Die ersten Juden siedelten sich in Radom wahrscheinlich um das Jahr 1568 an[1.1].
Im Jahre 1724 erließ König August II. auf Bitten der Bürger das Privileg de non tolerandis Judaeis, in dem Juden untersagt wurde, in der Stadt zu verweilen oder gar Handel zu treiben[1.2]. Dieses Verbot wurde für die Zeit der Tagungen im Sejm aufgehoben, sodass auch jüdische Händler in die Stadt einreisen durften. Trotz des Privilegs verblieben in Radom illegal einige Dutzend Juden, von denen aber die Mehrheit die Stadt nach den Dekreten aus den Jahren 1743 und 1746 auch verlassen musste[1.1.2].
Aus den erhaltenen Quellen wissen wir, dass im Jahre 1765 in der Vorstadt Radoms ca. 65-67 Bekenner des Judaismus lebten, 1787 waren es bereits 90 Personen. Im Jahre 1798 wurde auf Antrag des Starosten von Radom den Juden gewährt, in die Stadt zurückzukehren und sich in eigens für sie abgesonderten Vierteln auf dem Gebiet der Jurisdiktion der Starostei niederzulassen. Ungeachtet des Verbots handelten die Juden auch in der Stadt selber, was zu zahlreichen Konflikten und Streitigkeiten mit den katholischen Bewohnern Radoms führte. Nach 1814 wurde Juden auch gewährt, sich außerhalb des sog. Judenviertels niederzulassen, wenngleich im Stadtzentrum nur die reichsten Vertreter der jüdischen Gemeinschaft in Radom leben durften - Bankiers, reiche Kaufleute, Juristen und Ärzte. Trotz der Einschränkungen waren 1902 42% der Immobilien in der Stadt in jüdischem Besitz.
Im Jahre 1831 wurde in der Stadt ein Cholerafriedhof angelegt, der ab 1837 als Gemeindefriedhof den ansässigen Juden diente. In den Jahren 1820-1830 wurde die erste Synagoge errichtet, die während der Besatzungszeit niedergebrannt und letztendlich 1945 abgerissen wurde. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erlangten neben orthodoxen Milieus auch die Zaddikim an Bedeutung. In der Stadt entstanden Stuben, in denen sich die Anhänger der Zaddikim aus Góra Kalwaria, Aleksandrów und Kozienice versammelten. Zudem stieg in Radom auch die Zahl der Anhänger der Haskala.
Im 19. Jahrhundert erlebte die jüdische Gemeinschaft eine Zeit dynamischer wirtschaftlicher Entwicklungen. Im Jahre 1838 lebten hier 20 jüdische Kaufleute, die sich hauptsächlich mit dem Vertrieb von Spirituosen und Parfum beschäftigten, sowie 14 Lebensmittelproduzenten und 15 Geschäftsinhaber. Die jüdischen Unternehmer leisteten auch einen wegbereitenden Beitrag zur Entwicklung der Radomer Industrie. Als im Jahre 1841 jegliche Einschränkungen für die jüdischen Unternehmer beseitigt wurden, entstand in der Stadt eine Fabrik für Baumaterialien, die von der Familie Beckerman geleitet wurde, sowie einige kleinere Unternehmen, in denen u. a. Kerzen, Seife und Dünger hergestellt wurden.
In den 1920er und 1930er Jahren stellten Juden ca. 30-32% der Stadtbevölkerung dar, was sie zu einer der größten Glaubensgemeinden in der zentralen Rzeczpospolita machte. Neben der Synagoge, die an der Ecke der ul. Podwalna und ul. Bożnicza gelegen war, gab es in der Stadt noch 12 private Gebetshäuser, die u. a. von Abram Mentlik, Zelik Goldfarb, Nusyn Rozencwajg, Szlomo Frydman, Szmul Frydman, Mordek Opatkowski, Szlomo Margulis, Mojżesz Szmender, Luber-Majchel Rokcach, Icek Leslau, Josek Tejchman und Józef Rabinowicz geleitet wurden. In der kleinen Synagoge, die sich im Gebäude an der ul. Obozisko 6 befand, in dem auch das jüdische Waisenhaus und das Altenhaus beherbergt waren, beteten die jüdischen Soldaten des 72. Infanterie-Regiments[1.3].
Die jüdische Gemeinschaft in Radom war in geringem Maße assimiliert, die Prozesse der Akkulturation einzelner Personen und Gruppen hingegen hatten eher einen oberflächlichen und marginalen Charakter. Zeitgleich leisteten die jüdischen Einwohner Radoms jedoch einen entscheidenden Beitrag zur Entwicklung der Stadt. Sie nahmen aktiv an der Tätigkeit der lokalen Selbstverwaltungsorgane teil, förderten die Wirtschaft, waren in sozial, politisch und kulturell engagiert, hatten bedeutenden Einfluss im Bankenwesen und gestalteten das Milieu der intellektuellen Eliten unter Beamten und freien Berufen mit.[1.4].
Kurz vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs lebten 58% der Juden vom Handwerk- und Dienstleistungsgewerbe, 18% waren Arbeiter, 12% arbeiteten im Handelswesen, 2,5% übten einen freien Beruf aus[1.5]. Juden waren Inhaber von ca. 60-75% der privaten Gerbereien und Leder- und Schuhbetrieben. In der Stadt existierte bspw. die Gerberei „Praca“, deren Inhaber Mordechaj Cemach war. Die Gerberei „Żakowice“, die am Anfang des 19. Jahrhundert von Szmulek Adler gegründet worden ist und die seine Erben weiter geleitet haben, wurde 1925 an Iser Lipszyc verkauft. Bei Radom funktionierte der große Gerbereibetrieb „Firlej“ von Abram Mordek Den, in dem ab 1926 mit der Produktion von erlesenen Lederwaren begonnen wurde. Darüber hinaus gab es noch kleinere Gerbereien: „A.D. Rottenberg und Sk-a”, „Gelka”, „Lux”, „Makower”, „Ogniwo”, „Elgold” und viele andere. Den Juden gehörten zudem fast alle in der Stadt ansässigen privaten Metallbetriebe und Gießereien, u. a. die Gießereien von Goldman, Stellman, Salbe, die Fabrik für Nägel und Draht von Tannenbaum und Reinfeld, die Fabrik für Schmiede- und Gussprodukte „M. Horowicz und S-ka”, die Eisengießerei von M. Rubinsztajn sowie die Fabrik für Eisengusserzeugnisse und Emaillen „Glinice“, die das Eigentum von Izrael Rozenberg und Józef Diament war. Juden stellten auch eine große Mehrheit unter den Inhabern der in Radom ansässigen Betriebe für die Produktion von Baumaterialien.
Ab 1901 war in der Stadt die Ziegelbrennerei „Firlej“ in Betrieb, die in der Zwischenkriegszeit Abram Mordek Den gehörte und jährlich ca. 2,4 Mio. Ziegel produzierte. Andere nennenswerte Ziegelbrennereien waren der Betrieb „Halinów“, der Anfang der 1920 Jahre von Marian Rozenbaum gegründet worden ist sowie die Brennerei „Żakowice“ von Samuel Adler. Ab 1933 war zudem auch eine Dampfziegelei in Radom in Betrieb. Im Jahre 1937 hingegen entstand die Gesellschaft für die Ziegelindustrie „Celestynów“. In der ersten Hälfte der 1930er Jahre entstanden in Radom auch polnisch-jüdische Gesellschaften, die einen großen Teil der städtischen Ziegelbrennereien gepachtet haben. Im Jahre 1901 entstand in Radom die von Adbram Mojżesz Rottenberg gegründete Fabrik für Fayence-Erzeugnisse, die Waschbecken und Sanitäranlagen exportierte. Die jüdischen Unternehmer waren zudem Mitinhaber der Fabrik für Bugholzmöbel, der Manufaktur für Furniere, Sperrholz und Fässer sowie des Produktionsbetriebs für Chicorée und Lebensmittel „Jawa“[1.6].
In den 20er und 30er Jahren des 20. Jahrhunderts hatten Juden auch ihren Anteil am Radomer Markt des Handwerks- und Dienstleistungsgewerbes. Laut den Angaben aus den Jahren 1926-1929 waren sie Inhaber von knapp 90% kleinerer Handwerks- und Dienstleistungsbetriebe, also der sehr großen Mehrheit von Karosserie- und Friseurbetrieben, Hutmachern, Juwelieren, Schneidereien, Schuster- und Malerbetrieben, Manufakturen für Schachteln, Sattlerbetrieben, Tischlereien, Schlosserwerkstätten, Tapeziergeschäften, Drechslereien und Uhrmachereien sowie der meisten Konditoreien.
In Radom funktionierten auch jüdische Druckereien - die Druckerei von Naftali Hersz Żabner an der ul. Żeromskiego 25, der Betrieb von Chil Majer Herc an der ul. Szwarlikowska 20 sowie einige kleinere Druckereien, die Anfang der 1930er Jahre gegründet worden sind, u. a. „Polonia“ von M. Cuker, „Rekord“ von Dawid Szajnbaum sowie die Druckereien von Jankiel Frydman, Moszek Fiszer, Oszer Rydz und Szlom Gotlib[1.7]. In Radom agierten auch jüdische Handwerkszünfte, die insgesamt über 500 Personen vereinten. Einige Vertreter der jüdischen Gemeinde bekleideten bedeutende Posten in der Handwerkskammer in Kielce.
Schätzungen zufolge dominierten Juden in der Zwischenkriegszeit auch den Radomer Handel - sowohl den Groß- als auch Einzelhandel. Bekenner des Judaismus waren zudem Inhaber von ca. 60-70% der städtischen Lager und Geschäfte, darunter vor allem für Galanterie- und Textilwaren, Schuhe, Kolonialwaren sowie Fleisch- und Lebensmittelgeschäfte, Papier- und Lederwaren und Geschäfte mit Brenn- und Baumaterialien[1.8].
Die jüdische Gemeinde verwaltete in Radom, einem wichtigen Wirtschaftszentrum, auch zahlreiche Finanzinstitutionen. Laut den Angaben aus den Jahren 1933 und 1934 funktionierten in der Stadt 18 jüdische Banken, Sparkassen und Kreditinstitutionen. In den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts war eine der am besten agierenden Einrichtungen im Finanzwesen die Kreditgesellschaft für Handel und Handwerk, die von Maurycy Frenkel und W. Adler geleitet wurde. Die Gesellschaft wurde Anfang 1933 jedoch aufgrund von Veruntreuung seitens des Personals geschlossen. Unter den anderen jüdischen Finanzinstituten sollten folgende an dieser Stelle genannt werden: die Gewerbebank (Bank Rzemieślniczy) von Mojżesz Rubinsztajn, die Handelsbank (Bank Kupiecki) unter der Leitung von Natan Zygman und Piotr Frenkel, die Volksbank (Bank Ludowy) von Wajcman, die Kreditgenossenschaftsbank (Kasa Spółdzielcza Kredytowa), die von Jachiel Frenkel beaufsichtig wurde, sowie die Kreditbank unter der Leitung von Rozenberg. In den Jahren 1925-1937 saßen Juden auch im Aufsichtsrat der Kreditgesellschaft der Stadt Radom, die einige Dutzend Mitglieder zählte. Zudem waren sie auch in der Gesellschaft der Industriellen des Radomer Landes sowie im Verband der Händler des Radomer Landes tätig[1.9].
Seit Anbeginn des 20. Jahrhunderts agierten in der Stadt viele jüdische Parteien unterschiedlicher Fraktionen, soziale Organisationen sowie Kulturinstitutionen. Anfang der 1920er Jahre nahmen orthodoxe und sozialistische Organisationen eine führende Rolle ein, obwohl im Laufe der Zeit auch die zionistische Bewegung immer mehr Anhänger gewinnen konnte und in den 1930er Jahren zur stärksten politischen Gruppierung wurde.
Von Anbeginn des 20. Jahrhunderts entwickelte sich Radom zunehmend als Zentrum der jüdischen Kultur, in dem zahlreiche Bildungsinstitutionen und jüdische Sportclubs ihren Sitz hatten.
In der Zwischenkriegszeit wurden in Radom insgesamt 18 jüdische Zeitschriften herausgegeben, in denen hauptsächlich auf Jiddisch geschrieben wurde. Die meisten dieser Titel waren eher kurzlebig. Im Februar 1919 erschien die erste Ausgabe der linken Zeitschrift „Dos Fraje Wort“, in den Jahren 1920-1922 erschien das „Radomer Wochenblatt“, ab 1923 hingegen die Wochenzeitschrift „Radomer Lebn“, die über gesellschaftliche Themen informierte und 1927 in das „Radomer-Kielcer Lebn“ umbenannt wurde. In den Jahren 1922-1925 erschien die zionistische „Radomer Cajtung“, die 1928 als „Radomer-Kielcer Cajtung“ zurückkehrte, aber letztendlich 1929 vom Markt verschwand. Im Jahre 1924 wurden über einige Monate hinweg zwei weitere Periodika herausgegeben: die parteilose Wochenzeitschrift „Radomer Najes“ sowie „Radomer-Kielcer Moment“. 1932 erschienen weiter regionale Zeitschriften: die orthodoxe Tageszeitung „Radomer Folksblatt“ sowie die Zeitschrift „Radomer Sztyme“. Ein Jahr später erschien wieder nur über einige Monate die Tageszeitung „Radomer Express“. Im Jahre 1936 erschienen wiederum drei neue Titel in polnischer Sprache: die parteilosen Zeitschriften „Nasz Tygodnik“ und „Trybuna“ sowie die zionistische „Trybuna Młodych“. Zwei der beiden Titel wurden nach kurzer Zeit wegen finanzieller Probleme eingestellt, nur die „Trybuna“ blieb bis 1939 erhalten. In der Stadt erschien auch eine jüdische Zeitschrift über Literatur und Kunst - im Jahre 1926 erschien die erste Ausgabe der Zeitschrift „Naje Wintn“, 1930 und 1931 hingegen zwei Ausgaben des Periodikums „Literarisze Grupe“. In den Jahren 1930-1932 wiederum wurde die „Junge Dichtung“ herausgegeben. In Radom erschienen auch zwei Schulzeitschriften: „Jutrzenka“ und „Ku wyżynom“; zudem erschien in den Jahren 1925-1930 mehrmals im Jahr „Der Radomer Szpigl“ sowie Sonderausgaben, u. a. die 1928 herausgegebene Zeitschrift „Dos Literarisze Radom“ oder die 1929 erschienene Zeitung „Sztaplen“. In der Stadt wurde ebenfalls die in Kielce herausgegebene Presse vertrieben, u. a. das „Kielcer-Radom Wochenblatt“, „Naje Kelcar Cajtung“ sowie landesweite Zeitungen „Der Moment“, „Nasz Przegląd“, „Hajnt“, „Undzere Express“, „Folks Cajtung“ und „Nobejter Cajtung“ sowie die in Wilna herausgegebene „Zibn Tag“[1.10].
Infolge des sich zunehmend vergrößernden nationalen Konflikts sowie der kränkelnden wirtschaftlichen Lage und der steigenden Beliebtheit der zionistischen Ideologie, verließ ein großer Teil der Juden Radom in den 1930er Jahren und begab sich nach Palästina. Laut Schätzungen wanderten in den Jahren 1932-1939 ca. 5000 Juden aus der damaligen Woiwodschaft Kieleckie nach Palästina aus. Weitere 5000 machten sich auf den Weg nach Nord- und Südamerika sowie in diverse europäische Staaten, wie bspw. Frankreich, UdSSR, Deutschland, Österreich, Belgien oder Großbritannien.[1.11].
Während des Polenfeldzugs der deutschen Wehrmacht flohen ca. 1000-2000 Juden in die UdSSR. Nach der Verordnung Heinrich Himmlers, alle Personen jüdischer Herkunft und einen Teil der polnischen Bevölkerung aus dem sog. Warthegau auszusiedeln, erreichten im November und Dezember 1939 ca. 1500 Juden Radom, vorwiegend aus Lodz. Im Dezember 1939 wurde auch der Judenrat in Radom ins Leben gerufen, an dessen Spitze Jozef Diamant stand.
Anfang 1940 begannen die Deutschen Zwangsarbeitslager für Juden u. a. in Chruślice, Jedlanka, Kruszyn, Kacprowice, Jedlińsk, Wola Gozdowska, Lesiowa, Dąbrowa Kozłowiecka und Wolanów zu errichten, in die aus den unterschiedlichen Städten bestimmte Kontingente ausgewählte Arbeiter geschickt wurden. Im August 1940 wurden 2269 Männer und Frauen in die Zwangsarbeitslager auf dem Gebiet um Lublin deportiert, vorwiegend nach Belzec, Mirczy und Cieszanów. Ein Teil von ihnen wurde zum Bau der sog. Otto-Linie geschickt, der Wall- und Grabenanlage, die die Grenze zwischen den durch die Deutschen besetzten Gebiete und der UdSSR stärken sollte. Im Dezember 1940 trat eine Verordnung in Kraft, auf deren Grundlage ca. 2000 Juden aus Radom in die Ortschaften der Landkreise Buskie und Opatowskie zwangsumgesiedelt wurden. Der Radomer Judenrat wählte für die Umsiedlung vorwiegend ältere und kranke sowie gebrechliche und arme Personen aus[1.12]. Anfang 1941 kamen vor allem Juden in Radom an, die aus dem nördlichen Masowien (aus dem sog. Regierungsbezirk Zichenau) ausgesiedelt wurden. Von hier aus wurden sie in kleine Ortschaften in der Umgebung geschickt. Am Vortag der Errichtung des Ghettos in Radom, im Frühling 1941, lebten in der Stadt ca. 32 000 Juden.
Das Dekret vom April 1941 sah vor, in Radom zwei gesonderte Ghettos zu errichten. Das sog. große Ghetto befand sich im Stadtzentrum und umfasste das Gebiet des traditionellen jüdischen Viertels (d.h. die ul. Wałowa mitsamt allen anliegenden Straßen). Das sog. kleine Ghetto hingegen befand sich in der ärmeren Vorstadt Glinice, wo vor dem Krieg die Juden und Katholiken zusammen wohnten[1.13]. In den Ghettos wurden insgesamt 32 000 Personen eingeschlossen, die Mehrheit im „großen Ghetto“. Am 7. April 1941 wurden beide Ghettos geschlossen.
Am „blutigen Donnerstag“ (19. Februar 1942) fand die erste Massenexekution statt. An diesem Tag wurden ca. 40 Personen erschossen, einige Dutzend anderer - maßgeblich linke Aktivisten - nach Auschwitz deportiert. Die zweite Hinrichtung fand am 28. April 1942 statt - 70 Personen, darunter Mitglieder des Judenrates, wurden erschossen und erneut einige Dutzend nach Auschwitz deportiert.
In der Nacht vom 4. auf den 5. August 1942 wurden erstmalig auch Juden aus dem „kleinen Ghetto“ deportiert. Zwischen 100 und 150 Menschen, überwiegend Kinder und ältere Menschen, wurden währenddessen noch im Ghetto und auf dem Weg zum Bahnhof umgebracht. Diejenigen, die in den für das Reich relevanten Produktionsbetrieben arbeiteten (80-100 Personen) blieben im Ghetto. Die restlichen 8000 Menschen wurden mitsamt den 2000 aus dem „großen Ghetto“ zum Vernichtungslager Treblinka gebracht. In der Nacht vom 17 auf den 18. August 1942 fand die teilweise Liquidation des „großen Ghettos“ statt. Ca. 1000-1500 Menschen wurden auf der Stelle ermordet, weitere 10 000 wurden nach Treblinka deportiert, eine ausgesuchte Gruppe hingegen wurde in das Zwangsarbeitslager delegiert, welches an der ul. Szwarlikowska entstand. Auf dem Gebiet des sog. Gartens Penza an der ul. Starokrakowska ermordeten die Deutschen alle Bewohner des Alten- und Behindertenheims sowie alle Patienten des jüdischen Krankenhauses. Während dieser Exekution wurden zudem alle am Leben gebliebenen Mitglieder des Judenrates erschossen. In der Nacht vom 18 auf den 19. August 1942 fand die nächste Etappe der Liquidation des „großen Ghettos“ statt. Von den übrigen Einwohnern im Ghetto wurden ca. 1500 arbeitsfähige Personen ausselektiert. Die restlichen Menschen (ca. 8000) wurden deportiert. 200 Personen, die nicht fähig waren weiterzumarschieren, wurden auf der Stelle erschossen. Die restlichen Juden wurden zum Bahnhof gejagt und von dort zum Vernichtungslager Treblinka gebracht. Insgesamt wurden bei der Liquidation des Ghettos vom 17.-19. August 1942 ca. 80-100 Personen an Ort und Stelle ermordet. Weitere 18 000 gelangten in zwei riesigen Transporten nach Treblinka. Während der Zeit der Deportationen gelang es mehreren hundert Personen aus dem Ghetto zu fliehen und sich in den nahegelegenen Wäldern zu verstecken, wo sie sich zu organisierten Partisanentruppen zusammenschlossen. Ein Teil von ihnen gelangte bis nach Warschau, wo er am Warschauer Aufstand im August 1944 teilnahm. Aus den Transporten hingegen gelang es nur einem Menschen zu überleben - Nusyn Berkowicz, der aus dem Zug sprang. Nach der Liquidation des Ghettos verblieben auf dem Gelände zahlreiche jüdische Kinder, die sich versteckten. Sie wurden von den Deutschen durch Handgranaten, die in die Häuser geworfen worden sind, umgebracht[1.14].
Die verbliebenen 3000 Juden wurden in das Arbeitslager an der ul. Szwarlikowska gebracht. Anfangs mussten sie die Leichen der im Ghetto Ermordeten vergraben, später setzte man sie auch bei der Sortierung der persönlichen Gegenstände ihrer ermordeten Mitbekenner ein. Sie arbeiteten zudem auch in den kleinen Handwerksbetrieben, die für das Deutsche Reich produzierten. Im November 1942 wurde das Lager an der ul. Szwarlikowska liquidiert. Ein Teil der Häftlinge wurde in das neue Lager an der ul. Szkolna verlegt. Die restlichen Häftlinge (ca. 300 Personen) wurden in andere Arbeitslager, u. a. in Płaszów und in Ostrowiec Świętokrzyski deportiert. Die Häftlinge, die an der ul. Szkolna blieben, arbeiteten für die Radomer Waffenfabrik, die zum Konzern Steyer Daimler-Puch gehörte. Zudem mussten sie auch hier für die kleineren Handwerksbetriebe, wie bspw. die Schneiderei, den Schuster, die Uhrenmacherei sowie den polygrafischen Betrieb arbeiten. Ein Teil von ihnen arbeitete auch bei der Gewinnung von Torf, der Sortierung persönlicher Gegenstände, Liquidierung von Mazewot auf dem jüdischen Friedhof sowie der Exhumierung der Toten[1.15]. Am 13. Januar 1943 wurden weitere 1500 Personen aus dem Lager nach Treblinka deportiert. Auf dem jüdischen Friedhof in Szydłowiec wurden hingegen am 23. März 1943 wahrscheinlich 117 Personen erschossen. Am 9. November 1943 wurde im nahegelegenen Firlej an der ul. Biała erneut eine Gruppe von einigen hundert Frauen und Kindern sowie arbeitsuntauglichen Personen hingerichtet.
Am 17. Januar 1944 wurde aus dem ehemaligen Ghetto in Radom eine Gruppe von ca. 150 Menschen in das Arbeitslager in Pionki, am 2. März hingegen eine Gruppe von 235 Personen in das Konzentrationslager Majdanek in Lublin deportiert. Die Evakuierung des Lagers an der ul. Szkolna fand am 26. Juli 1944 statt. Dabei wurden ca. 2500 Häftlinge zu Fuß bis nach Tomasz Mazowiecki gejagt, von wo aus sie nach Auschwitz geschickt wurden. Ein Teil der Männer dieses Transports wurde später in das Arbeitslager Vaihingen bei Stuttgart gebracht, wo sie am Bau von Befestigungsanlagen und der Errichtung von Gräben eingesetzt wurden. Die kleine Gruppe der Überlebenden wurde von der französischen Armee befreit. Ein Teil der Radomer Juden wurde in den Lagern in Dachau, Hessental und Kochendorf inhaftiert, wo sie ebenfalls befreit wurden[1.16].
Nach der Befreiung am 16. Januar 1945 kehrten ca. 300 Juden nach Radom zurück, wovon ca. 180 auch vor dem Krieg in Radom lebten. Im Mai 1945 lebten ca. 400 Juden in der Stadt. Bis 1951 funktionierte in der Stadt die jüdische Glaubensgemeinde. Im Jahre 1965 lebten in der Stadt aber nur noch 7 Juden[1.17].
Bibliographie:
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- < > [in:] The Encyclopedia of Jewish Life Before and During the Holocaust, Red. S. Spector, G. Wigoder, Vol. II, New York 2001.
- [1.1] Penkalla A., Radom, [in:] Żydzi w Polsce. Dzieje i kultura. Leksykon, red. J. Tomaszewski, A. Żbikowski, Warszawa 2001, S. 391.
- [1.2] Radom, [in:] The Encyclopedia of Jewish Life Before and During the Holocaust, Red. S. Spector, G. Wigoder, Vol. II, New York 2001, S. 1045.
- [1.1.2] Radom, [in:] The Encyclopedia of Jewish Life Before and During the Holocaust, Red. S. Spector, G. Wigoder, Vol. II, New York 2001, S. 1045.
- [1.3] Piątkowski S., Dni życia, dni śmierci. Ludność żydowska w Radomiu w latach 1918–1950, Warszawa 2006, S. 54.
- [1.4] Piątkowski S., Dni życia, dni śmierci. Ludność żydowska w Radomiu w latach 1918–1950, Warszawa 2006, S. 9, 75.
- [1.5] Piątkowski S., Dni życia, dni śmierci. Ludność żydowska w Radomiu w latach 1918–1950, Warszawa 2006, S. 59.
- [1.6] Piątkowski S., Dni życia, dni śmierci. Ludność żydowska w Radomiu w latach 1918–1950, Warszawa 2006, S. 60–63.
- [1.7] Piątkowski S., Dni życia, dni śmierci. Ludność żydowska w Radomiu w latach 1918–1950, Warszawa 2006, S. 65–68.
- [1.8] Piątkowski S., Dni życia, dni śmierci. Ludność żydowska w Radomiu w latach 1918–1950, Warszawa 2006, S. 68–69.
- [1.9] Piątkowski S., Dni życia, dni śmierci. Ludność żydowska w Radomiu w latach 1918–1950, Warszawa 2006, S. 70–72.
- [1.10] Glicksman W., Radom, [in:] Encyclopaedia Judaica, Red. F. Skolnik, M. Berenbaum, Vol. 17, Detroit – New York – San Francisco – New Haven – Waterville – London 2007, S. 56; Piątkowski S., Dni życia, dni śmierci. Ludność żydowska w Radomiu w latach 1918–1950, Warszawa 2006, S. 131–135.
- [1.11] Piątkowski S., Dni życia, dni śmierci. Ludność żydowska w Radomiu w latach 1918–1950, Warszawa 2006, S. 37.
- [1.12] Piątkowski S., Dni życia, dni śmierci. Ludność żydowska w Radomiu w latach 1918–1950, Warszawa 2006, S. 161–172.
- [1.13] Detaillierte Informationen über die Lage und die Grenzen der beiden Ghettos: Piątkowski S., Dni życia, dni śmierci. Ludność żydowska w Radomiu w latach 1918–1950, Warszawa 2006, S. 178ff.
- [1.14] Piątkowski S., Dni życia, dni śmierci. Ludność żydowska w Radomiu w latach 1918–1950, Warszawa 2006, S. 218–226.
- [1.15] Piątkowski S., Dni życia, dni śmierci. Ludność żydowska w Radomiu w latach 1918–1950, Warszawa 2006, S. 225–227.
- [1.16] Piątkowski S., Dni życia, dni śmierci. Ludność żydowska w Radomiu w latach 1918–1950, Warszawa 2006, S. 227–238.
- [1.17] Krakowski S., Radom, [in:] Encyclopaedia Judaica, Red. F. Skolnik, M. Berenbaum, Vol. 17, Detroit – New York – San Francisco – New Haven – Waterville – London 2007, S. 56–57.
