Die ersten Juden begannen sich in der Vorstadt von Vilnius unter der Herrschaft von Herzog Witold im Umbruch des 14. und 15. Jahrhunderts anzusiedeln.

Im Jahre 1551 erhielten zwei jüdische Kaufmänner aus Krakau - Szymon Doktorowicz und Izrael Józefowicz - von König Zygmunt August das Privileg, sich in Vilnius niederzulassen und Handel zu treiben. Daraufhin war es Juden erlaubt, sich in den Besitztümern der hiesigen Adligen niederzulassen. In dieser Zeit fand in Vilnius die Reformation statt, im Jahre 1563 wurde infolgedessen das Gesetz zur freien Religionsausübung verabschiedet. Die religiöse Toleranz kam der jüdischen Gemeinschaft zugute. Im Jahre 1573 wurde in der Stadt die erste Synagoge erbaut. Die Straße, die zum Gotteshaus führte, wurde als Judenstraße bezeichnet. Das Privileg von Zygmunt III. aus dem Jahre 1593 legalisierte wiederum die jüdische Ansiedlung in Vilnius. Ferner durfte die Gemeinschaft einen Friedhof, ein Badehaus sowie eine koschere Schlachterei führen. Ferner unterlagen die Juden der Jurisdiktion des Woiwoden.

In den ersten Jahrzehnten des 17. Jahrhunderts litt die Stadt unter zahlreichen Bränden und Epidemien. Im Jahre 1633 beschloss König Władysław IV. den Juden neue Privilegien zu erteilen, um die Wirtschaftslage der Stadt zu verbessern. Sie erhalten die Erlaubnis mit Gold, Silber, Teppichen, Baumwolle und Gewürzen zu handeln sowie Handwerk zu betreiben. Ferner war es Juden gestattet, eine gemauerte Synagoge, die sog. Große Synagoge, zu errichten. Die einzige Restriktion dieser Privilegien war das Verbot der Ansiedlung eines bestimmten Teils der Stadt[1.1]. Dadurch entstand zwischen den damaligen Straßen Dominikańska, Wielka und Niemiecka ein Ghetto, welches von den Christen als „schwarze Stadt“ bezeichnet wurde. Die Steuerermäßigungen, die Juden erhielten, waren ein Dorn im Auge für viele Bürger. In den Jahren 1634-1635 fiel die jüdische Gemeinschaft Überfällen zum Opfer. Um die Schäden wieder gutzumachen, verlieh der König den Juden die Lizenz für den Ausschank von Alkohol.

Im Jahre 1655 griffen die Schweden und Moskau Polen an. Die Juden in Vilnius, die über die Verbrechen der Kosaken und Russen erfuhren, denen ihre Glaubensbrüder und -schwestern in Weißrussland und der Ukraine zum Opfer fielen, verließen die Stadt. Rund 3 Tsd. Menschen flohen nach Preußen. Als die Moskauer Truppen Vilnius eingenommen haben, wurde das Ansiedlungsverbot innerhalb der Stadtmauern für Juden verhängt. Das jüdische Viertel wurde zerstört.

Im Jahre 1661 befreiten polnische Truppen die Stadt. Die zurückkehrenden Juden erhielten unerwartet Unterstützung seitens der Jesuiten, die ihnen ihre Häuser verpachteten. Doch unter der ärmeren Bevölkerung kam es zu Konflikten um wirtschaftliche Privilegien. In den 60er Jahren des 17. Jahrhunderts wurden Juden aus den Zünften der Glasmacher, Fischer und Goldschmieder ausgeschlossen.

Im Jahre 1676 klagten die Vertreter der Stadt im Sejm, dass die Anzahl der Juden steigen würde, was den Verlust von Arbeitsplätzen für Christen, die auch Handel und Handwerk trieben, nach sich ziehen würde. Juden wurden auch beschuldigt, rituelle Morde an Christen durchzuführen. Im Jahre 1678 wurde in der Franziskus- und Bernardkirche eine Tafel zum Gedenken an Szymon Kierelis, der angeblich Opfer eines rituellen Mordes im Jahre 1597 war, angebracht[1.2]. Im Jahre 1687 kam es zu einem Pogrom der Juden, welches von Studenten und Handwerkern durchgeführt wurde. Die Schäden wurden auf rund 120 Tsd. Złoty geschätzt.

Anfang des 18. Jahrhunderts wurde Vilnius erneut von schwedischen und russischen Truppen, deren Krieg sich hauptsächlich auf dem Gebiet Polens austrug, geplündert. Die Stadt wurde mehrere Male von ausländischen Truppen besetzt, die von den Einwohnern hohe Kontributionen forderten. Die wirtschaftlichen Konflikte zwischen Juden und Christen wurden auch zunehmend intensiver. Im Jahre 1712 wurde es Juden verwehrt, einige Berufe auszuüben. Nichtsdestotrotz waren kirchliche Würdenträger Juden positiv gesinnt. Im Jahre 1725 erlaubte Bischof Piotr Pancerzyński beispielsweise den Juden ihre Geschäfte an Sonntagen zu öffnen.

Trotz der wirtschaftlichen Schwierigkeiten konnte die jüdische Gemeinschaft in Vilnius frei ihre Kultur und Tradition aussüben. Im 18. Jahrhundert wurde die Stadt zum wichtigsten Zentrum der Lehre des Talmud. Zu den wichtigsten Gelehrten gehörte der Rabbiner Elijahu ben Szlomo, genannt Vilnaer Gaon. Er war ein sog. Kenner des Talmud, Befürworter des religiösen Rationalismus und des Studiums säkularer Wissenschaften. Ferner war er ein entschiedener Gegner des Chassidismus. Auch die Ideen der Haskala hielten in der Stadt Einzug. Moses Meisel, einer der Studenten von Gaon, interessierte sich für die Person von Moses Mendelsohn und für deutsche Literatur.

Während des Kościuszko-Aufstands stellten sich die Juden auf die Seite Polens. Die Gemeinde spendete für den Aufstand 25 Tsd. Gulden, die jüdischen Schneider wiederum fertigten knapp 200 Uniformen an. Juden verteidigten auch mit anderen Bürgern die Stadt vor dem russischen Herr, u. a. in der Nähe des Tors der Morgenröte. Doch trotz ihrer Opferbereitschaft ist es den Russen gelungen, Vilnius einzunehmen.

Anfangs schien es, dass die Situation der Juden und dem Zaren sich verbessern würde. Die Gemeinde behielt ihren Status bei, Zar Paul I. erlaubte auch den Druck von hebräischen Büchern und die Teilnahme eines Teils der Juden bei den Wahlen zur Selbstverwaltung. Doch - ähnlich wie im Falle von polnischen Veröffentlichungen - wurden die jüdischen Bücher zensiert. Ferner begannen die Bürger das aktive Wahlrecht der Juden infrage zu stellen. Unter Zar Alexander I. verschlechterte sich die Beziehung des Staates zur jüdischen Minderheit. Im Jahre 1823 erließen die Behörden von Vilnius ein Ansiedlungs- und Handelsverbot für Juden, welches folgende Straßen umfasste:  Wielka, Zamkowa, Ostrobramska, Świętojańska, Dominikańska und Trocka. Darüber hinaus wurde es Christen in dieser Gegend verboten, Zimmer an Juden zu vermieten oder jüdische Händler zu empfangen.

Nach dem November-Aufstand wurde die jüdische Gemeinschaft, ähnliche wie die polnische und litauische, der Russifizierung unterzogen. Im Jahre 1844 wurde die Autonomie der Gemeinde eingeschränkt, 1847 wiederum organisierte die russische Regierung ein Priesterseminar für Rabbiner. Die jüdischen intellektuellen Eliten versuchten jedoch diesen Tendenzen vorzubeugen. Zeichen des Widerstands waren mitunter das Interesse an polnischer Literatur sowie die Pflege der hebräischen Sprache. In den 40er Jahren des 19. Jahrhunderts übersetzte Julian Klaczko einige Balladen von Mickiewicz ins Hebräische und veröffentlichte sie in der Zeitschrift „Pirke cafon“. Sein Lehrer, Samuel Finn, veröffentlichte wiederum das erste Buch über die Geschichte der Juden in Vilnius. In den Jahren 1860-1880 war er zudem für die Veröffentlichung der hebräischen Zeitschrift „Ha-Karmel“ verantwortlich.

Nach dem Januar-Aufstand wurde die Russifizierung intensiver. Die Behörden verfolgten die Strategie divide et impera, ferner wurde der Antisemitismus gefördert. Die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts war die Zeit einer regelrechten demographischen Explosion. Ein kaiserlicher Erlass verbot es Juden jedoch, sich in Dörfern niederzulassen. Die Einwohner der Schtetl mussten somit in größere Städte auswandern. In Vilnius selbst stieg damit die Zahl der Juden um ein Vielfaches. Die Neuankömmlinge riefen Angst durch ihre Fremdheit hervor (mitunter deswegen, weil sie kein Polnisch konnten). Darüber hinaus provozierten die Behörden antijüdische Aufstände. Alexander III. beschloß, dass Juden sich mit Russen assimilieren, auswandern oder einfach sterben müssten. Im Imperium kam es zu organisierten Verfolgungsaktionen. Im Jahre 1881 kam es zu blutigen Pogromen in Kiew und Odessa, in Vilnius wiederum organisierten Soldaten selbst ein Pogrom.

Trotz der Schwierigkeiten pflegten Juden weiterhin ihr Bildungs- und Kulturwesen. Im Jahre 1885 spendete Matitjahu Straszun der jüdischen Gemeinde seine Büchersammlung mit knapp 6 Tsd. Werken. Diese Spende stellte den Anfang der Straszun-Bibliothek dar, die 1892 eröffnet wurde. Vor dem Zweiten Weltkrieg zählte die Sammlung 35 Tsd. Bücher und 150 Manuskripte.

In Vilnius entstanden jüdische Parteien. 1897 entstand der Bund, 1902 hingegen Mizrachi. Im Jahre 1903 besuchte der Begründer Zionistischen Weltorganisation, Teodor Herzl, Vilnius. Dies führte zu einer Aktivierung der zionistischen Bewegung. In den Jahren 1905-1911 war in der Stadt das zentrale Büro der Zionistischen Weltorganisation für Russland tätig.

Man sollte dabei im Auge behalten, dass nach dem Ausbruch des Krieges mit Japan im Jahre 1904 die russischen Behörden beschlossen, die Stimmung im Westen des Landes zu dämpfen, woraufhin auch die Russifizierungspolitik eingestellt wurde. Nachdem das Verbot für den Druck von Schriften in anderen Sprachen als Russisch aufgehoben wurde, erschienen litauische, polnische und jüdische Tageszeitungen. Auf Hebräisch wurde die Zeitung „Ha-Zman“ („Zeit“), auf Jiddisch „Der Weker“ herausgegeben. Ferner entstanden wissenschaftliche Institutionen. Im Jahre 1913 gründete Szymon An-ski am heutigen Platz Kudirkos aikštė ein Historisch-Etnographisches Museum.

1915 wurde Vilnius von deutschen Streitkräften eingenommen. Die Besatzer erlaubten die polnische, weißrussische, litauische Sprache und Jiddisch im öffentlichen Leben, wenngleich Deutsch Amtssprache wurde. Ferner erlaubten sie den Litauern die sog. Taryba zu gründen, den Staatsrat, der am 16. Februar 1918 die Unabhängigkeit Litauens proklamierte. An der Spitze der Regierung stand Antanas Smetona. Mitte Dezember 1918 entstand jedoch eine kommunistische Regierung Litauens, die in Konkurrenz zur bisherigen stand. In dieser Situation mussten die Juden aus Vilnius eine politische Entscheidung treffen. Jakub Wygodzki, der hiesige Arzt und zionistische Aktivist, wurde 1918 zum Minister für jüdische Angelegenheiten in der Regierung Smetona ernannt. Ein Teil der jüdischen Arbeiter wiederum unterstützte jedoch die Kommunisten. Im Januar 1919 kam es in der ul. Wronia zu Kämpfen zwischen den Kommunisten und polnischen Einheiten der Selbstverteidigung. Die Polen nahmen 70 Menschen in Gefangenschaft. Fünf Kommunisten kamen bei den Kämpfen um, darunter zwei Juden (J. Szimelewicz, J. As-Szapiro). Im April 1919 schritten die polnischen Streitkräfte unter dem Befehl von Edward Rydz-Śmigły in Vilnius ein. Unter dem Vorwand, die Juden würden die Feinde Polens unterstützen, organisierten die polnischen Soldaten ein Pogrom im jüdischen Viertel. Dabei starben 80 Personen. Dieses Pogrom hatte sehr schwerwiegende Folgen für die polnisch-jüdischen Beziehungen in der Stadt. Als 1922 die Wahlen zum Sejm in Vilnius stattfanden, wurden diese nicht nur von den Litauern und Weißrussen, aber auch von Juden boykottiert.  Nichtsdestotrotz engagierte sich die jüdische Gemeinschaft auch nach dem Anschluss von Vilnius an den polnischen Staat für die lokale Politik und stellte regelmäßig ihre Vertreter im Stadtrat.

Im Vilnius der Zwischenkriegszeit lebten rund 50 Tsd. Juden, die 1/3 der Gesamtbevölkerung darstellten. In der Stadt gab es über 100 Synagogen und Gebetshäuser. Ferner gab es ein Netz an allgemeinbildenden Schulen und Gymnasien, in denen Jiddisch Unterrichtssprache war. Auch Hebräisch wurde unterrichtet. Im Jahre 1925 entstand das Jüdische Forschungsinstitut YIVO (ul. Wokulskiego 18). Juden hatten eigene Sportclubs sowie einen Sportplatz in der ul. Krupnicza. In der ul. Pohulanki 18 befand sich wiederum das jüdische Kulturhaus sowie die Vereinigung der jüdischen Schriftsteller und Journalisten.

Die meisten der Juden in Vilnius beschäftigten sich mit Handwerk und Einzelhandel. Sie lebten eng beeinander zwischen den Straßen Zawalna, Wielka und Trocka. Im Jahre 1923 beschrieb Juliusz Kłos das jüdische Viertel mit folgenden Worten:

Letztendlich sollte das jüdische Viertel besucht werden, das sog. Ghetto, welches sich zwischen folgenden Straßen befindet: Wielka, Niemiecka und Dominikańska. Das Viertel ist bebaut mit alten, engen und dunklen Häusern aus der fernen Vergangenheit, die durch ihre unzähligen Durchgänge ein unglaublich kompliziertes Labyrinth erschaffen. Im Viertel wimmelt es nur von irregulären engen Gassen mit vielen Arkaden. (...) Unter den vielen Gassen des jüdischen Viertels ist vor allem ein kleiner Platz interessant, der sich an der Kreuzung der Straßen Szklana, Jatkowa, Żydowska und Dominikańska befindet. Von diesem Platz aus sieht man auf einen Blick eine Vielzahl an Gassen mit Arkaden. An der Ecke des Platzes wiederum, zwischen der ul. Jatkowska und der ul. Żydowska befindet sich ein Haus mit ungemein schiefen Wänden, wodurch es scheint, als ob dieses Haus sich in den Platz wie ein Schiffsbuk einscheinden würde. Im Allgemeinen weisen die Häuser im jüdischen Viertel keine interessanten architektonischen Merkmal auf, noch vertreten sie einen einheitlichen Stil. Sie stammen überwiegend aus dem 18. Jahrhundert und wurden nach den Bränden mit schier utilitärer Rücksichtslosigkeit erbaut. Doch gerade diese Einfachheit und die Anordnung der Gassen aus der fernen Vergangenheit verleihen diesem Viertel einen Hauch von historischer Originalität[1.3].

In den polnisch-jüdischen Beziehungen kam es immer wieder zu Spannungen. Die Einschreibung an der Universität war für Juden nicht eingeschränkt, wenngleich polnische Studenten mit nationalistischer Gesinnung die Abgrenzung der jüdischen Studenten, die Reduzierung ihrer Zahl oder gar die komplette Ausschließung forderten. Am 10. November 1931 kam es zu Schlägereien zwischen polnischen und jüdischen Studenden, bei der Stanisław Wacławski tödlich von Steinen getroffen wurde. Angeklagt wurde Samuel Wolfin, der 1932 wegen fahrlässiger Tötung zu zwei Jahren Haft verurteilt wurde. Die Professoren an den Hochschulen verurteilten die Schlägereien sowie die Diskriminierung jüdischer Studenten. Henryk Dembiński zum Beispiel kritisierte in der Presse die Einrichtung des sog. Hörsall-Ghettos.

Trotzdem arbeiteten Polen und Juden oft zusammen. So wurden in den 30er Jahren zu den Treffen der Vereinigung Polnischer Schriftsteller auch jüdische Schriftsteller aus der Gruppe Jung Wilne eingeladen. Czesław Miłosz erinnerte sich nach Jahren, dass er damals Chaim Grade getroffen hatte.

Als im April 1931 der junge Handwerker Mieczysław Dordzik bei dem Versuch umkam, den jüdischen Jungen Chakiel Charmac vor dem Ertrinken zu retten, nahmen an seinem Begräbnis sowohl der Bischof von Vilnius, Vertreter der Stadtverwaltung sowie Vertreter der jüdischen Gemeinde teil. Drei Jahre später nahm eine Delegation der Juden unter der Leitung des Stadtrates Dr. Jakub Wygodzki an der Enthüllung eines Monuments zum Gedenken an die Tat Dordziks teil. Die jüdische Presse äußerte die Hoffnung, dass Dordzik zu einem Symbol des Heldentums und der Opferbereitschaft werden könnte, die eine Versöhnung zwischen Polen und Juden in Vilnius ermöglichen würde.

Nach dem Tod von Józef Piłsudski im Mai 1935 äußert die Verwaltung der jüdischen Gemeinde der Regierung in Warschau schriftlich ihr Beileid aus. In der Großen Synagoge wiederum wurden Trauergebete gesprochen. Im Juli stimmten polnische und jüdische Ratsmitglieder einstimmig für den Bau eines Denkmals in Vilnius zu Ehren Józef Piłsudskis. Ein Jahr darauf wurde ebenfalls einstimmig der Łukiski-Platzes in Józef-Piłsudski-Platz umbenannt. Darüber hinaus nahmen eine jüdische Delegation sowie Schüler jüdischer Schulen an der Beisetzung des Herzens des Marschalls am Friedhof Rasos teil.

Die jüdische Bevölkerung gedachte auch ihren Helden im öffentlichen Raum. Am Haus, in dem Gaon lebte, wurde beispielsweise eine Gedenktafel angebracht. Derweilen wurde 1920 die Straße, in der sich die Matitjahu-Bibliothek befand, nach dem Gründer dieser benannt.

Im Oktober 1939 wurde Vilnius von Litauen annektiert. Um die jüdische Bevölkerung auf ihrer Seite zu haben, beschloss die neue Stadtverwaltung die Straßen nach jüdischen Schriftstellern zu benennen. Geehrt wurden die Väter der Literatur in Jiddisch: Mendele Mojcher Sforim, Icchok Lejb Perec sowie Ajzik Meir Dik. Ferner erhielt auch der bekannte Sozialaktivist Dr. Cemach Szabad seine eigene Straße.

Im Juli 1940 wurde Litauen als „Republik“ in die Sowjetunion angeschloßen. Die Kommunisten versuchten ebenfalls die Gunst der jüdischen Bevölkerung zu gewinnen. Eine der Straßen sollte nach Abraham Goldfaden benannt werden - einem Regisseur und Autor von Theaterstücken, der in Jiddisch und Hebräisch schrieb. Im September 1940 wurde an der ehemaligen Stefan-Batory-Universität eine Lehrstuhl für Jiddisch eingerichtet, der von Noach Pryłucki, einem Sprachwissenschaftler und Redakteur der Zeitschrift „Der Moment“, geleitet wurde. Doch die Sowjets fingen mit dem Kampf gegen die Religion an. Das NKWD verhaftete nicht nur Priester, sondern auch Rabbiner.

Am 22. Juni 1941 schritt die deutsche Armee in Litauen ein. Die Deutschen begannen sofort mit den Verfolgungen. Als im Juli 1941 an der Ecke der ul. Wielka und der ul. Szklana die Leiche eines deutschen Soldaten gefunden wurde, wurden sofort die Juden für den Mord verantwortlich gemacht. Am selben Tag wurden 123 Personen erschossen. Einen Tag später wurde zwischen den Straßen Szklana, Żydowska, Niemiecka und Antokolska ein Ghetto errichtet, in dem rund 12 Tsd. Menschen festgehalten wurden. Es existierte bis 1941. Alle Häftlinge wurden in Ponary, unweit von Vilnius, ermordet.

Anfang September 1941 wurde das sog. Große Ghetto errichtet. Es befand sich zwischen den Straßen Karmelitańska, Niemiecka, Lidzka und Zawalna. Insgesamt 29 Tsd. Juden wurden dort festgehalten. Im Großen Ghetto gab es zwei Schulen, eine Bibliothek, ein Krankenhaus sowie ein Theater. Die Menschen lebten unter der ständigen Angst vor Deportationen. Schätzungen zufolge wurden in den Wäldern um Ponary über 70 Tsd. Juden aus Vilnius und umliegenden Ortschaften umgebracht. Darüber hinaus wurden 20 Tsd. Polen umgebracht. Die Täter, die in Ponary Juden umgebracht haben, waren sowohl Deutsche (u. a. Einsatzkommando 9) als auch Litauer, u. a. die Formation Ypatingasis būrys („Spezialeinheit“), die aus Rekruten des nationalistischen litauischen Schützenverbandes (Lietuvos šaulių sąjunga) bestand. Diese Einheit wurde von den Polen in Vilnius als „Ponarer Schützen“ bezeichnet.

Die Deutschen liessen sich einen organisierten Raub aller Kulturgüter auf den von ihnen besetzten Gebieten zu Schulde kommen. Die Sammlungen der Bibliotheken, Museen und Archive in Vilnius wurden ins Reich transportiert. Im Jahre 1941 wurde jüdischen Wissenschaftlern befohlen, einen Katalog mit den wertvollsten Werken aus der Straszun-Bibliothek zusammenzustellen. Nach einer Selektion wurden die Werke nach Frankfurt transportiert. Daraufhin wurden Herman Kruk, Abraham Suckewer und Szmerke Kaczergiński beauftragt, die Sammlungen der YIVO zu ordnen. Sie konnten einen Teil der Sammlung retten, indem sie Bücher und Dokumente in ihren Taschen mitnahmen. Auf diese Art und Weise konnten im Ghetto tausende Materialien in einem Bunker gerettet werden.

Während der Besatzung entstand in Vilnius eine polnisch-litauisch-jüdische Widerstandsbewegung. Im Ghetto gab es wiederum die Farajnigte Partiznaer Organizacje (FPO). Sie entstand 1942, ihr Anführer war Izaak Wittenberg. In der Anfangsphase beschäftigte sich die Organisation vorrangig mit Propaganda, der Herausgabe von Berichten, der Fälschung von Dokumenten, der Sabotage sowie der Beschaffung von Waffen, die Juden stahlen oder von Litauern bzw. Mitgliedern des polnischen Widerstands erhielten. Daraufhin versuchten die Verschwörer Kontakt mit den Ghettos in Warschau und in Białystok aufzunehmen, um gemeinsam einen Aufstand zu planen. Doch im Frühling 1943 erfuhren die Deutschen über die Wirderstands-Organisation im Ghetto und forderten die Auslieferung des Anführers unter der Androhung, Repressionen gegen alle Juden durchzuführen. Wittenberg stellte sich freiwillig der Gestapo. Der nächste Anführer der FPO wurde Abba Kowner.

Am 1. September 1943 begannen die Deutschen, das große Ghetto zu liquidieren. Die jüdischen Aufständischn bauten Barrikaden in der ul. Straszuna. Nach einem kurzen Kampf zogen sich die Deutschen zurück. Den Juden wurde versprochen, dass wenn sie das Ghetto freiwillig verlassen, sie nicht umgebracht und zur Arbeit geschickt werden würden. Das Ghetto wurde am 23. September 1943 liquidiert, seine Einwohner hingegen wurden in Lager in Lettland und Estland sowie in das Todeslager Majdanek deportiert. Auf diese Weise wurde einer der ältesten Stadtteile zerstört und entvölkert. Das „Gesamtwerk“ wurde im Sommer 1944 vollendet als die Große Synagoge bei Kampfhandlungen zerstört wurde.

Nach der Einnahme von Vilnius durch die Rote Armee kam es zu zahlreichen Verhaftungen von Mitgliedern und Anführern der polnischen Untergrundbewegung, die in die Hände des NKWD fielen. Die Stadt wurde Teil der Litauischen Sozialistischen Sowjetrepublik. In den Jahren 1940-1946 veränderte sich die nationale Struktur der Republik diametral. Infolge der von den Deutschen durchgeführten Exterminierung der jüdischen Bevölkerung, der Kampfhandlungen sowie späteren Umsiedlungen (zwischen September 1944 und Februar 1946 wurde knapp 90 Tsd. Polen umgesiedelt) verlor die Stadt 90% seiner Bevölkerung.

Die jüdische Gemeinschaft zählte nach dem Krieg 6 Tsd. Menschen. Es waren Menschen, die die deutsche Besatzung in einem Versteck oder als Partisanen, die aus dem Rudnicki-Urwald zurückkehrten, überlebt hatten. Die jüdische Gemeinde entstand von Neuem, eine Schule sowie ein Waisenhaus wurden gegründet. Suckewer i Kaczergiński fanden einen Teil der Sammlung, die in den Kellern des Ghettos und Privatwohnungen in der ul. Gedimino 15 (früher Mickiewicza) versteckt waren und gründeten das Museum der Jüdischen Kultur und Kunst. Die kommunistischen Machthaber waren jedoch dieser Initiative nicht positiv gesinnt. Im Sommer 1946 verließen Suckewer und Kaczergiżski Vilnius mitsamt vielen Materialien. Das Museum wurde geschlossen.

In den Jahren 1948-1950 wurde der jüdische Friedhof Rasos zerstört. Die wichtigeren Grabmale wurden in den neuen Friedhof im Stadteil Šeškinė transportiert. Darüber hinaus wurden in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts die Überreste der Großen Synagoge abgerissen. An ihrer Stelle wurde wiederum eine Schule erbaut.

Das Gedenken an den Holocaust wurde aus dem öffentlichen Gedächtnis verdrängt. In Vilnius gab es über Jahre kein einziges Denkmal zum Gedenken an den Holocaust. Zwar wurde bereits 1948 ein Obelisk in Paneriai aufgestellt, doch vier Jahre später ließ die Führung der Litauischen Kommunistischen Partei den Obelisk abreißen, wahrscheinlich aufgrund der Inschrift in Jiddisch. Auf dem neuen Denkmal wurde die Inschrift angebracht, dass in Paneriai 100 Tsd. Sowjetbürger von Deutschen umgebracht worden sind.

Anfang der 60er Jahre begann die Presse in Vilnius ihre antisemitische Kampagne. Dies stand im Zusammenhang mit dem Kampf gegen wirtschaftliche Kriminalität, der zur damaligen Zeit von der Führung der Litauischen Sozialistischen Sowjetrepublik aufgenommen wurde. In einem Schauprozess wurden einige Juden wegen Kurspekulationen zum Tode verurteilt. Die Pflege jüdischer Kultur und Kunst wurde erschwert.  Auch der Unterricht von Jiddisch und Hebräisch wurde verboten. Die sowjetischen Machthaber erlaubten lediglich die Entstehung eines Amateur-Theaters unter den Auspizien der Gewerkschaften zu. Im Repertoir des Theaters befanden sich Klassiker der Jiddisch-Literatur.

Nachdem Litauen die Unabhängigkeit erlangte begann das jüdische religiöse und kulturelle Leben aufzuleben. Unter anderem wurde die Szlomo-Alejchem-Schule gegründet, in der jüdische Geschichte und Hebräisch unterrichtet wurde. Ferner erschien die Zeitschrift „Jerusalem of Lithuania“. Im Jahre 2002 entstand an der Universität Vilnius das Institut für Jiddisch. Ferner wurden auch Maßnahmen zum Gedenken an die jüdischen Opfer des Holocaust in Vilnius unternommen. In der Pamėnkalnio 12 wurde ein Holocaust-Museum gegründet. Im März 1999 verabschiedete die litauische Regierung eine Resolution über den Schutz des jüdischen Erbes in Litauen. Diese Resolution ware der Impuls für die Renovierung der Häusern in den Straßen Gaona, Stiklių und Antokolskio.

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Fußnoten
  • [1.1] Cohen I., Vilna, Philadelphia 1992, S. 29.
  • [1.2] Die Inschrift auf der Tafel: „D.T.O.M.D. MEMORIA In genii pueri Simonis Kierelis natione Vilnen: Septimo aetatis Anno crudelissime a Judeis Vulneribus centum septuaginta accisi, In angulo huius Ecclesiae tumulati Anno a Christo nati 1597 ERECTA Ex Elcemosinis Benefactorum Ano Dmi. 1678” - Zitat. nach: Wołkonowski J., Stosunki polsko-żydowskie w Wilnie i na Wileńszczyźnie 19191939, Białystok 2004, S. 20, Fußnote 8.
  • [1.3] Kłos J., Wilno. Przewodnik Krajoznawczy, Wilno 1923, S. 217–218.