Die Ansiedlung von Juden auf dem Gebiet der Woiwodschaft Podlachien reicht zurück bis ins 15. Jahrhundert als kleine Gruppen von Menschen jüdischen Glaubens sich in Bielsk Podlaski niederließen. Im Jahr 1522 lud der Woiwode Gasztołd neun jüdische Familien nach Tykocin ein.

Das in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts gegründete Dorf, welches später zur Stadt Białystok wurde, ging 1685 in den Besitz der Familie Branicki über. Juden lebten hier bereits 1658, was aus Quellen der Verwaltung der jüdischen Glaubensgemeinde in Tykocin ersichtlich wird. Wir wissen, dass im Jahre 1661 75 Juden aus Białystok die Kopfsteuer zahlten. 1663 wurde in der Chronik vermerkt, dass in Białystok 75 Frauen und Männer jüdischen Glaubens im Alter von mindestens 14 Jahren lebten. Wie man sieht, waren die Juden aus Białystok zu Anfang Teil der Gemeinde in Tykocin.

Die Familie Branicki gründete die Stadt im Jahre 1691. Sie regte Juden an, sich hier niederzulassen, bauten für sie Häuser, Geschäfte und stiftete sogar eine Synagoge. Im Jahr 1692 gab es bereits eine kleine Gemeinde in Białystok, die der Gemeinde in Tykocin unterstand. Im Jahr 1745 entstand in der Stadt eine eigenständige jüdische Gemeinde, die 765 Mitglieder zählte. Die Gemeinde in Białystok erlangte recht schnell eine dominierende Position unter den Gemeinden in Podlachien. Im gleichen Jahr ermöglichte Jan Klemens Branicki die rechtliche Gleichberechtigung von Juden und Christen. Ende des 18. Jahrhunderts lebten hier rund 1.800 Juden (45% der Einwohnerzahl der Stadt).

Entscheidenden Einfluss auf die Entwicklung der jüdischen Ansiedlung in Białystok hatte Anfang des 18. Jahrhunderts (oder auch - laut einigen Quellen - nach 1749) der bereits erwähnte Ausbau der Stadt durch die Branickis und die Bestrebungen, der Siedlung einen städtischen Charakter zu verleihen. Historischen Quellen zufolge erhielt Białystok nach der Lokalisation zahlreiche Privilegien und Steuerermäßigungen. Ferner war das Privileg de non tolerandis Judaeis, nach dem Juden es nicht gestattet war, sich in den Grenzen der Stadt niederzulassen oder zu handeln, in der Stadt nicht gültig. Juden ließen sich in der Nähe der südlichen Frontfassade des heutigen Marktplatzes nieder.

Im Jahr 1700 verpachtete der Pfarrer in Białystok den Juden ein Stück Land (der sog. pastewnik in der Nähe der ul. Suraska), damit diese ihr erstes Gotteshaus bauen konnten. Das Gotteshaus wurde Nomer Tamid (hebr. Ewiges Licht) genannt. Das genau Datum der Erbauung ist unbekannt. Vermutungen zufolge war es das Jahr 1711, 1715 oder 1718. Im Jahre 1718 wurde die Vereinigung Ner Tamid gegründet, die sich um die Synagoge kümmerte. Um dieses kleine hölzerne Gebäude herum, in der Gegend des sog. Synagogenplatzes (heutige ul. Suraska), entstand in späterer Zeit das jüdische Viertel, auch Szulhof genannt.

Vermutungen zufolge entstand der erste jüdische Friedhof bereits Ende des 17. Jahrhunderts oder sogar schon 1658 in der Nähe des alten katholischen Friedhofs. Sicher ist, dass er sich an der südlichen Frontfassade des Marktplatzes befand und dass er vor 1770 geschlossen wurde. Damals erwarb Miron Josiowicz die Parzelle und baute dort eine Brauerei.

Die Zeit unter der Herrschaft der Branickis war für Białystok eine Blütezeit und eine Epoche einer dynamischen Entwicklung der jüdischen Gemeinde. Im Jahre 1745 wurden den jüdischen Händlern alle Geschäfte am Marktplatz übergeben. Im Jahre 1771 wiederum gab es am Rathaus 46 Kramläden, von denen nur zwei einem Christen gehörten - dem deutschen Kaufmann Jan Bogusław Szulc. Schätzungen zufolge befanden sich 1895 bereits 100 Kramläden am Marktplatz.

Die Gemeinde in Białystok nahm aktiv am Leben der Stadt teil. Obwohl die Juden in Białystok kein Recht hatten, im Stadtrat zu sitzen oder öffentliche Ämter zu bekleiden, nahm der Vorsitzende der Gemeinde an der Wahl der städtischen Verwaltung teil. Die jüdische Gemeinschaft musste, genau wie die Christen, eine Reihe an Pflichten erfüllen, u. a. eine Nachtpatrouille, die vor Diebstählen und Bränden schützen sollte. Zu den Pflichten der jüdischen Gemeinde gehörte auch die Pflege der Zäune, von denen die Stadt umgeben war. Ähnlich wie auch in anderen Städten, arbeiteten die Juden in Białystok im Handel und im Handwerkswesen. In der Stadt gab es damals fünf jüdische Handwerker und ebenso viele Bäcker. Von 37 Schneidern wiederum waren nur fünf Christen. Auch von den 42 Brauereien waren 39 in jüdischem Besitz. Ferner gab es 11 jüdische Weinhersteller sowie einige jüdische Gaststätten, von denen jene von Samuel Głuszka „Pod Łabędziem“ (ul. Choroska) sowie „Pod Jeleniem“ die beliebtesten waren.

Nach den Teilungen Polens wurden den Juden Restriktionen auferlegt. Die Teilungsmächte führten eine repressive Politik ein, deren Ziel es war, den bisherigen wirtschaftlichen Status der Juden aufzuheben und sie zur Assimilierung mit der restlichen Bevölkerung zu zwingen. Nach der dritten Teilung verkauften die Branickis die Stadt an die Preußen, die wiederum die Rechte der Juden einschränkten. Unter der russischen Teilungsmacht (1795-1807) begannen die Ideen der Haskala, der jüdischen Aufklärung, sich zu verbreiten, mitunter dank den Kontakten zu deutschen Juden. Die Anhänger der Aufklärung, die im stetigen Konflikt mit den traditionell veranlagten Juden standen, verfügten über ein eigenes Gebetshaus. Unter den herausragendsten Persönlichkeiten dieser Bewegung sollten u. a. folgende Personen genannt werden: Eliezer Halberstam, der sich 1833 in der Stadt niederließ; Abraham Szapiro - Autor von Toldot Israel we-Sifruto (1892); Jehiel Michał Zabłudowski - Mitbegründer der hebräischen Zeitschrift „Ha-Karmel“ und Autor des Buches Ruach Chaim (1860) sowie der Dichter Menachem Mendl Dolicki. Unter den Verbreitern der Bewegung befand sich auch die Familie Zamenhof. Der Wille der Verständigung ungeachtet von ethnischen und religiösen Unterschieden bewegte Ludwik Zamenhof dazu, eine universelle Sprache zu erschaffen - Esperanto. Zeitgleich lebten in der Stadt auch viele Anhänger des Chassidismus - unter den in der Stadt verweilenden Anhängern dieser Strömung sollte der Rabbiner Chaim Herz Halpern genannt werden. Erst Anfang der 80er Jahre des 19. Jahrhunderts entstand die zionistische Bewegung Chowewej Syjon (hebr. Befürworte von Zion), die die Juden zur Auswanderung nach Palästina anregte. In den Folgejahren wurde Białystok zu einem wichtigen Zentrum der zionistischen Bewegung, an deren Spitze der Rabbiner Samuel Mohylewer sowie Josef Chasanowicz standen.

Die Gemeinde wuchs zunächst sehr schnell, um sich aufgrund einer Epidemie Anfang der 1830er Jahre allerdings wieder stark zu verkleinern. Anfang des 19. Jahrhunderts gab es in der Stadt eine große Synagoge, 4-5 Gotteshäuser und 10 kleinere Gebetshäuser. Im Jahre 1834 wurde eine weitere gemauerte Synagoge errichtet, die Chor-Synagoge oder Zabłudowski-Synagoge genannt wurde. 1890 wiederum wurde ein Gotteshaus mit elektrischer Beleuchtung im Viertel Piaski erbaut. Im Jahre 1804 wurden in der Stadt ein hebräischer Verlag und eine Druckerei gegründet, die bis 1824 in Betrieb waren.

Die Lage an der Westgrenze des russischen Imperiums begünstigte den Handel sowie die Kontakte der jüdischen Kaufleute zum russischen Markt. Ein Jahr vor dem Anschluss der Stadt an das Russische Imperium entstand hier die erste Stoffmanufaktur, die von aus Sachsen stammenden ehemaligen Soldaten Napoleons gegründet wurde. Die Bestimmung der sog. jüdischen Siedlungszone (die westlichen Gebiete des russischen Imperiums, die von Juden besiedelt werden durften) bewirkte, dass es zu einer massiven Einwanderung von Juden aus den östlichen Gebieten kam, den sog. litwaki. Es handelte sich hier um Menschen, die aufgrund dieser Verordnung aus der Region um Brest und Vilnius, aber auch aus weiter entfernten Regionen, in die Stadt zogen.

Seit Beginn des 19. Jahrhunderts konnten sich Izaak Zabłudowski, Abram Grodzieński und Aron Erbstein an der Vermittlung zwischen dem Königreich Polen und dem Zarenreich mitunter massiv bereichern. Die jüdischen Kaufleute aus Białystok dominierten ebenfalls den Markt für Lieferungen an die russische Armee. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde Białystok zu einem sich dynamisch entwickelnden Zentrum für Industrie und Handel im Westen des russischen Imperiums. Der wichtigste Impuls für die Entwicklung von Industrie und Handel in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war die Einführung von restriktiven Zöllen zwischen dem Königreich Polen und dem Zarenreich im Jahr 1831, die in Folge der Repressionen nach dem November-Aufstand auferlegt wurden. Daraufhin verlegten zahlreiche jüdische Unternehmer, u. a. Fabrikbesitzer aus Lodz und Zgierz, ihre Betriebe nach Białystok und in die umliegenden Ortschaften. Die wirtschaftliche Entwicklung führte zu einem Zuwachs der jüdischen Bevölkerung in der Stadt. Juden stellten 80% der Unternehmer in Białystok. 1857 lebten in der Stadt 9.547 Juden, insgesamt 67% der Bevölkerung. Die Fertigstellung der Eisenbahnlinie zwischen Warschau und St. Petersburg 1862, die durch die Stadt verlief, führte zu einem weiteren Wirtschaftswachstum, weswegen die Stadt mittlerweile als „Manchester des Nordens“ bekannt war. Einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung der Textilindustrie leisteten auch die hiesigen jüdischen Unternehmer. Im Jahre 1850 entstand hier die Textilfabrik von Nachum Minc und Sander Bloch. Nachum Minc war einer der ersten Unternehmer aus Białystok, der in seiner Fabrik Dampfmaschinen einführte, später dann auch elektrische Maschinen. Aufgrund der Entwicklung der Textilindustrie wurden die Juden in Białystok immer reicher, weswegen sich die bislang hier agierenden deutschen Unternehmer zurückziehen mussten. Die jüdischen Händler trieben Handel mit Russland, die Industriellen wiederum bauten Fabriken, hauptsächlich für die Produktion von Textilien. Auch die Tabakindustrie befand sich in jüdischen Händen.

Dank dieser Prozesse entwickelte sich die Gemeinde in Białystok im 19. Jahrhundert sowohl wirtschaftlich als auch demographisch sehr dynamisch, was an einem sehr großen Anteil der jüdischen Einwohner an der Gesamtbevölkerung sichtbar wurde. Denn während 1847 in der Stadt knapp 7.000 Juden lebten, hatte die jüdische Gemeinde 50 Jahre später bereits 41.095 Mitglieder, das waren 63% der Bevölkerung.

1860 gehörten 19 der 44 Textilfabriken Juden. Im Jahr 1898 wurden 299 der 372 Industriebetriebe von Juden geleitet. Auch bei den Arbeitern stellten Juden die Mehrheit - ca. 60%. Die Juden besaßen auch kleinere Lebensmittelbetriebe sowie kleinere Betriebe für Holz- und Metallverarbeitung und Baufirmen. Die Tabakindustrie in Białystok blieb nahezu vollständig in jüdischen Händen. Unter den 3.628 Händlern und Geschäftsinhabern in Białystok waren 3.186 Juden (90%).

Die diskriminierende russische Gesetzgebung sowie die Einwanderung von Juden aus den umliegenden Schtetln in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts - vor allem in den Jahren 1825-1835 sowie 1845 - führten dazu, dass eine immer größer werdende Gruppe in schwierigen Lebensverhältnissen leben musste. In der Stadt entstanden zu der Zeit viele wohltätige Verbände und Organisationen, u. a. die Verbände Bikur Cholim, Linas ha-Cedek sowie die Vereinigung Cedaka Gedola.

Ende des 19. Jahrhunderts gab es in der Stadt 2 Synagogen, 16 Gotteshäuser und mehrere Dutzend Gebetshäuser. Ferner agierten hier zahlreiche gesellschaftliche Institutionen und Organisationen sowie viele Schulen, darunter orthodoxe und reformierte Cheder-Schulen, Berufsschulen und Schulen für Mädchen. Im Jahr 1840 wurde das erste renommierte jüdische Krankenhaus eröffnet, das nach Elizer Halbersztajn benannt wurde, 1855 entstand in Białystok die erste jüdisch-russische Schule, die von Kasriel Kaplan geleitet wurde. 1882 wiederum entstand ein jüdisches Altenheim. 1899 war hingegen das erste Jahr der Freiwilligen Feuerwehr, deren Mitglieder zu 90% jüdisch waren. Im Jahr 1900 wurden in der von der Gemeinde betriebenen Talmud-Tora ca. 500 Jungen unterrichtet. Zwölf Jahre später wurde in Białystok der erste jüdische Kindergarten eröffnet, der 1914 in ein Waisenheim umgewandelt wurde.

In den Jahren 1903-1913 wurde anstelle des alten Gotteshauses von Anfang des 18. Jahrhunderts eine prachtvolle Synagoge mit einer hohen Kuppel errichtet, die später als Große Synagoge bezeichnet wurde. Ein Jahr vor dem Ersten Weltkrieg lebten 61.500 Juden in der Stadt, was 70% der Stadtbevölkerung ausmachte. Białystok wurde zu jener Zeit als „Jerusalem des Nordens“ bezeichnet[1.1].

Seit Anbeginn der jüdischen Gemeinde in Białystok war die Stadt ein wichtiges religiöses Zentrum. Hier waren viele Rabbiner und jüdische Gelehrte tätig. Es wird davon ausgegangen, dass laut den historischen Quellen Kalonymus Kalman Lichtenstein, Bruder von Abraham Jekutiel und Autor von Zera Abraham (Dyhernfurth [Brzeg Dolny] 1811), der erste Rabbiner der Stadt gewesen ist. In den Quellen aus der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts wird jedoch der Rabbiner Solomon aus Białystok sowie sein Nachfolger - Rabbi Arie Lejb ben Baruch Bendet, Autor von Szaagat Arie (herausgegeben in Białystok im Jahre 1805), genannt. Sein Nachfolger war wahrscheinlich der Rabbiner Nehemia, doch einige Forscher stellen die Historizität dieser Person in Frage. Im Jahre 1824 wurde Mojżesz Zeew zum Rabbiner von Białystok ernannt. Zuvor war er in Tykocin, wo er die Werke Marot ha-Zowot und Agudat Ezow verfasste (1810 und 1824 herausgegeben). Nach seinem Tod stand Eliakim Getzel an der Spitze der Gemeinde, erhielt jedoch nicht das Amt des Rabbiners der Stadt. Er erfüllte diese Funktion jedoch bis 1860 (laut anderen Quellen war es das Jahr 1849). Nach ihm übernahm Jomtow Lipman Heilprin das Amt, der ein entschiedener Gegner von Tabakgenuss in Synagogen war. Nach seinem Tod im Jahre 1878 übernahm sein Sohn, Chaim Herz, das Amt des Rabbiners. Im Jahre 1883 folgte ihm der aus Radom stammende zionistische Aktivist Samuel Mohylewer als Rabbiner der Stadt. Nach seinem Tod 1898 wurde erneut Chaim Herz Heilprin zum Rabbiner ernannt. Nach ihm folgte der im Rabbinerseminar in Vilnius ausgebildete Meir Markus, der dieses Amt über die nächsten 30 Jahre innehatte.

In der Stadt gab es ein reges politisches Leben, vor allem in der linken politischen Szene. Die 1897 eröffnete Zweigniederlassung des Bundes erlangte recht schnell an Beliebtheit unter den Arbeitern, womit sie zur einflussreichsten politischen Kraft in der jüdischen Bevölkerung wurde. Im Jahre 1898 fand in Białystok der erste vom Bund organisierte Streik jüdischer Arbeiter statt. Ferner gab es in Białystok auch eine geheime Zelle der kommunistischen Partei.

Die Aktivität der Anhänger des Bundes führte während der russischen Revolution (1905-1906) zu ernsthaften Repressionen von Seiten der russischen Machthaber, die vor allem gegen Juden sowie gegen die Stadtverwaltung gerichtet waren. In Białystok kam es zu dieser Zeit zu zwei Pogromen, die von der zaristischen Armee initiiert wurden. Im Sommer 1905 starben infolge einer Schießerei im jüdischen Viertel 2 Personen und mehrere wurden verwundet. In den Tagen vom 1. bis 3. Juni 1906 fand das zweite Pogrom statt, das 70 Todesopfer in der jüdischen Bevölkerung und 6 Opfer unter den Christen forderte. Mindestens 90 Personen wurden dabei schwer verletzt. Ferner kam es auch zu Plünderungen in jüdischen Wohnungen und Geschäften. An den Pogromen, die durch zahlreiche nationalistische Vorurteile und Antagonismen bedingt wurden, nahmen christliche Einwohner der Stadt teil, die aktiv von der hiesigen Polizei und den Eliten unterstützt wurden. Obwohl diese tragischen Ereignisse den Anfang einer Auswanderungswelle von Juden aus der Stadt markiertem (u. a. nach New York), konnten sie auf der anderen Seite die Ansiedlung von Neuankömmlingen nicht stoppen. Unter ihnen waren vor allem wohlhabende Bürger, Inhaber von Fabriken und Palästen sowie Vertreter der intellektuellen Eliten, aber auch Arbeiter und ärmere Menschen. Die jüdischen Siedler ließen sich hauptsächlich im Stadtzentrum nieder, am Marktplatz sowie zwischen der ul. Lipowa und dem Fluß Biała, entlang der ul. Mickiewicza (heute ul. Sienkiewicza) sowie in der ul. Suraska.

Der älteste Teil des jüdischen Viertels Szulhof wurde vor allem von orthodoxen Juden bewohnt, die sich um die Hauptsynagoge im südlichen Teil der ul. Suraska versammelten. Ein zweites religiöses Zentrum befand sich in der Nähe der ul. Kupiecka (heute ul. Malmedia), ul. Żydowska (heute ul. Fomalska) sowie der ul. Giełdowa (heute ul. Spółdzielcza). Den Mittelpunkt stellte die reformierte Synagoge Chorszul dar. Die im 18. und 19. Jahrhundert entstandenen Viertel Chanajki und Piaski (Straßen: Młynowa, Grunwaldzka, Kijowska, Mławska, Cieszyńska, Angielska, Sosnowa sowie Rynek Sienny) wurden von den ärmsten Mitgliedern der jüdischen Gemeinde in Białystok bewohnt. In diesen Vierteln dominierte eine einstöckige Bebauung aus Holz, wenngleich auch gemauerte Häuser vorkamen, darunter das Haus in der ul. Młynowa 23, in dem sich vor dem Krieg eine jüdische Nagelfabrik befand.

Der Erste Weltkrieg, der 6.000 jüdische Opfer in der Stadt forderte, brachte eine weitere Vertiefung der wirtschaftlichen Krise mit. Die Gemeinde versuchte diesem entgegenzuwirken und organisierte Hilfsmaßnahmen für Bedürftige. Die wohltätigen und philanthropischen Vereine leiteten Waisen- und Obdachlosenheime sowie Küchen für die ärmsten Mitglieder ihrer Gemeinde. Die Größe der jüdischen Gemeinde halbierte sich während des Weltkriegs. Im Jahr 1921 lebten in der Stadt 39.602 Juden, 51% der Gesamtbevölkerung. Die schwierige Wirtschaftslage, bedingt durch die Rezession, rapide Veränderungen der Konjunktur sowie die allgemeine Krise in der Textilindustrie, führte zu einer weiteren Auswanderungswelle, die auch in den 20er und 30er Jahren weiter anhielt. Nach einer kurzen Zeit relativer Prosperität (1926-1928) – als die jüdischen Textilhersteller Märkte im Fernen Osten erschlossen und zudem auch in Ungarn und auf dem Balkan Fuß fassen konnten – kam es Anfang der 30er Jahre zu einer erneuten wirtschaftlichen Stagnation. Als Folge wurde ein Teil der größten Fabriken geschlossen, was einen Produktionsrückgang von 25% und somit eine Vertiefung der Wirtschaftskrise nach sich zog. Bis 1939 überdauerten nur 110 Betriebe.

In der Zwischenkriegszeit begann der Anteil der Bewohner jüdischen Glaubens in Białystok zu sinken (1936 waren es 43%). Dies war u. a. durch die Auswanderung in die USA, nach Kanada, Argentinien, Brasilien und Palästina sowie die fortschreitende Assimilierung und Säkularisierung der intellektuellen Eliten bedingt. In den 20er und 30er Jahren waren in der Stadt alle wichtigen jüdischen politischen Parteien aktiv. Die hiesige Gemeinde war in ihrer Weltanschauung stark differenziert und antagonistisch. Neben den konservativen Parteien (Agudas Jisroel), die einen Zusammenhalt auf religiöser Ebene anstrebten, gab es auch zionistische Parteien (Poale Zion, Mizrachi), deren Ziel die Erschaffung eines Staates Israel in Palästina war, sowie Arbeiterparteien (Bund), die sich für eine weiträumige Autonomie der Juden in Polen einsetzten. Alle Parteien verfügten auch über Jugendbewegungen und sozial-kulturelle sowie wohltätige Organisationen. In der Stadt entstand auch ein jüdisches Schulwesen auf elementarer und mittlerer Stufe. Das kulturelle Leben erlebte eine Blütezeit. So gründete Nachum Cemach bspw. 1912 das jüdische Theater „Habima“ (hebr. Bühne), welches die Fundamente des späteren Jüdischen Nationaltheaters in Tel Aviv legte. Im Theater wurden zeitgenössische Stücke auf Hebräisch aufgeführt. Während des 11. Zionistischen Kongresses in Wien führte die Schauspieltruppe des Theaters das Stück Szma Jisroel (hebr. Höre zu, Israel) von Osip Dymow auf. Ferner wurde 1915 auf Initiative der Verbände der polnischen und jüdischen Jugend die Szolem-Alejchem-Bibliothek gestiftet, deren Sammlung rund 10.000 Bücher auf Polnisch und Hebräisch sowie eine große Kollektion an Judaika umfasste. Im Jahre 1921 wurde der Jüdische Schriftstellerverband gegründet. Darüber hinaus gab es zwei jüdische Kinos („Apollo“ und „Modern“) sowie Sportclubs, darunter die Clubs „Makabi“ und „Morgensztern“. In der Stadt wurden mehrere jüdische Zeitschriften herausgegeben, u. a. die seit 1919 herausgegebenen Zeitschriften „Dos Naje Lebn“, „Unzer Leben“, die linken „Bialistoker Werker“, „Bialistoker Arbajter“ und „Bialistoker Sztern“ sowie die zionistischen Veröffentlichungen „Unzer Weg“ und „Bialistoker Tagblatt“ sowie viele andere.

In dieser Zeit stellte Białystok ein wichtiges religiöses Zentrum für Juden dar. Es gab hier nahezu alle existierenden Gruppierungen und Sekten, sowohl Orthodoxe als auch Chassiden. Neben den zwei großen Synagogen gab es in der Stadt ca. 100 kleinere Gottes- und private Gebetshäuser, die oftmals über eigene Bibliotheken verfügten. Unter Verwaltung der Gemeinde waren auch eine Talmudschule mit 12 Klassen sowie eine Jeschiwa-Schule in Betrieb, welche nach dem Ersten Weltkrieg eine bedeutende Position einnahm[1.2].

Am 15. September 1939 besetzten die Deutschen die Stadt, jedoch ging sie bereits eine Woche später auf Grundlage des deutsch-sowjetischen Paktes an die Rote Armee über. Am 27. September 1939 wurde die Stadt der Sowjetunion als Teil der Weißrussischen Sozialistischen Sowjetrepublik einverleibt. Zu dieser Zeit wurden die jüdischen Firmen geschlossen, jüdische politische, soziale und bildende Organisationen verboten. Viele polnische und jüdische „Kapitalisten“ wurden verhaftet und nach Sibirien deportiert. Zeitgleich kamen tausende jüdische Flüchtlinge aus den von den Deutschen besetzten Teilen des Landes nach Białystok. Schätzungen zufolge befanden sich im Umbruch der Jahre 1939 und 1940 bis zu 50-60.000 Juden in der Stadt.

Die Deutschen nahmen Białystok erneut am 27. Juni 1941 ein und blieben bis zum 27. Juli 1944 in der Stadt. Am 28. Juni 1941 wurde das jüdische Viertel Chanajki niedergebrannt und mit ihm auch die Große Synagoge, in der sich 1-2.000 Menschen aufhielten („Schwarzer Freitag“). Den Quellen zufolge kamen an diesem Tag ca. 5.000 Juden um. Am 3. Juli 1941 ermordeten die Deutschen auf den Feldern unweit der Ortschaft Pietraszy ca. 300 Vertreter der jüdischen intellektuellen Eliten. Eine ähnliche Hinrichtung fand an dieser Stelle erneut am 12. Juli statt, wobei 2-5.000 Tsd. Männer ermordet wurden („Schwarzer Samstag“).

Am 26. Juli 1941 wurde in Białystok ein Ghetto eingerichtet, in dem 40-60.000 Juden aus der Stadt und Umgebung festgesetzt wurden. An der Spitze des Judenrates mit seinen 12 Mitgliedern stand Dr. Gedalja Rosenmann. Doch nach nur einem Monat wurde ein neuer Judenrat einberufen, der von dem bisherigen Stellvertreter Rosenmanns, Efraim Barasz, geleitet wurde. Das Ghetto wurde am 1. August 1943 geschlossen. Es befand sich zwischen den Straßen Lipowa, Przejazd, Poleska und Sienkiewicza. Um das ganze Gelände wurde eine Mauer mit drei Toren gebaut. Den östlichen und westlichen Teil des Ghettos trennte das Tal des Flußes Biała. Alle Bewohner des Ghettos im Alter zwischen 15 und 65 Jahren mussten Zwangsarbeit in den von den Deutschen verwalteten Gebieten leisten. Rund 2.000 Menschen wurden vom Judenrat in zahlreichen Werkstätten und kleineren Fabriken auf dem Gelände des Ghettos beschäftigt. Ähnlich wie in anderen Städten hegte der Judenrat die Hoffnung, dass das Engagement der jüdischen Bevölkerung in der Produktion das Überleben der Gemeinschaft sichern könne. Neben den offiziellen Erzeugnissen produzierten die Betriebe auch Waren für die Einwohner des Ghettos. Das erste Jahr verlief relativ ruhig, obgleich die mittellosen Einwohner des Ghettos sehr hohe Steuern und Abgaben zahlen mussten.

Die stetigen Lebensmitteldefizite im Ghetto bewirkten, dass die Einwohner anfingen, Gemüse anzubauen. Der Judenrat organisierte eine Küche für Arme, zwei Krankenhäuser, drei Apotheken, einen Erste-Hilfe-Punkt, zwei Schulen sowie ein Gericht. Über 200 Männer dienten in der jüdischen Polizei im Ghetto.

Zu einem Umbruch kam es im September und Oktober 1941 als rund 5-6.000 Juden aus dem Ghetto in Białystok in das Ghetto in Prużany (heute Weißrussland) deportiert wurden, wo sie bis Januar 1943 umkamen. Seit Beginn des Jahres 1942 wurde Białystok zu einem wichtigen Zentrum des jüdischen Widerstands. Im August 1942 entstand im Ghetto die Bewegung „Blok A“, die aus Mitgliedern des Bundes sowie der Jugendbewegung Ha-Szomer ha-Cair bestand. Der Untergrundkämpfer Mordechaj Tenenbaum (Tamaroff), der von der Jüdischen Kampforganisation aus Warschau im Oktober 1942 nach Białystok geschickt wurde, erstellte aus den Mitgliedern einiger Jugendverbände aus der Vorkriegszeit die Widerstandsbewegung „Blok B“. Ende Juli 1943 entstand eine einheitliche Organisation, die gegen die Nazis kämpfte und einen Aufstand im Ghetto in Białystok vorbereitete. Der Kommandant der Widerstandsbewegung war Mordechaj Tenenbaum und sein Stellvertreter Daniel Moszkowicz. Unter den Kämpfern sollten noch folgende Personen genannt werden: Zerach Zylberberg, Herszel Rosenthal, Chajka Grossman, Israel Margulies und Edek Boraks. Unter der Schirmherrschaft der Organisation wurde ein geheimes Archiv der Widerstandsbewegung gegründet, welches sich an dem Beispiel des Warschauer Ringelblum-Archis orientierte. Das Archiv war bis 1943 in Betrieb. Es wurden Tagebücher, Dokumente des Judenrates sowie der deutschen Verwaltung und andere Materialien gesammelt. Im Frühling 1943 wurde das Archiv auf der „arischen Seite“ versteckt und nach dem Krieg entdeckt. Die meisten der dort gefundenen Materialien befinden sich heute im Institut Yad Vashem in Jerusalem. In der ersten Phase wurde die Widerstandsbewegung im Ghetto u. a. vom Vorsitzenden des Judenrates, Efraim Barasz, unterstützt. Barasz übergab den Kämpfern Informationen, geheime Dokumente der Deutschen und unterstützte sie finanziell. Bis Januar 1943 verblieb die Widerstandsbewegung in Białystok in engem Kontakt mit der Jüdischen Kampforganisation in Warschau, mit den Widerstandskämpfern in Vilnius sowie mit zahlreichen Zellen in anderen Ghettos und den Partisanen, die in den umliegenden Wäldern kämpften. Die jüdische Widerstandsbewegung in Białystok erhielt auch Unterstützung von deutschen Widerstandsbewegungen in Form von Waffen, Karten, Medikamenten und Spionagedokumenten.

Die Liquidation des Ghettos fand im Februar 1943 statt. Vom 5. bis 12. Februar 1943 wurde die erste Aktion durchgeführt, bei der ca. 1-2000 Menschen erschossen und ca. 10.000 in das Todeslager Treblinka deportiert wurden. Am 13. März 1943 wurden 1.148 Personen aus dem Ghetto in Grodno im Ghetto in Białystok festgesetzt. Während der Auflösung des Ghettos begannen die Mitglieder der Widerstandsbewegung hektisch ihren bewaffneten Widerstand zu planen, für den Fall, dass weitere Deportationen geplant waren.

In der Nacht vom 15. auf den 16. August 1943 wurde das Ghetto von der Wehrmacht sowie deutschen und ukrainischen Einheiten der SS umzingelt. Am 16. August 1943 riefen die Widerstandskämpfer angesichts der Pläne, 30.000 Personen vom Ghetto in Białystok zu deportieren, zu einem Aufstand auf. Das Hauptziel der Kämpfe war die Durchbrechung der deutschen Verteidigungslinien, um einer möglichst großen Anzahl von Häftlingen aus dem Ghetto die Flucht in die umliegenden Dörfer zu ermöglichen. Eine kleine Gruppe der Aufständischen (ca. 300-500 Personen) kämpfte mit Pistolen und selbstgemachten Granaten bewaffnet unter der Führung von Mordechaj Tenenbaum und Daniel Moszkowicz über fünf Tage gegen rund 3.000 deutschen Soldaten, Panzer, gepanzerte Fahrzeuge und Kampfflieger. Während des Kampfes starben viele Aufständische, die Anführer Tenenbaum und Moszkowicz hingegen, die erkannten, dass der Aufstand erfolglos war, richteten sich selbst. Rund 150 Kämpfern gelang die Flucht in den Knyszyński-Wald, wo sie sich den Partisanen anschlossen. Kurze Zeit später gründeten sie die jüdische Partisanen-Gruppe „Kadima“, die wiederum 1943 Teil der prosowjetischen Widerstandsbewegung wurde. Der Aufstand im Ghetto in Białystok gilt als die zweitgrößte und zweitwichtigste Erhebung der jüdischen Bevölkerung gegen die Deutschen.

Nach der Niederschlagung des Aufstands kam es zwischen dem 18. und 20. August 1943 zu weiteren Deportationen. Die arbeitsfähigen Juden wurden in Arbeitslager, u. a. nach Poniatowa (Distrikt Lublin) deportiert. Rund 12.000 Menschen aus dem Ghetto wiederum wurden in die Todeslager Treblinka (10 Transporte) und Auschwitz (2 Transporte) deportiert. Weitere 1.200 jüdische Kinder aus Białystok kamen in das Ghetto Theresienstadt in Tschechien, wo sie sechs Wochen lang festgehalten wurden. Zu dieser Zeit verhandelten die Deutschen einen Austausch jüdischer Kinder gegen deutsche Staatsbürger, die in britischer Gefangenschaft waren. Als die Gespräche scheiterten wurden am 5. Oktober 1943 die 1.196 Kinder mit ihren 53 Betreuern nach Auschwitz transportiert, wo sie zwei Tage später in den Gaskammern ermordet wurden.

Infolge der Aktion im Ghetto von Białystok blieben vor Ort nur noch 1-2.000 Menschen. Sie wurden im sog. kleinen Ghetto untergebracht und leisteten Aufräumarbeiten. Das kleine Ghetto wurde am 8. September 1943 aufgelöst, seine Einwohner kamen in das Arbeitslager in Poniatowa sowie in die Vernichtungslager Belzec und Auschwitz sowie in das Konzentrationslager Majdanek. Ein Teil von ihnen kam am 3. November 1943 während der Aktion „Erntefest“, bei der die Deutschen ca. 42.000 Menschen ermordeten, um. Schätzungen zufolge überlebten rund 260 von den 50-60.000 Häftlingen des Ghettos den Krieg. Hauptsächlich waren es Kämpfer der Partisanen sowie Menschen, die sich auf der „arischen Seite“ versteckten.

Nach dem Krieg kehrten 1.085 Juden in die Stadt zurück. Als Synagoge wurde das Cytron Bet Midrash gewählt, welches den Krieg überdauert hatte. Im alten Gebäude des Piaskowe Bet Midrash wurde 1950 die Sozial-Kulturelle Gesellschaft der Juden gegründet. Zum zweiten Jahrestag der Liquidierung des Ghettos wurde am 16. August 1945 auf Initiative der Überlebenden ein steinerner Obelisk mit folgender Aufschrift enthüllt:

Zum Gedenken an die 60 000 jüdischen Brüder aus dem Ghetto in Białystok, die von Deutschen ermordet worden sind – von den am Leben verbliebenen Juden. Das Volk Israel lebt.

Im Jahre 1946 wurde ein weiteres Denkmal enthüllt, welches den Widerstandskämpfern im Ghetto gewidmet wurde. Zwei Jahre später wiederum wurde ein Mausoleum zum Gedenken an die jüdischen Partisanen auf dem jüdischen Friedhof errichtet. Infolge der antisemitischen Hetze in den Jahren 1967-1968 wanderte ein großer Teil der Juden aus Białystok aus (bis 1972).

Literaturverzeichnis:

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Fußnoten
  • [1.1] Diese Bezeichnung wurde auch im Falle von Vilnius angewandt - Anm. Red.
  • [1.2] Sirota M., Torah Institutions And Leaders, [in:] Der Bialystoker Jizkor Buch, New York 1982, S. 28.