jahrhundert existierte hier sehr wahrscheinlich bereits eine jüdische Gemeinde. Doch zumindest in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts war Sandomierz der jüdischen Gemeinde in Opatów unterstellt[1.14]. Erst ab dem 18. Jahrhundert war Sandomierz der Sitz einer eigenständigen Gemeinde. 1765 gehörten ihr 801 Juden an, womit sie zu den mittleren Gemeinden im Kreis Sandomierz zählte. Im Jahre 1787 waren der Gemeinde 53 Dörfer aus der Region unterstellt[1.15].
Nach den Teilungen Polens vergrößerte sich die Zahl der Juden in Sandomierz rapide, besonders Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts, als ihre Zahl auf ca. 50% der Stadtbevölkerung anstieg[1.16].
In der Zwischenkriegszeit verringerte sich die Zahl aufgrund der jüdischen Migration sowie des Anschlusses anliegender Dörfer an Sandomierz. 1921 lebten in der Stadt 2641 Juden[1.17], also ungefähr genau so viele wie 1939. In der Zwischenkriegszeit waren in Sandomierz zwei jüdische Bibliotheken in Betrieb. Zudem gab es auch ein jüdisches Amateur-Theater[1.18]. Die meisten Juden besaßen ein Geschäft, ein Teil der Kaufleute hingegen befasste sich mit dem Handel von Gebrauchtgegenständen, Getreide oder Eiern in den größeren Städten des Landes. Ferner waren 1921 insgesamt 124 Personen in jüdischen Handwerksbetrieben angestellt. In den 30er Jahren verschlechterte sich immens die wirtschaftliche Lage der Juden aus Sandomierz. Zeitgleich blühte das politische und gesellschaftliche Leben der Gemeinde auf: aktiv waren vor allem die zionistischen Parteien und Jugendbewegungen. Der Sportclub Makabi, der 1929 eröffnet wurde, zählte 100 Mitglieder. 1934 kam es in Sandomierz zu antijüdischen Unruhen[1.1.17].
Im Jahre 1925 zählte die Gemeinde in Sandomierz ca. 4000 Juden. In der ganzen Gemeinde befand sich eine Synagoge - in Sandomierz - und fünf Gebetshäuser. Den Angaben von 1939 zufolge, belief sich das bewegliche Vermögen der Gemeinde auf 10 252, das unbewegliche hingegen auf 53 500 Zloty. Die Ausgaben und Einnahmen der Gemeinde betrugen je 32 944 Zloty[1.19]. Die Gemeinde von Sandomierz umfasste in der Zwischenkriegszeit die Stadt Sandomierz, die Gemeinden Obrazów (Bilcza, Dębiany, Usarzów, Jugoszów, Komorna, Lenarczyce, Różki, Obrazów, Piekary, Świątniki, Święcica, Węgrce, Wieprzki, Zdanów, Zagrody, Żurawica) und Wilczyce (Bożęcin, Chwałki, Dacharzów, Daromin, Dobrocice, Gałkowice, Kichary Stare, Kichary Nowe, Łukawa, Ocinek, Pęczyny, Pielaszów, Radoszki, Sadłowice, Tułkowice, Wilczyce, Wysiadłów) sowie Ortschaften aus den Gemeinden Dwikozy (Bożydar, Czernin, Dwikozy, Garbów, Garbów Nowy, Gołębice, Gerlachów, Góry Wysokie, Kamień Plebański, Kamień Łukawski, Mokoszyn, Mściów, Romanówka, Rzeczyca Mokra, Rzeczyca Sucha, Słupcza, Szczytniki) und Samborzec (Andruszkowice, Bogoria, Bystrojowice, Kobierniki, Koćmierzów, Łojowice, Malice, Milczany, Ostrołęka, Polanów, Samborzec, Strochcice, Śmiechowice, Wielogóra, Zajeziorze, Zawisełcze, Zawierzbie, Złota, Żuków)[1.20].
Im Jahre 1939, nach der Einnahme von Sandomierz, veranstalteten die Deutschen ein Pogrom. Noch im November wurde der Judenrat geschaffen. Zudem wurden Abgaben seitens der jüdischen Bevölkerung eingefordert. Nach Sandomierz kamen ca. 1200 jüdische Flüchtlinge aus Kalisz und Siedlce[1.1.17]. Im Juni 1942 errichteten die Deutschen das Ghetto, welches das Gebiet zwischen der ul. Żydowska und ul. Berka Joselewicza einnahm. Hierher wurden die Juden aus den umliegenden Ortschaften umgesiedelt. Auf diese Weise wurden ca. 5200 Personen im Ghetto festgesetzt. Es war eines der letzten Ghettos in dieser Region, die liquidiert wurden. Am 29. Oktober 1942 wurde die Mehrheit der Juden in das Vernichtungslager Belzec deportiert. All jene, die sich verstecken konnten, wurden mehrheitlich gefunden und an Ort und Stelle erschossen[1.1.17].
Am 10. November 1942 errichteten die Deutschen in Sandomierz ein zweites Ghetto. In ihm wurden all jene eingesperrt, die sich bei der Liquidation des ersten Ghettos versteckt hielten sowie die, die aus dem Reich hierher gebracht wurden. Insgesamt waren es 7000 Personen. Im Januar 1943 wurde das Ghetto in Sandomierz endgültig liquidiert. Damals wurden ca. 700 arbeitsfähige Juden in das Arbeitslager Skarżysko-Kamienna, weitere 6300 nach Treblinka deportiert. Bei der Liquidation des Ghettos wurden 480 Menschen umgebracht. Im Mai 1945 lebten in Sandomierz nur noch ca. 60 Juden[1.21].
In den Jahren 1944–1946 kam es zu Überfällen auf die Juden in Sandomierz. Nicht selten endeten diese Überfälle mit Todesopfern, bspw. Chaim Penczyn, der im März 1945 mit seiner Frau von Banditen in der Nähe von Sandomierz umgebracht wurde. In der gleichen Zeit kamen in der Umgebung von Sandomierz weitere 6 Juden um[1.22].
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